Die familiäre Last des Schweigens nach dem Krieg

Eine berührende und eindrucksvolle Recherche: Lorenz Hemickers „Mein Großvater, der Täter"

Als Enkel eines SS-Offiziers erforscht der Journalist Lorenz Hemicker die Rolle seines Großvaters bei der Ermordung von Juden im Wald von Rumbula.

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Stand

Von Autor/in Oliver Pfohlmann

Persönlich hat Lorenz Hemicker seinen Großvater nie kennengelernt, er starb 1973, fünf Jahre vor der Geburt des Autors. Inzwischen, nach jahrelangen Recherchen, glaubt sein Enkel diesen Mann aber gut genug zu kennen, um sich ein Urteil über ihn erlauben zu können.

Was nichts daran geändert hat, dass es dem FAZ-Redakteur noch immer schwerfällt, diesen Mann seinen Großvater zu nennen, im Gegenteil. Lieber nenne er ihn nach seinem Vornamen, Ernst, schreibt Lorenz Hemicker in seinem Buch.

Nach der Lektüre dieser eindringlichen Spurensuche in einer deutschen, allzu deutschen Familiengeschichte dürfte das niemanden verwundern. Immerhin war Ernst Hemicker als SS-Offizier an Massenerschießungen von Juden beteiligt. Unter anderem. 

Er war ein williger Vollstrecker. Ein Massenmörder, der geholfen hat, Zehntausende zu töten. Und er wurde zum Fluch für meinen Vater, den diese Schuld sein Leben lang bedrückte. Meinen Frieden kann ich mit ihm darum niemals schließen.

Folgenreiches familiäres Schweigen 

Tatsächlich handelt Lorenz Hemickers Buch nicht nur vom Nazi-Großvater. Sondern auch von der Last des familiären Schweigens nach dem Krieg, das erst durch eine drohende Anklage wegen Beihilfe zum Massenmord in den späten Sechzigern beendet wurde.

Seinen Vater Peter habe das Wissen um die Taten seines Erzeugers zeitlebens verfolgt; geradezu zwanghaft sei er bei jedem Familienessen auf den Holocaust zu sprechen gekommen, erinnert sich der Autor. Zugleich habe sein Vater aber die Rechtfertigungen des Großvaters ein ums andere Mal reproduziert, habe sich regelrecht an sie festgeklammert.

Ernst Hemicker behauptete bis zuletzt, er habe nur Befehle befolgt. Und sei sogar, als er im November 1941 die Erschießung Tausender Jüdinnen und Juden im Wald von Rumbula überwachen musste, zusammengebrochen. 

Rumbula
Ende 1941 wurden im Wald von Rumbula über 27.000 Juden von den Nazis ermordet. Hier: Die Gedenkveranstaltung zum 80. Jahrestag des Massakers von Rumbula in Riga, 30.11.2021.

„Natürlich lief alles reibungslos“  

Eine Behauptung, für die Lorenz Hemicker in den Aussagen anderer Beteiligter keinerlei Belege fand. Fakt ist dagegen, dass sein Großvater als gelernter Tiefbauingenieur für einen SS-General die berüchtigten Gruben im Wald von Rumbula konstruierte, inklusive der nach unten führenden Rampen.

Schließlich habe man es den „armen Menschen“ nicht zumuten können, auch noch hinunterzuspringen, wie es der Großvater bei einer Vernehmung formulierte.  

Die Ermordung der Juden und der zivilisierte Umgang mit Menschen standen nebeneinander, ohne dass dies für ihn zu einem offenkundigen Widerspruch wurde: Mal sprach er wie ein Techniker, mal mitfühlend wie ein Mensch, dem seine Arbeit zuwider war. „Natürlich lief alles reibungslos“, gab Ernst zu Protokoll. Gedanken habe er sich keine gemacht. Der Auftrag sei ja eine Fachaufgabe gewesen.

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Auch bislang unbekannte Verbrechen 

Überzeugend rekonstruiert Lorenz Hemicker den Lebensweg seines Großvaters, der einer, Zitat, „ideologischen Stringenz“ gefolgt sei: vom enttäuschten Kriegsfreiwilligen des Ersten Weltkriegs über den umtriebigen Unternehmer mit rassistischen Elitefantasien in den Weimarer Jahren bis zum SS-Offizier, der als begehrter Fachmann 1941 ins besetzte Lettland abkommandiert wurde. 

Abwechselnd zu den Lebensstationen des Großvaters erzählt der Autor in bester Reportagemanier auch von seiner jahrelangen Spurensuche, ausgelöst vom Tod seines Vaters.

Eine berührende Recherche

Lorenz Hemicker vergräbt sich in Archive, spricht mit letzten Zeitzeugen, darunter lettische Shoah-Überlebende. Und bittet im Wald von Rumbula unter Tränen um Vergebung für die Taten seines Großvaters.

Zuletzt entdeckt er im österreichischen St. Pölten Zeugnisse für bislang unbekannte Verbrechen seines Vorfahren, als Leiter einer Nazi-Großbaustelle, auf der sich Tausende Zwangsarbeiter zu Tode schuften sollten.

Mit „Mein Großvater, der Täter“ hat Lorenz Hemicker eine eindrucksvoll erzählte, berührende Recherche vorgelegt, die sich mutig den Fragen nach deutscher Schuld und familiärem Wissen stellt. 

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Oliver Pfohlmann