Buchkritik

Geschichte eines außergewöhnlichen Lebens: Patti Smiths „Bread of Angels“

Die US-amerikanische Musikerin Patti Smith blickt erneut auf ihr Leben zurück. Mit „Bread of Angels“ begibt sie sich nun noch einmal auf eine durchaus aufregende Memory Lane.

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Stand

Von Autor/in Ulrich Rüdenauer

Als Kind – es sind die späten 1940er und frühen 1950er Jahre – sitzt die kleine Patti gerne auf der Treppe vor dem Haus. Sie beobachtet Pferdefuhrwerke, Eishändler, Lumpensammler, den Leierkastenmann.

Sie wächst auf in einer Zeit, die noch etwas von der Vorkriegswelt konserviert hat, bald aber schon von einem rasanten Modernisierungsschub weggeblasen wird. Gerne streift sie durch Felder und die Natur. 

Ich zog meine Schuhe aus und folgte dem Lauf von Bächen, randvoll mit Algen und flitzenden Kaulquappen, immer Ausschau haltend nach der einen blinkenden Münze, die den Eintritt in die Unterwelt ermöglichte.

„Oder der schartigen Kante einer Scherbe, die, an die richtige Stelle gelegt, mit den Fragmenten der Umgebung verschmolz, ein Spiegel für das Selbst, und elfenbeinern noch dazu.“

Ikone des wilden New York 

In ihrem neuen Erinnerungsband „Bread of Angels“ taucht die 1946 geborene Sängerin, Dichterin und Künstlerin Patti Smith tief ein in ihre Kindheit und Jugend, birgt jene Scherben, die sie zu einer Lebensgeschichte zusammensetzt.

Patti Smith, 2023 auf einem Konzert in Parma, Italien
Patti Smith, 2023 auf einem Konzert in Parma, Italien

Ungefähr ein Drittel des Buches widmet sie dieser Zeit – bis sie uns noch einmal in jenen aufregenden subkulturellen Kosmos New York entführt, der in den 70er Jahren bestimmend war für die Popkultur auf der ganzen Welt – und aus Smith die ikonenhafte Figur machte, die bis heute ihr Image prägt.

Über die Freundschaft zum Fotografen Robert Mapplethorpe hat sie bereits in „Just Kids“ ausführlich geschrieben – hier wird sie nur gestreift. Näher lernen wir nun ihren Mann kennen, ihren Lebensmenschen Fred ‚Sonic‘ Smith, damals Gitarrist der legendären Band MC5.

Wir erfahren einiges über die enge Beziehung zu ihren Geschwistern, vor allem über Toddy, mit dem sie innig verbunden war: Als sie mit 18 ungewollt schwanger wird und den schockierten Eltern davon erzählt, springt er ihr zur Seite.

Durch sein Geständnis, sich seit Jahren als Frau zu fühlen und heimlich Kleider zu tragen, lenkt er den drohenden Unmut auf sich und nimmt Druck von ihr. 

Er hielt den Kopf für mich hin und lenkte von meiner Schande ab. Vielleicht hatte ich eine Tür für ihn geöffnet, aber ich konnte den Schmerz seines Konflikts nicht ganz begreifen, wie sehr er gelitten hatte und wie er seine Zukunft gestalten würde.

Rückzug aus Öffentlichkeit 

Toddy wird sie in den turbulenten Jahren des ersten Erfolgs nach der Veröffentlichung des Albums „Horses“ begleiten, er wird ihr immer beistehen.

Und auch ihren Schritt aus der Öffentlichkeit heraus wird er gut heißen. Mit ihrem Mann Fred gründet sie in den 80er Jahren eine Familie, lebt zurückgezogen am Rand Detroits, widmet sich den Kindern. 

Eines aber verfolgt sie auch in dieser Zeit weiter: die Literatur. Der Dichter Arthur Rimbaud hatte ihr in der Jugend den Kopf verdreht; Begegnungen mit William S. Burroughs und Allen Ginsberg gaben entscheidende Impulse; ein Foto des existenzialistischen Schriftstellers Albert Camus hängt über ihrem Schreibtisch.

Erinnerungen an ein selbstbestimmtes Leben

Zwischen diesen Polen – einer impressionistisch-poetischen Sprache, existentiell aufgeladenen Themen, der Getriebenheit der Beatdichter und der Esoterik Ginsbergs – bewegt sich Patti Smiths Schreiben. Das gilt auch für „Bread of Angeles“. Nicht immer ist das frei von Pathos, und manche ihrer Bilder bauen gefährlich nah am Kitsch.

Aber doch kriegt sie meist die Kurve, und man liest diese Erinnerungen an ein selbstbestimmtes, kreatives Leben gern. Sie beschreiben eine Reise, die so vielleicht nur in jener euphorischen Epoche zwischen dem Zweiten Weltkrieg und dem neuen Zeitalter des Terrors und der Kriege unternommen werden konnte.

Dass auf diesem Weg einschneidende Dinge passiert sind – die Aids-Epidemie, die Smiths Freundeskreis dezimierte; der frühe Tod ihres Mannes, ihres Bruders und vieler Vertrauter im schicksalhaften Jahr 1994 –, das gibt dem Buch einen durchaus melancholischen Anstrich.

Trotzdem endet es zuversichtlich, mit einem Bekenntnis zur Kunst – und dem Wunsch, zu schreiben. Jenes Buch nämlich, das wir nun mit „Bread of Angels“ lesen können.

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Ulrich Rüdenauer