Wir alle kaufen gerne günstige China-Produkte: Laptops, Handys, Möbel und Kleidung. Die Sachen wurden in den immensen Fabriken der Volksrepublik hergestellt. „In China gibt es heute ungefähr 300 Millionen WanderarbeiterInnen“, sagt die Sinologin Lea Schneider. „Es handelt sich dabei um die größte Arbeitsmigrationswelle, die es in der Geschichte der Menschheit je gab.“
Roman aus Oman sowie Geschichten aus den Emiraten Mit neuen Büchern von Katie Kitamura, Zheng Xiaoqiong, Caroline Hau, Jokha Alharthi und dem aktuellen Wasafiri Magazine
Heute lesen wir Bücher aus sonnigen Ländern: Lyrik aus China und einen Roman von den Philippinen. Einen Roman aus Oman sowie Geschichten aus den Emiraten. Und Katie Kitamura.
Zheng Xiaoqiong schreibt Arbeiterlyrik
Eine dieser Arbeiterinnen ist die Lyrikerin Zheng Xiaoqiong. Vielleicht haben wir Produkte bei uns zuhause, die sie hergestellt hat.
Zheng wurde 1980 in der Provinz Sichuan geboren und zog als 21-Jährige in die Provinz Guangdong, die Wiege des chinesischen Wirtschaftswunders. Dort arbeitete sie in Fabriken, die Möbel, Elektronik und Metallwaren herstellen. Und sie schrieb Gedichte.
„Wir alle haben ein Recht auf Gedichte, weil sich die Arbeit ohne sie nicht ertragen lässt“, sagt Zheng Xiaoqiong in einem Gespräch mit Christian Filips. Filips ist Herausgeber des Gedichtbandes „Erzählung von den Konsumgütern“.
Überstunden, Müdigkeit und Arbeitsunfälle
Nachdem bereits 2016 erste Gedichte von Zheng Xiaoqiong in der Anthologie „China-Box“ erschienen, ist die „Erzählung von den Konsumgütern“ ihr erster Gedichtband auf Deutsch. Darin erzählt Zheng von der Arbeit und den Menschen in der Fabrik. Überstunden, Müdigkeit und Arbeitsunfälle spielen eine große Rolle.
Es sind sehr gegenwärtige Texte, die aber auch lyrische Traditionen kennen, sagt Lea Schneider: „Zheng Xiaoqiongs Gedichte beziehen sich oft auf klassische Formen der chinesischen Lyrik. Teils beziehen sie sich auf kanonisierte Dichter, die vor mehr als zweitausend Jahren lebten, teils aber auch auf wichtige Dichter der Moderne, etwa auf Guo Moruo.“
Die Bedeutung der Wanderarbeiter-Lyrik in China
Wanderarbeiter-Lyrik ist in China inzwischen weit verbreitet. „Zheng ist eine der ersten Arbeiterinnen, die mit ihrer Lyrik bekannt wurde“, sagt Schneider, „aber es gibt mittlerweile eine riesige literarische Bewegung mit eigenen Literaturmagazinen und sogar einem Museum für Wanderarbeiter-Lyrik und Wanderarbeiter-Kultur.“
Kein Sozialistischer Realismus
Trotzdem ist Zhengs Lyrik nicht ganz ungefährlich. Ihre Figuren sind fleißig, aber sie entsprechen nicht den strahlenden Helden des Sozialistischen Realismus.
„In ihren Arbeiterinnenporträts besteht Zheng auf dem Partikularen, auf dem Einzelfall. Dieser widerspricht den Mechanismen der Globalisierung und auch der Entwertung des Individuums. Das ist für mich eine ganz starke politische Geste“, sagt Schneider. „In ihren Gedichten benennt Zheng Ausbeutungszusammenhänge auf einer globalen Ebene. Außerdem sind Umweltkatastrophen, die durch industrielle Produktion hervorgerufen werden, sehr präsent in ihren Gedichten.“
Übersetzen im Fünfer-Team
„Erzählung von den Konsumgütern“ wurde von Sara Landa, Maja Linnemann und Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips übersetzt. Eine sehr fruchtbare Gemeinschaftsarbeit, findet Lea Schneider im Gespräch auf SWR Kultur.
„Ich finde es sehr schön, dass unterschiedliche Töne in der Übersetzung hörbar sind, weil wir ja alle verschiedene Stile haben. Gerade dadurch bekommt man, finde ich, ein besseres Bild davon, wie Zheng Xiaoqiong im Original klingt.“
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Gespräch Neuauflage von „Nausicaa“ – Miyazakis düstere Umweltfabel als Manga auf Deutsch
Mit der Neuauflage des Manga-Comics Nausicaa wird ein frühes Meisterwerk von Ghibli-Gründer Hayao Miyazaki erstmals auf Deutsch zugänglich.
Im Zentrum steht Prinzessin Nausicaa, die in einer postapokalyptischen Welt lebt, „in der ein giftiger Urwald die Erde zurückerobert – als Reaktion auf Krieg und Umweltzerstörung“, sagt SWR KULTUR-Comicexperte Max Bauer.
Die Geschichte verbindet ökologische Themen mit einer tiefgründigen Heldinnenreise und wirkt dabei heute aktueller denn je. „Nausicaa ist keine klassische Kämpferin, sondern eine Forscherin, die das Geheimnis hinter dem scheinbar feindlichen Wald entschlüsselt“, so Bauer.
Der Comic gilt als Grundlage für den späteren Welterfolg der Ghibli-Filme und thematisiert die Zerstörungskraft menschlicher Herrschsucht. Miyazakis Handschrift sei dabei unverkennbar: „Diese Werke erzählen mit einer lieblichen Formsprache von zutiefst politischen und oft düsteren Themen.“
Dass KI-generierte Bilder im Ghibli-Stil derzeit im Netz kursieren, zeige laut Bauer nur, „wie wenig dieser Trend den Kern von Miyazakis Werk verstanden hat“. Die Nausicaa-Neuauflage bietet nun die Gelegenheit, sich diesem vielschichtigen Original in seiner ganzen Tiefe zu nähern.