Das Dorf hat in Kathrin Bachs Buch seine speziellen Gesetze. Oft unterscheiden die sich nur in Nuancen, aber doch entscheidend von denen des Nachbardorfes. In minimalen Abweichungen im Dialekt, die einen eigentlich Einheimischen plötzlich zum Fremden machen.
Kathrin Bach, geboren in Wiesbaden, aufgewachsen in einem hessischen Dorf nahe der Grenze zu Rheinland-Pfalz, hat mit „Lebensversicherung“ einen Debütroman von einer Qualität geschrieben, wie man sie selten findet: Leicht, fast beschwingt im Tonfall, aber tiefgründig und präzise in den Beobachtungen blickt Bachs Erzählerin zurück auf ihre Kindheit und Jugend in den 1990er-Jahren zwischen ländlicher Beengtheit und Geborgenheit.
20 Romane auf der Longlist Auffallend sind die Leerstellen: Diese Titel sind nominiert für den Deutschen Buchpreis 2025
Die Jury des Deutschen Buchpreises wählte diese 20 Romane auf die Longlist. Unter anderem dabei sind neue Bücher von Nava Ebrahimi, Dmitrij Kapitelman und Christine Wunnicke.
Das Dorf, in dem sie aufwächst, hat eine Buswendeschleife, einen Sportplatz, ein Dorfgemeinschaftshaus und ein Neubaugebiet. Kathrin Bach selbst beschreibt die Perspektive der Hauptfigur auf den Ort ihrer Herkunft folgendermaßen:
Sie schaut vor allem mit so viel Distanz auf den Mikrokosmos Dorf, dass sie schon wieder recht liebevoll darauf blicken kann und es als einen Mikrokosmos wahrnehmen kann, dessen Vorteil es ist, dass Menschen sich kennen und auch in allen Lebenslagen unterstützen – und dessen Nachteil es ist, dass Menschen sich kennen und in allen Lebenslagen auch beäugen und alles mitbekommen und dass alles unter einer Glocke geschieht, die sehr viel Kontrolle bedeutet.
Die Angst als heimlicher Motor
Wichtige Frage: Gibt es so etwas wie eine Versicherungsvertreterdynastie? Vielleicht. Und wenn nicht, hat Kathrin Bach sie erfunden. Beide Großväter ihrer Protagonistin haben nach dem Zweiten Weltkrieg damit begonnen, Versicherungen zu verkaufen.
Der Vater wiederum hat den Kundenstamm seines Schwiegervaters übernommen und im Keller des neu gebauten Hauses sein Büro eröffnet. „Lebensversicherung“ ist Milieugeschichte und Gesellschaftsroman zugleich. In kurzen, oft nur wenigen Zeilen umfassenden Kapiteln nimmt Bachs Erzählerin ihr Umfeld in den Blick und entwickelt in dieser Komprimierung eine erstaunliche Schärfe.
Platz 8 (21 Punkte) Kathrin Bach: Lebensversicherung
Ein hessisches Dorf in den 1990er-Jahren. Dort wächst die Ich-Erzählerin auf. Die Eltern verkaufen Versicherungen. Die Großeltern haben Versicherungen verkauft. Doch es gibt Ängste, gegen die man sich nicht versichern kann. Hinter alldem tun sich nicht nur persönliche, sondern auch sehr deutsche Abgründe auf.
Das heimliche Zentrum des Romans bildet ein traumatisches Ereignis im frühen Kindheitsalter der Erzählerin. Ein Unfall, der ihr Leben verändert hat. So aufgekratzt heiter ihr Ton auch manchmal sein mag – sie selbst leidet an einer mit zunehmendem Alter immer stärker werdenden Angststörung, an Panikattacken, Kotzanfällen.
Stets führt sie einen Beutel mit Anti-Brechmitteln mit sich. Kathrin Bach formuliert das zentrale Thema ihres Romans so:
Es geht grundsätzlich darum, dass wir Angst haben. Dass wir alle Angst haben. Und versuchen, uns mit Versicherungen vor Dingen, vor schlimmen Dingen, die passieren können, abzusichern. Ich würde sogar vermuten, dass dahinter der Wunsch steht, sich gegen den Tod und die Sterblichkeit zu versichern, was natürlich nicht geht.
Listen, die die Welt ordnen
Dem Durcheinander, das in der nach außen hin so bürgerlichen Familie herrscht, begegnet Bachs Protagonistin mit Listen und Piktogrammen, die in den Roman eingearbeitet sind. Hier will jemand die Welt durchstrukturieren.
Und weil das alles so ordentlich wirkt, wenn es auf Buchseiten gedruckt ist, könnte man dazu neigen, Bachs ausgesprochen scharfsinnigen Roman zu unterschätzen. Im Mai 2025 vermeldete der Vorstand der Allianz Versicherung das bisherige Rekordergebnis seiner 135-jährigen Firmengeschichte.
Der Vorstandsvorsitzende Oliver Bäte kommentierte das mit den Worten, wenn die Politik an Vertrauen und die Gesellschaft an Zusammenhalt verliere, garantiere ein starkes Versicherungsportfolio für den Einzelnen eine sichere Zukunft. Kann vor diesem Hintergrund ein Roman aktueller sein als „Lebensversicherung“?