Buchkritik

Versteinerung und Todeshauch: Philipp Theisohn über Conrad Ferdinand Meyer

In einer fesselnden Biografie schildert der Literaturwissenschaftler Philipp Theisohn Leben und Werk des Schweizer Schriftstellers Conrad Ferdinand Meyer.

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Von Autor/in Wilm Hüffer

Subversives im Werk von C.F. Meyer

Wer hätte diesem Stoff so viel Spannung zugetraut? Einer Studie über Conrad Ferdinand Meyer, dessen Dichtungen im Regal doch mittlerweile oft, nun ja, eher vor sich hinstauben? 

Philipp Theisohn gelingt das. Denn er zeigt das Radikale im Werk von Conrad Ferdinand Meyer, das Subversive in den oft so steril wirkenden Gedichten und Novellen des Schweizer Schriftstellers. 

Philipp Theisohn deutet dieses Werk als Abgesang, als Verabschiedung jener Kunstauffassung des 19. Jahrhunderts, die bei Goethe beginnt und noch den jungen Meyer in Zürich umhüllt wie ein Zwangskorsett: dass echte Literatur dem Leben abgewonnen wird. Dass der Roman das wahrhaft Erlebte einfängt – und so den Lesern selbst ins Leben hilft. 

Versteinerte Figuren: eine stilisierte Kunstwelt

Conrad Ferdinand Meyer macht genau das Gegenteil. Nicht Erlebnisse interessieren ihn. Seine Figuren wirken leblos, versteinern, werden zu Bewohnern einer stilisierten Kunstwelt, wie in einem Herbarium kostbarer Blumen oder einem Skulpturen-Garten. 

Philipp Theisohn
Philipp Theisohn Pressestelle Wallstein Verlag (c) Ayse Yavas

Man hat es offensichtlich hier mit einem Menschen zu tun, so beschreibt es Theisohn, „der darauf besteht, keine Spuren eines Innenlebens zu hinterlassen.“ 

Das erzeugt den leisen Grusel dieser Lektüre: Man entdeckt Conrad Ferdinand Meyer als Schattengestalt der Literatur, einen Geist, der nachts voller Unruhe durch die Ruinen des 19. Jahrhunderts streift. 

„War’s als höbe mir ein Bergwind aus der Stirn die grauen Haare“, dichtet der Schriftsteller. 

War’s als dufteten die Matten, drein ich schlummernd lag versunken. / War’s als rauschten alle Quelle, draus ich wandernd einst getrunken.

Alles wird hier zum „Als ob“. War‘s so – oder doch nicht? Ist die Erinnerung echt – oder trügt sie? Bei Conrad Ferdinand Meyer bleibt alles unwirklich, nebelhaft. 

Ein Opfer religiöser Obsessionen 

Philipp Theisohn rezitiert die Worte des Literaturwissenschaftlers Friedrich Kittler, das Werk des Dichters sei im „im Zwischenraum zweier Internierungen in Irrenanstalten“ entstanden. 

Fraglos ist Conrad Ferdinand Meyer ein Opfer der religiösen Obsessionen seiner Mutter. In der Heilanstalt am Neuenburgersee wird schon dem jungen Mann eingetrichtert, er müsse seinen Stolz ablegen, Demut üben. 

So hält es auch die Mutter. Bevor sie Selbstmord begeht, hinterlässt sie dem Dreißigjährigen einen erschütternden Brief. „In unaussprechlichem Seelenschmerz“ müsse sie sich von ihm losreißen, damit sie nicht Sünde auf Sünde häufe. 

Der Schweizer Schriftsteller und Dichter Conrad Ferdinand Meyer auf einer zeitgenössischen, undatierten Abbildung
Der Schweizer Schriftsteller und Dichter Conrad Ferdinand Meyer auf einer zeitgenössischen, undatierten Abbildung picture alliance | dpa | Heinrich Poellot

Das Lebendige einfrieren

Die Angst vor der Verstrickung in Lebenslüge und Sünde wird, wie Philipp Theisohn erkennt, nicht nur zu Meyers Psychogramm. Es wird zur Folie seiner poetischen Selbstbefreiung. 

Literatur als Mittel, dem Verhängnis zu entrinnen, den Strom des Lebens erkalten zu lassen, die fatale Lebendigkeit literarisch einzufrieren.  

So werden auch die Novellen von Conrad Ferdinand Meyer verständlich. „Der Schuss von der Kanzel“ zum Beispiel, über einen waffenvernarrten Pfarrer, der bloßgestellt wird und damit unfreiwillig den Weg zu einer Ehe freimacht. Wie Marionetten bewegen sich die Figuren durch die Handlung. 

Philipp Theisohn verknüpft solche Werkanalysen mit der Verstörung, die Meyers Werk bei den Zeitgenossen hinterlässt.

Vergeblich wartet Verleger Hermann Haesseler auf ein episches Werk, etwas anderes als den Kunstfrost der Novellen. Verkniffen urteilt der Zürcher Schriftstellerkollege Gottfried Keller, Meyer habe ein merkwürdig schönes Talent, aber keine rechte Seele.

Die Familie als Begleitpersonal

Selbst Meyers Familie, seine Schwester, seine Ehefrau, so beobachtet Philipp Theisohn, fristen das Dasein eines zeitentrückten Begleitpersonals, einzig dazu bestellt, dem Dichter bei seinen Versteinerungsübungen zu helfen. Selbstoffenbarend fragt er im Gedicht „Möwenflug“: 

Und du selber? Bist du echt beflügelt? / Oder nur gemalt und abgespiegelt?

Conrad Ferdinand Meyers Werk wird so zum Widerschein einer untergegangenen Welt. Die letzten Lebensjahre verbringt der Schriftsteller in Heilanstalt und Betreuung. Wie ein Todeshauch wirkt das Buch, das ihm Philipp Theisohn gewidmet hat. Eine literarische Gespensterstunde. 

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Wilm Hüffer
Wilm Hüffer, Moderator von SWR Kultur am Abend