Buchkritik

„Was willst du in Berlin?“: Reiseprotokoll des Germanisten Klaus Kanzog

Eine anonyme Todesanzeige führt den Arzt Bernhard nach 50 Jahren zurück nach Berlin. Klaus Kanzog erzählt in einem Spiel aus Fiktion und Autobiografie von Erinnerung und Herkunft.

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Stand

Von Autor/in Manfred Hattendorf

Die Geschichte beginnt an einem Wintertag in Halifax in Kanada. Ein unerhörtes Ereignis bricht in das Leben des pensionierten Frauenarztes Dr. Bernhard E. Smith herein.

Doch eigentlich heißt Bernhard gar nicht „Smith“, sondern „Bernhard Schmidt“. Er hatte seinen Familiennamen bei seiner Einbürgerung in die USA abgelegt. Mit seiner amerikanischen Frau Isabelle war er später nach Kanada umgesiedelt. Mittlerweile ist Smith Kanadier und verwitwet.  

Bereits mit dem ersten Satz des Romans ist alles anders als zuvor: 

Du hast alle Brücken abgebrochen, die Vergangenheit abgeschüttelt, aber die Erinnerung holt dich wieder ein.

„Wer hatte ihm den Zeitungsausschnitt mit der Todesanzeige geschickt, ohne Absenderangabe? Wer kannte seine Adresse? Und warum jetzt? Terrys Tod lag, wie er feststellte, schon ein Jahr zurück. Abgestempelt war der Brief in Berlin.“  

„Amerika – ein Traumziel“ 

Terry ist mehr als nur eine Jugendfreundin von Bernhard gewesen. Sie war seine Jugendliebe. Daher bringt die Nachricht Bernhards Leben aus dem Gleichgewicht. Er beschließt, zum ersten Mal seit über 50 Jahren wieder in die Stadt seiner Kindheit zu fliegen, nach Berlin. 

Dort kennt man Bernhard noch unter seinem Spitznamen Hardy. Hardy hatte die Stadt bereits 1949 verlassen, lange vor dem Bau der Mauer, die seine Familie im Osten Berlins später von dem anderen Teil Deutschlands und der Welt abschnitt.

Selbst nach dem Tod seiner Eltern war er nicht zurückgekommen. Seine Schwester Marianne macht ihrem Bruder Hardy daher Vorwürfe, als er ihr gegenüber von seinem neuen Selbstwertgefühl als Kanadier spricht: 

„Wir mussten uns dieses Selbstwertgefühl hier erkämpfen“. Und:

Du bist damals den bequemeren Weg gegangen, Bernhard. Natürlich hätte auch jeder andere die Chance genutzt, aus dieser Misere hier herauszukommen, und mancher war neidisch auf dich: Amerika – ein Traumziel!

Distanz zu inneren Gefühlen

Klaus Kanzogs Roman zeichnet sich durch ein starkes Ortsgefühl aus. Wenn Hardy in der Kneipe berlinert oder mit der U-Bahn nach Schöneberg fährt, vermittelt sich der Eindruck, unmittelbar dabei zu sein.

Ein innerer Stadtplan entsteht, so als könne man die Strecke beim nächsten Besuch in Berlin nachfahren. Die Hauptfigur umgibt ein Geheimnis. Dabei hält sie uns auf Distanz zu ihren Gefühlen. 

Diese Distanz gibt der Autor erst auf, wenn sich Hardy an das jüdische Mädchen Abigail erinnert, die er als Zehnjähriger bei einer „Luftkur“ kennengelernt hatte. Später hat er während des Kriegs in Berlin nach Abigail gesucht, aber keine Spur mehr von ihr gefunden.  

Ein Kanadier mit Berliner Vergangenheit 

Hardy gibt Fremden und Jugendfreunden nur widerwillig Einblicke in sein Inneres, er fühlt sich fremd in der alten Heimat, empfindet sich als „einer aus der Generation der Täter“, „ein Kanadier mit Berliner Vergangenheit“.

Das wird besonders stark deutlich, als Hardy herausbekommt, dass Abigail den Holocaust überlebt hat und jetzt unter anderem Namen in London lebt. 

Das Buch von Klaus Kanzog ist ein Wechselbad von Distanz und Nähe, so wie Erinnerungen und Träume es auch sind. Mehrfach werden in „Was willst du in Berlin“ Briefe begonnen, aber nicht beendet oder abgeschickt.

Am Ende weiß Hardy, wer ihm die Todesanzeige geschickt hat. Er kehrt mit Antworten aus Berlin nach Kanada zurück, konnte etwas klären, sich seiner persönlichen Schuld stellen.  

Fiktion und Autobiographie 

Klaus Kanzogs Romanfigur Hardy hat mit dem Autor so manches gemeinsam. Wie Hardy wurde auch Kanzog 1926 im Ostteil von Berlin geboren. Beide gehörten der sogenannten „Flakhelfergeneration“ an. Kanzog erlebte den Krieg und die Bombennächte an der Heimatfront, in großer innerer Distanz zur nationalsozialistischen Ideologie. 

Ausgewandert ist der Germanist Klaus Kanzog nicht nach Kanada – sondern nach München. Den Arzt Hardy lässt er als sein Alter Ego in der Erzählung an Orte schmerzhafter Erinnerung zurückkehren. 

So gelingt es Klaus Kanzog in „Was willst du in Berlin?“, einen Erinnerungsroman zu schreiben, der universelle Fragen stellt, ein gelungenes Spiel zwischen Fiktion und Autobiographie.  

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Manfred Hattendorf