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Dichter der Freiheit – "Schiller!" im Nationalmuseum Marbach

Friedrich Schiller bekommt im Marbacher Nationalmuseum der deutschen Literatur eine neue Dauerausstellung. Was macht seine Literatur so zeitlos?

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"Schiller!“ zeigt den Schriftsteller, der in wirren Zeiten half, eine neue Klassik auszurufen. Der Autor der "Räuber“, des "Wilhelm Tell“ und der Europahymne war Flüchtling, Demokrat, Idealist, Weltbürger, Literaturprofi und Kultfigur und Influencer.

Alexander Wasner diskutiert die zeitlose Literatur Schillers mit Jan-Christoph Gockel, Theater- und Filmregisseur (u.a. „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen), Prof. Dr. Sandra Richter, Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach und Prof. Dr. Rüdiger Safranski, Literaturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller.

Einige Auszüge aus der Sendung:

Alexander Wasner: Sandra Richter, haben Sie auch als Direktorin des Deutschen Literaturarchivs noch etwas Neues gelernt bei der Ausstellung?

Sandra Richter: „Wir lernen immer etwas Neues, wenn wir Schiller lesen und das weiß jeder, der das mal getan hat. Wenn man diese Texte genau anschaut, dann entfaltet sich immer eine neue Bedeutungsebene.

Bei mir zuletzt im Blick auf Maria Stuart, die mir gar nicht so sehr als die eigentliche Heldin des Dramas erscheint, sondern vielmehr scheint es mir Elisabeth zu sein, die all die Schwierigkeiten auf den Tisch legt, die eine Herrscherin so haben kann. Was tue ich, wenn ich eigentlich frei sein will, Mitgefühl äußern will, aber jetzt doch regieren muss?“

Alexander Wasner: Herr Gockel, einer der zentralen Sätze im Wallenstein und für Schiller ganz allgemein ist: „Es ist der Geist, der sich den Körper baut“ – wie geht man als Theatermann damit um?

Jan-Christoph Gockel: „Wir haben uns lange zusammen auf diese Arbeit vorbereitet und uns gefragt, wie geht ein Strippenzieher, der mitunter Strippen gar nicht mehr selber ziehen kann?

Wallenstein wird bei uns von Samuel Koch gespielt und Samuel ist ja gelähmt vom Hals ab. Der Satz fällt in einer Stelle im Stück, da tritt Samuel selber in einer Kriegsmaschine eingespannt auf, hängt an Fäden wie eine Marionette und er steuert sich durch sein Personal selber und dann sagt er diesen Satz.

Ich glaube, der betrifft dann sowohl seine eigene Biografie, also die des Schauspielers und soll uns einen tiefen Einblick in diese Figur geben, die selber gar nicht mehr steuern kann, vieles nicht mehr steuern kann, aber noch denkt, sie steuert und deshalb sind wir sehr viel um diesen Satz geklärt.“

Prof. Dr. Rüdiger Safranski: „Und noch eine kleine Anmerkung: Als Schiller starb, da hatte der Herzog gesagt, also der Mann, da kam ein Stück nach dem anderen, und er war nun so unglaublich krank, jetzt sollen die Ärzte ihn mal aufschneiden und mal gucken, wie krank er wirklich war.

Und dann schneiden die Ärzte ihn auf, und dann sagen sie: alles Matsch, der Mann hätte schon vor 10 Jahren tot sein müssen. Und da meine ich, das ist ein wunderbares Beispiel, es ist eben doch auch irgendwie der Geist, der sich den Körper baut.

Dieser Enthusiasmus bei Schiller hat ihm noch ein paar Jahre zusätzlich geschenkt, die ihm eigentlich seinen Körper nicht zugebilligt hätten.“

Alexander Wasner: Jan-Christoph Gockel, welche Erfahrungen haben Sie mit der 7-stündigen „Wallenstein“-Inszenierung in München gemacht? Kann man das überhaupt leicht durchsetzen, einen siebenstündigen Wallenstein zu inszenieren?

Jan-Christoph Gockel: „Ich glaube, den Wallenstein in einer Kurzfassung anzupacken, hätte mich überhaupt nicht interessiert. Da fällt der interessanteste Teil meistens weg, nämlich Wallensteins Lager, wo quasi das Kanonenfutter über die später auftretenden Figuren spricht.

Und Schiller skizziert ja in dem Drama eigentlich eine Kriegsmaschinerie. Eine Kriegsmaschinerie, die ihren Entschaffern eigentlich davonläuft. Und da steht ja der Satz drin in dem Stück, „denn wenn die Kugel los ist auf dem Lauf, dann ist sie kein totes Werkzeug mehr, sondern sie lebt“.

Und diesen Satz, den haben wir uns über diese Arbeit geschrieben. Und ich glaube, das ist eine Erkenntnis dieser Tage, dass die Kriegsmaschinen uns davonlaufen.

