Aufstieg zur Universitätsprofessorin

Katriona O’Sullivans Lebensgeschichte „Working Class Girl“

Katriona O’Sullivan erinnert sich in „Working Class Girl“, wie sie mit Mut, staatlicher Unterstützung und zugewandten Menschen aus prekären Verhältnissen zur Universitätsprofessorin aufstieg.

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Stand

Von Autor/in Claudia Fuchs

Armut hat viele Gesichter. Straßenkinder in fernen Ländern fallen einem ein, unterernährt, schmutzig und in zerlumpter Kleidung.  

Katriona O’Sullivan ging in den 1980er Jahren in England ungewaschen und hungrig zur Grundschule. Das Mädchen hatte Nissen in den Haaren, roch penetrant nach Urin und hatte keine Unterwäsche zum Wechseln. Zuhause gab es für sie und die vier Geschwister weder Handtücher noch Seife und keine regelmäßigen Mahlzeiten. 

Aufwachsen „ganz unten“ 

Für Katriona war das normal. Ihre Eltern waren heroinabhängig, Alkoholiker und Kettenraucher. Sie finanzierten ihre Süchte mit Drogenhandel und Prostitution. In der Sozialwohnung hingen ihre Junkie-Freunde ab, setzten sich den nächsten Schuss oder schliefen betrunken ihren Rausch aus. Unter dem Teppich lagen Drogenpäckchen und unterm Sofa blutverschmierte Spritzen.

Wie übersteht ein Kind Armut, Vernachlässigung und alltägliches Chaos? 

„Aufstieg einer Frau von ganz unten“ ist der Untertitel des Buches, in dem die Autorin in einer Mischung aus Autobiografie, Selbstanalyse und Gesellschaftskritik ihren ungewöhnlichen Lebensweg reflektiert. 

Schule als Lichtblick  

Die Einschulung brachte für die kleine Bettnässerin Katriona einen ersten Lichtblick. Eine aufmerksame Lehrerin versorgte das Kind mit Waschsachen und frischer Unterwäsche.  

Es war mir damals noch nicht bewusst, aber dieser kleine praktische Akt der Selbstfürsorge … ließ mich tief in meinem Innern begreifen, dass ich mein Schicksal selbst in die Hand nehmen konnte. Ich war selbst in der Lage dazu, mich frisch und sauber zu fühlen. Ich begriff, dass die Menschen gut und freundlich waren und ich die Fürsorge wert.

Für Katriona war die Schule ein Fluchtpunkt. Hier gab es Bücher, kostenloses Schulessen, Anerkennung für gute Leistung und verlässliche Regeln. Ihr Zuhause war kein Schutzraum. Es wurde zur Hölle: Ein Bekannter vergewaltigte die sechsjährige Katriona brutal. Die Mutter quittierte dies mit der Bemerkung: »Tja …, na ja, mich hat er auch vergewaltigt.« 

Katriona O’Sullivans Erinnerungen sind ein Protokoll des Versagens auf vielen Ebenen, aber auch ein Mutmacher, weil es inmitten des frühen Unglücks immer wieder Menschen gab, die an sie glaubten.  

Die 16 jährige Schulabbrecherin musste sich als alleinerziehende Mutter um ihr Kind kümmern. Doch ein engagierter Lehrer sah ihr Potential, organisierte Geld für die Kinderbetreuung und überzeugte sie, die Mittlere Reife zu machen.

Katrionas langer Weg bis zum Psychologie-Studium am renommierten Trinity-College in Dublin ist voller Hürden und liest sich spannend, weil die Autorin die junge Frau von damals noch einmal ganz nah heranholt.  

Die vielfältigen Folgen von Armut 

Autorin Katriona O'Sullivan
Autorin Katriona O'Sullivan Pressestelle Kjona Verlag (c) Johnny Savage

Großbritannien ist geprägt von einem tief verwurzelten Klassensystem. O‘Sullivan weiß, wie wichtig staatliche Gelder für Förderkurse und Kinderbetreuung waren. Das Buch ist im englischen Original unter dem mehrdeutigen Titel „Poor“, also „Arm“, erschienen. O‘Sullivan schreibt dazu: 

Armut bedeutete auch intellektuelle Armut, Armut an Anreizen, Armut an Sicherheit, an Beziehungen. Arm zu sein entscheidet darüber, wie man sich wahrnimmt, wie viel Vertrauen man hat, wie man sich sprachlich ausdrückt, welche Sicht auf die Welt man hat und wie man träumt. 

Warum der Kjona Verlag das sehr empfehlenswerte Buch unter dem irreführenden Titel „Working Class Girl“ auf den deutschen Markt bringt, ist unverständlich, denn O’Sullivans Herkunftsfamilie gehörte nicht zur Arbeiterschicht.

Gefühlsmäßig zählte sich die Autorin als langjährige Sozialhilfeempfängerin zur Unterschicht. Mit ihrer Promotion und der Professur ist ihr ein seltener sozialer Aufstieg im starren britischen Klassensystem gelungen, der wegen Kürzungen im Sozialsystem heute so kaum mehr möglich wäre.  

„Mir gewidmet, der Siebenjährigen“, schreibt die Autorin in ihrer Widmung. Und allen, die solche Vorbilder brauchen, möchte man hinzufügen. 

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Claudia Fuchs