„Ich fahr Pakete aus in Peking“ von Hu Anyan

Vertraglich verbriefte 60-Stunden-Woche

Zwei Jahrzehnte lang war Hu Anyan einer von 300 Millionen chinesischen Wanderarbeitern. In „Ich fahr Pakete aus in Peking“ erzählt er von seinen 19 Jobs im Billiglohnsektor.

Teilen

Stand

Von Autor/in Katharina Borchardt

Hu Anyan hatte 19 verschiedene Jobs. Er war Kurierfahrer, Warensortierer, Eisverkäufer und Tankwart. Er arbeitete im Copyshop, in Imbissbuden, bei der Security und hatte auch mal selbst einen Laden für Damenbekleidung. In verschiedenen chinesischen Städten und innerhalb von nur zwei Jahrzehnten. 

Darüber hat er ein Buch geschrieben: „Ich fahr Pakete aus in Peking“ heißt es sehr sachlich, und genau so ist es auch verfasst: als die Chronik eines Arbeiterlebens, das vor allem darin besteht, von der ersten bis zur letzten Seite tonnenweise Waren zu verschieben. 

Einsamer Malocher statt Held der Arbeit 

300 Millionen Wanderarbeiter gibt es in China. Vielleicht wurde Hus Buch auch deshalb ein Megaseller. Und weil er keinen glühenden Helden der Arbeit bietet, wie das im Sozialistischen Realismus sehr lange üblich war. Hu ist eher der Typ einsamer Malocher. Einmal arbeitet er als Paketsortierer.

Das Logistikzentrum ist enorm, etwa zehn Fußballfelder groß. Ständig fahren LKWs die Halle an und liefern Waren, die dann von über hundert Gabelstaplern entladen und zu den Sortierteams gebracht werden. 

Ich arbeitete die Nachtschichten, jeden Abend von sieben Uhr bis um sieben Uhr morgens, mit zwei freien Tagen im Monat. […]

„Beim sogenannten „Vorstellungsgespräch“ ging es nur um Formalitäten, eigentlich wurde niemand abgelehnt, aber bevor man eingestellt wurde, musste man drei Tage ohne Lohn Probe arbeiten,“ erklärt Hu in seinem Buch.

„Das entsprach wahrscheinlich nicht dem „Arbeitsrecht“, aber ich hab mich erkundigt, alle Firmen im Logistikpark haben das so gemacht. Wer damit nicht klar kam, hat den Job eben nicht bekommen.“

Der chinesische Schriftsteller Hu Anyan
Der chinesische Schriftsteller Hu Anyan Pressestelle (c) Suhrkamp Verlag, Hu Anyan

Depression durch Überarbeitung 

Seine Arbeitsodyssee erzählt Hu Anyan ohne große Aufregung, auch wenn es ihm zwischenzeitlich ziemlich schlecht geht.

Er lebt in einfachen Unterkünften, schläft manchmal sogar hinter der Ladentheke und muss trotzdem spitz rechnen. Oft scheint es, als würde Hu sein eigenes Leben kaum spüren. Vielleicht hat er zwischen den Schichten auch einfach keins.

Sein Lebensbericht wirkt eher wie ein zwei Jahrzehnte langer Lieferschein. Vertraglich verbrieft ist ihm eine 60-Stunden-Woche, doch meistens werden daraus eher 72 Stunden. Mit der Zeit merkt er, dass er immer reizbarer wird, langsamer denkt und viel vergisst.

Hus Schilderung von Einsamkeit, Verrohung und schließlich Depression durch Überarbeitung macht dieses Buch zu einem atemberaubenden Dokument. Auch der Glaube an den staatlich propagierten Fortschritt kommt ihm abhanden.

Amerikanische Schriftsteller als Stütze

Was Hu Anyan hilft: in seiner knappen Freizeit lesen und schreiben. Am liebsten liest er amerikanische Autoren wie Salinger, Carver, Yates und Capote. 

„Mich faszinierte, dass die Art und Weise, wie im amerikanischen Realismus das Leben und die Gefühle beschrieben wurden, auch in mir Widerhall fand,“ schreibt Anyan.

„Das lag wahrscheinlich daran, dass Konsum und die Warengesellschaft auf der ganzen Welt zunehmend Einfluss gewannen und menschliche Erfahrungen immer mehr homogenisierten.“

Je mehr literarische Werke ich las, desto distanzierter fühlte ich mich von meiner eigenen Realität. 

Sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung 

Vielleicht hat der Arbeiter Hu Anyan bei den amerikanischen Autoren gelernt, dass Literatur rau sein darf. Fakten statt Metaphern.

Hus ungeschliffene Ehrlichkeit jedenfalls trifft auch deutsche Leserinnen und Leser direkt ins Herz. Darin ist sie den Malocher-Interviews von Liao Yiwu und den Gedichten der Wanderarbeiterin Zheng Xiaoqiong seelenverwandt. 

Zugleich ist Hus Bericht aber mehr Ich-Chronik, dem übrigens auch Monika Lis sehr gegenwärtige, blogsprachliche Übersetzung herausragend Rechnung trägt.

Hus Unmittelbarkeit durchstößt die glänzende Oberfläche einer journalistischen Berichterstattung, in der wir China nur als ökonomische Megapower bestaunen. Sie ist durch und durch menschlich. 

Eine chinesische „Erzählung von den Konsumgütern“ „Ohne Lyrik lässt sich die Arbeit nicht ertragen“ – die neuen Gedichte der Wanderarbeiterin Zheng Xiaoqiong

Zheng Xiaoqiong ist Wanderarbeiterin. Im Lyrikband „Erzählung von den Konsumgütern“ berichtet sie vom Alltag in der Fabrik. Hören Sie die Übersetzerin Lea Schneider im Gespräch!

lesenswert Magazin SWR Kultur

Platz 10 (29 Punkte) Zheng Xiaoqiong: Erzählung von Konsumgütern

Zheng Xiaoqiong zog im Alter von 21 Jahren in die Provinz Guangdong und verdingte sich in diversen Fabriken als Arbeiterin. Im Jahr 2016 begann sie, Gedichte zu schreiben. Nun liegt erstmals ein Band von ihr auf Deutsch vor.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Katharina Borchardt