Buchkritik

Liz Moore – Der Gott des Waldes

Die 13-jährige Barbara Van Laar verschwindet im August 1975 aus einem Feriencamp. Besonders heikel: Vor 14 Jahren ist ihr Bruder Bear ebenfalls in dieser Gegend verschwunden. Er wurde niemals gefunden. Und seit damals denken so einige Menschen, dass die reichen Van Laars etwas zu verbergen haben... Ein vielschichtiger, unterhaltsamer Spannungsroman über Machtmissbrauch und gesellschaftliche Dynamiken.

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Stand

Von Autor/in Sonja Hartl

August 1975. Im Ferienlager Camp Emerson bricht Panik aus: Die 13-jährige Barbara van Laar ist verschwunden.  

Ausgerechnet Barbara, denkt Louise. Von allen Ferienkindern, die verschwinden könnten.  

Denn Barbaras reicher Familie gehört das Feriencamp im Norden des Bundesstaats New York. Und mehr noch: Vor 14 Jahren verschwand hier ihr Bruder Bear. Er wurde niemals gefunden.  

Einblicke in eine ländliche Gesellschaft 

Geschickt baut Liz Moore in ihrem Roman „Der Gott des Waldes“ Spannung auf: Nachdem Barbaras Verschwinden von der Camp-Betreuerin Louise entdeckt wurde, wechseln die Kapitel zwischen Figuren und Zeitebenen. Nach und nach erfährt man, dass einige Ortsansässige glauben, die reiche Familie Van Laar habe damals beim Verschwinden des Sohnes nicht die ganze Wahrheit gesagt.

Verschiedene Verdachtsmomente gegen Familienmitglieder, aber auch Orts- und Campbewohner entstehen. Dazu geben die unterschiedlichen Perspektiven Einblicke in die Dynamiken innerhalb der Familie van Laar und in die Verflechtungen vor Ort. 

„Raten Sie mal, welchen Namen diese alte Familie ihrem Haus gegeben hat“, sagte er. „Sekunde. Ich denke nach“, sagte Delphine ernst. Und dann sagte sie: „Manderley“. „Nein, sagte der Fahrer. „Self-Reliance. Self-Reliance!“ Er schlug sich auf die Schenkel.  

Delphine – die spätere Schwägerin der Van Laars – versteht anfangs nicht, was daran witzig ist. Der Fahrer indes weiß, dass die Familie sich vor allem auf ihr Geld, ihren Einfluss und die Arbeit anderer verlässt.

Seit reiche Familien wie sie ländliche Gegenden in voller Ralph-Waldo-Emerson-Verklärung entdeckt haben, kümmert sich der Staat um die Bewahrung der Natur und errichtet Schutzgebiete. Dadurch müssen Fabriken schließen, verlieren Ortsansässige ihr Land und ihre Einnahmequellen. Sie brauchen nun Familien wie die Van Laars als Arbeitgeber. Eine Abhängigkeit mit fatalen Folgen.  

Weibliches Leben in den 1970er Jahren 

Wie zuletzt Erin Flanagan oder auch Hayley Scrivenor nimmt Liz Moore das Verschwinden eines Mädchens vor allem als Anlass, um von einer Region zu einer bestimmten Zeit zu erzählen: die ländliche Gegend der Adirondack Mountains insbesondere von 1961 – das Jahr, in dem Bear verschwand – bis in die Erzählgegenwart 1975.

Erst nach mehr als 100 Seiten kommt die Perspektive einer Ermittlerin hinzu: Judyta Luptack hat gerade erst als eine der ersten Frauen im Staat New York die Fortbildung zur Investigatorin bei der State Police gemacht. Durch ihre Befragungen kommen weitere Figuren zu Wort: Die Leiterin des Camps, aber auch die Gäste, die Barbaras Eltern an dem Wochenende ihres Verschwindens hatten.  

Liz Moore dosiert die Informationen klug, wählt die Blickwinkel mit Bedacht. Ihr Roman steckt voller feinfühliger Beobachtungen über die Schwierigkeiten und Verletzlichkeiten des Heranwachsens, die vielen Grenzen zwischen sozialen Schichten, das Leben als Mädchen und Frau in diesen Jahren.  

„Ich verstehe schon“, sagt er. „Barbara sah viel älter aus als dreizehn.“ 

Louise dreht sich der Magen um. Früher hat sie diesen Ausdruck öfter gehört, und zwar über sich selbst. „Nein, tut sie nicht“, sagt sie. Sie achtet darauf, das Präsens zu verwenden und nicht in die Grammatikfalle zu tappen, die der Polizist ihr gestellt hat. „Sie sieht aus wie eine Dreizehnjährige mit schwarzem Eyeliner. Sie sieht aus wie ein Kind.“ 

Serienverfilmung ist in Planung 

Leider zeigt Moore in der Figurenzeichnung nicht immer diese Präzision: Gerade die Darstellung der reichen Männer ist an der Grenze zur Karikatur. Auch gibt es zwischen der Ermittlerin Judyta und der Camp-Betreuerin Louise zu viele Ähnlichkeiten: Sie sind sehr hübsch, aus einfachen Verhältnissen und suchen nach einem Weg in eine bessere Zukunft.  

Insgesamt aber sorgen die Scharfsinnigkeit, die gelungene Komposition und der subtile Humor dafür, dass man gerne Zeit in dieser 588-Seiten langen Welt verbringt. „Der Gott des Waldes“ steckt voller Themen, ohne dass eines im Vordergrund steht – und damit voller Details, die man entdecken kann. Es überrascht daher wenig, dass sich Sony schon die Rechte zur Serienverfilmung gesichert hat.  

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Autor/in
Sonja Hartl