Und von daher als Praktiker interessiert mich, würde ich sagen, ausschließlich der Gegenwartsbezug: Also es war jetzt gar nicht so sehr die Autorität des Namens, die sie zitieren mussten, sondern es war einfach tatsächlich die Aktualität des Stücks.“

Alexander Wasner: Ich habe hier die komplizierte und provokante Frage stehen, war Schiller Demokrat, war er rechts oder links?

Sandra Richter: „Das kann man in der Gesäßgeografie der Paulskirche nicht so einfach abbilden. Wir befinden uns ja ein paar Jahre zuvor und die Frage war natürlich unglaublich kompliziert. Im Vergleich zu Goethe, der, wenn man so will, etwas konservativer und ganz klar gegen die Revolution war, da gab es viel zu verteidigen.

Goethe kam ja auch aus wohlhabenderen Verhältnissen, Schiller war da sicherlich der, sagen wir, liberalere Geist. Derjenige, der eher auf der Seite der Freiheit stand, der durchaus Manifeste der Revolutionäre mit veröffentlicht hat, wenn er sie auch nicht selbst geschrieben hat.“

Jan-Christoph Gockel: „Und ich finde, man muss nicht Dichter politischen Lagern zuordnen. Das passiert ja schon die ganze Zeit mit allen möglichen Dingen. Und da möchte ich jetzt noch mal als Praktiker hier für streiten, dass man sagt, der Typ ist Künstler.

Und als den, finde ich, sollte man ihn rezipieren. Und ich finde, darin liegt die Starke, diese Sachen anzugucken in der Weite, die sie produzieren. Und nicht in der Enge, dass wir ihnen sagen, wir stellen ihn da und da und in diese Richtung.“

Alexander Wasner: Schiller war zu Lebzeiten schon mit den „Räubern“, später aber auch mit vielen anderen Gedichten, Dramen, philosophischen Schriften sehr erfolgreich – wie sehr zielte er auf sein Publikum?

Prof. Dr.Rüdiger Safranski: „Also er ist sich durchaus bewusst, dass er dem Publikum, auf das er wirklich zielt, auch dann etwas schuldet, wenn das Publikum durch seine Begeisterung ihn trägt.

An diesem Punkt war er zum Beispiel ganz anders als Goethe. Der hat im Grunde seine Dichtung und auch seine Theaterstücke sozusagen als Liebhaberei gepflegt. Der Schiller war ein Profi. Weil diese Autonomie des Künstlers, von der es dann immer heißt, so als könnte man auch ohne Publikum umgehen.“

Alexander Wasner: Ist Schiller ein Klassiker?

Jan-Christoph Gockel: Klassiker ist das Todesurteil. Klassiker ist wirklich das Podest, auf den man diese Figuren nicht stellen sollte, weil ich finde, man enthebt sie der Augenhöhe und ich finde, das wird nur interessant, wenn das im Hier und Jetzt auch was bedeuten kann.

Und das sage ich jetzt wirklich als Praktiker, diese falsche Erhöhung führt eben zu diesen Peter-Stein-Aufführungen, wo man denkt, das ist doch ein Wahnsinn, das wie ein Freilichttheater nachzuspielen, weil man denkt, man wird damit dem Autor gerecht. Das ist doch Quatsch.

Man wird dem Autor gerecht, indem man ihn mit seinen Aussagen und seinen Texten ernst nimmt und nicht, indem man ihn nachbetet, als wäre es die Bibel.“

Sandra Richter: „Ich finde das Etikett Klassiker dankenswert. Ich glaube, dass man damit genau das eigentlich leisten könnte, wenn man es umdreht, was Sie gerade gesagt haben: Dass das Texte und Autoren sind, die solche Dinge vorgelegt haben, solche Texte, an denen man sich immer wieder reiben kann.

Was sollte ein Politiker lesen von Schiller?

Jan-Christoph Gockel: „Die sollen ins Theater kommen, die sollen sich das Leben angucken und sich nicht ausdenken, wie solche Texte in historischen Kostümen danach erwirken können. Die sollen sich das im Leben anschauen. Ja, bunt.

Hat vielleicht was mit Ihnen zu tun? Ja, bitte. Der ganze Bundestag in den Wallenstein, das ist mal eine Forderung.

Marbach

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Erstmals publiziert am
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Das Gespräch führte
Alexander Wasner
Gespräch mit
Jan-Christoph Gockel Theater- und Filmregisseur (u.a. „Wallenstein“ an den Münchner Kammerspielen)
Prof. Dr. Sandra Richter Literaturwissenschaftlerin und Direktorin des Deutschen Literaturarchivs Marbach
Prof. Dr. Rüdiger Safranski Literaturwissenschaftler, Philosoph und Schriftsteller