Buchkritik

Eine Lektion über Gehorsam: „Die Elefanten“ von Sasha Filipenko

Der Elefant im Raum ist das, was nicht sein darf. Bei dem belarussischen Exilschriftsteller Sasha Filipenko steht der Elefant für die Bedrohung der Freiheit.

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Von Autor/in Brigitte Neumann

Der Elefant im Raum – das ist der Angstgegner, das Verdrängte oder schlicht die Realität, die lang gehegte Illusionen zerstört, würde man sie denn wahrnehmen. Der Elefant ist das, was nicht sein darf.

„Eines frühen Morgens ein Donnergrollen, und ... Sofija, die auf den Lärm hin herbeigelaufen kam, erstarrte. Mitten in dem großen Raum stand plötzlich ein Elefant. Dieser Anblick war so beeindruckend und unfassbar, dass die Hausherrin weder schrie noch in Ohnmacht fiel, sondern ... mit den Wimpern klimperte ... Allerhand ... Ein Elefant!“ 

Aber der Elefant bleibt. Also blendet Sofija ihn aus. Und mit ihr tut das die ganze Familie, die ganze Stadtgesellschaft.  

 

Sasha Filipenko
Sasha Filipenko (c) ZUMA Press Wire

Was nicht sein darf ... 

Sasha Filipenkos Roman ist eine Parodie auf die ungeheuerliche Anpassungsfähigkeit des Menschen an die Verhältnisse, und seien sie auch noch so lebensfeindlich.

Nicht nur hat jeder Mensch seinen Elefanten im Raum. Nein, die Elefanten sind überall – in öffentlichen Parks, auf Verkehrsinseln, Bahnhöfen, am Hafen und Flughafen. 

Bald spricht man von einer Invasion. Und die ist so massiv, dass nichts mehr funktioniert. Aber die Menschen halten still, bleiben stumm, wollen nichts wissen.

Sie füttern ihre Elefanten – mit Heu, Wasser, Gemüse. Sie schaufeln und wischen elefantöse Hinterlassenschaften weg: 50 Liter Harn, 30 Kilo Kot täglich.

Ab und zu spießt ein Elefant mal einen Menschen auf seine Stoßzähne, bei den Raubzügen der Elefanten durch Supermärkte gibt es menschliche Kollateralschäden, die Parks sind entlaubt. Aber das alles macht nur als Gerücht die Runde.

Die Regierung unterdrückt negative Nachrichten und wirbt für ein friedliches Zusammenleben mit den Elefanten, ja sie ändert sogar die Verfassung, die damit gleichermaßen für Mensch und Tier gilt.

Trumpeltiere 

Aber das ist nur die eine, die fabelhaft-symbolische Ebene des Romans von Sasha Filipenko. Mit ihr wäre der Autor ausgekommen, sie hätte genug satirisches Material hervorgebracht, in das Sasha Filipenko seine Themen gerne kleidet. 

Erinnern wir uns bei der Gelegenheit an die artverwandte schwarze Filmkomödie „Don’t look up“ von Adam McKay, die von einem Kometen auf Kollisionskurs mit der Erde handelt.

„Don’t look up!“ ist der Befehl der Regierung. Bloß nicht hinschauen, denn die Präsidentin hat sich dagegen entschieden, zu handeln. Eine Idee-ein Werk.

Der Roman als Spiegelkabinett 

Aber Filipenko scheint das nicht zu genügen. Er führt uns Experimente vor. Wie kann man einen Roman derart entkernen, dass er fast so wirkt, als käme er aus der digitalen Sphäre? 

Klar, es gibt den Autor Sasha Filipenko, steht ja vorne auf dem Buch, aber im Buch tut er so, als lasse er sich vertreten, und zwar von Großschriftsteller Alexander. 

Der allerdings hat das Romaneschreiben auch delegiert, und zwar an seine Frau Sofija. Überhaupt erscheint der Roman im Roman nicht als Buch, sondern scheibchenweise im Internet auf einer Literaturplattform.

Dort wird jede Lieferung von der Leserschaft kommentiert, unterbrochen von Sexanfragen, Regierungspropaganda und Kaufempfehlungen.

Die Kommentare zum Fortsetzungsroman aber stammen auch nicht wie behauptet von den Lesern, sondern aus der Feder von Alexander, der Schriftstellerfigur in Sasha Filipenkos Roman, hier in diesem Beispiel unter dem Alias „Leserin von Nebenan“.

„Für mich muss Literatur leicht und unterhaltsam sein. Es passieren doch im Leben genug schlimme Dinge.“

„Die Elefanten“ ist ein in mehrfacher Hinsicht explosiver Roman – Filipenko spießt eben nicht nur die Figur des Diktators auf, sondern gibt auch seine Untertanen der Lächerlichkeit preis, wegen ihrer Feigheit. 

Letztlich sprengen aber die vielen Formexperimente den Rahmen eines Romans im Buch. Vielleicht funktioniert „Die Elefanten“ ja auf Booktok.

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Brigitte Neumann