Dichter der Freiheit und Rebellion

„Schiller!“ – Neue Dauerausstellung im Schiller-Nationalmuseum Marbach

Rund 400 Objekte, Briefe und Manuskripte: Um die politische Dimension von Friedrich Schillers Leben und Werk dreht sich die gelungene Ausstellung im frisch renovierten Schiller-Nationalmuseum.

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Stand

Von Autor/in Silke Arning

Schiller ging es um die gesamte Menschheit

Es sind neun schmale lange Räume, nicht viel größer als ein Wohnzimmer, in denen sich die Dauerausstellung unspektakulär, aber durch Farbgebung und klare Linienführung ästhetisch sehr gelungen präsentiert. Die Botschaft hinter diesem reduzierten Auftritt: Schiller nicht überhöhen zu wollen.

Johann Heinrich Danneckers Gipsmodell zur Schiller-Büste (1805)
Friedrich Schiller, der Freiheitsdichter schlechthin: Johann Heinrich Danneckers Gipsmodell zur Schiller-Büste (1805). Pressestelle DLA Marbach | Mathias Michaelis

„Schiller hatte große Ansprüche und ganz sicher zielte er darauf, einer der ganz großen Dichter in deutscher Sprache zu werden“, sagt die Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach, Sandra Richter. „Aber zugleich ging es um den ganzen Erdball, den Menschen schlechthin. Dass er auf Deutsch schrieb, war historisch bloß zufällig. Er zielte auf etwas viel Größeres.“

Wir lernen immer etwas Neues, wenn wir Schiller lesen und das weiß jeder, der das mal getan hat. Wenn man diese Texte genau anschaut, dann entfaltet sich immer eine neue Bedeutungsebene

Sehnsucht nach gleichberechtigter Gesellschaft

Dieses Größere, die Sehnsucht nach einer gleichberechtigten Gesellschaft, manifestiert sich zum Beispiel in der Ode „An die Freude“, in der Schiller die Zeile „Alle Menschen werden Brüder“ formuliert. Der politische Denker steht im Fokus dieser Ausstellung, die sich explizit nicht chronologisch an Leben und Werk Schillers entlanghangelt.

Für Schiller gefertigte Abschrift der Urkunde, mit der ihm die französische Ehrenbürgerschaft verliehen wird
Urkunde von 1792 über die französische Ehrenbürgerschaft. Als Schiller sie 1798 endlich ausgehändigt bekam, war Unterzeichner Danton seit vier Jahren tot. Pressestelle DLA Marbach

Es gibt neun Räume mit neun Kapiteln. In jedem dieser Kapitel stehe ein Objekt zentral, sagt Vera Hildenbrandt, die Leiterin der Marbacher Museen. „In dem Kapitel, das sich mit seinem politischen Denken auseinandersetzt, ist es zum Beispiel der Brief, mit dem er die französische Ehrenbürgerwürde bekommt.“

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Schillers Einsatz für Freiheit ist der rote Faden

Der Bogen reicht vom jungen Studenten über den Dramaturgen und Wissenschaftler bis zum literarischen Netzwerker und der Kultfigur Schiller. Er gilt als Freiheitsdichter schlechthin, weshalb sich die Frage nach Schillers Freiheits- und Gerechtigkeitsverständnis wie ein roter Faden durch alle Kapitel der Ausstellung zieht. 

Blick in die Ausstellung
Die Ausstellung präsentiert sich schlicht, um die alten Manuskripte, Briefe und Urkunden wirken zu lassen. Ästhetisch ist das sehr gelungen. Pressestelle DLA Marbach | Anja Bleeser

Und es sind ganz klar die Exponate, die hier ihren stilvollen Auftritt bekommen: wertvolle Manuskripte, alte Briefe, ungewöhnliche Dokumente wie eben die Urkunde, mit der Schiller die französische Ehrenbürgerwürde verliehen wurde. Unterzeichnet von einem der führenden Köpfe der französischen Revolution, von Danton.

Goethe kam ja aus wohlhabenderen Verhältnissen, Schiller war da sicherlich der, sagen wir, liberalere Geist. Derjenige, der eher auf der Seite der Freiheit stand, der durchaus Manifeste der Revolutionäre mit veröffentlicht hat, wenn er sie auch nicht selbst geschrieben hat.

Exponate schlagen Brücke zur Gegenwart

Freiheit bedeutet ganz praktisch aber auch finanzielle Unabhängigkeit, weshalb in der Ausstellung ein stets klammer Schiller sichtbar wird, der seinen Verleger Cotta um Vorschüsse bitten muss. Der Dichter Hugo von Hofmannsthal ist da schon viel weiter: 1923 investiert er 3000 Mark in Deutsche-Petroleum-Aktien.

Lederner Hut, mit herunterklappbaren Seiten gegen Wind und Regen. Friedrich Schiller soll ihn als Karlsschüler getragen haben
Lederner Hut, mit herunterklappbaren Seiten gegen Wind und Regen. Friedrich Schiller soll ihn als Karlsschüler getragen haben. Pressestelle DLA Marbach

Die Quittung ist in einer der kleinen Wechselvitrinen zu sehen, die in jedem Raum mit immer neuen Exponaten bespielt werden und die die Brücke zu Zeitgenossen Schillers oder bis ins Heute zu schlagen versuchen.

Verehrung des Dichters hat kuriose Züge

Natürlich ist auch Platz in dieser Ausstellung für die zuweilen recht kuriose Verehrung des Dichters. Aus einer kleinen braunen Pappschachtel, die erst 2022 per Post nach Marbach kam, quillt ein dicker Haarzopf.

Haarlocke Schillers mit Echtheitszertifikat seines ältesten Sohne Carl (1855)
Haarlocke Schillers: Kein dicker Zopf, aber dafür mit Echtheitszertifikat seines ältesten Sohnes Carl (1855). Pressestelle DLA Marbach | Mathias Michaelis

Wahrscheinlich von Schiller, vermutete die Einsenderin, was Helmuth Mojem bezweifelt: „Es ist ziemlich sicher nicht Schillers Haar, aber es wurde ihm zugeschrieben, so der Leiter des Cotta-Archivs. „Diesen Andenkenkult zeigen wir hier ein bisschen augenzwinkernd. Auch das ist eine Reliquie, die überliefernswert ist.“

Man wird dem Autor gerecht, indem man ihn mit seinen Aussagen und seinen Texten ernst nimmt und nicht, indem man ihn nachbetet, als wäre es die Bibel.