Das Ende der Welt ist nah, der Messias wird kommen! Er wird Schwarz sein. Eine Frau. Und sie wird Ruanda in ein von Frauen regiertes Reich verwandeln. Diese sensationelle Botschaft verkündet die Titelfigur Sister Deborah in Scholastique Mukasongas Roman.
Und sie löst im Ruanda der 1930er Jahre Begeisterung aus: Frauen verlassen ihre Männer. Sie legen ihre Arbeit auf den Feldern nieder, warten stattdessen auf die Erlöserin. Doch diese Botschaft löst auch Angst aus, vor allem unter den weißen Männern. Den Kolonialbeamten. Und den Padres, die überzeugt sind, sie hätten das alleinige Anrecht auf Religion.
Auch die Padri sprachen vom Ende der Welt, aber das stünde nicht gleich morgen an, und auch nicht übermorgen, so sagten sie. Das genaue Datum wusste niemand. Die Padri hatten damit keine Eile, denn ehe Jesus wiederkam, mussten sie noch die gesamte Menschheit taufen, sogar die armen, in den hintersten Winkeln des afrikanischen Berglands vergessenen Schwarzen. Und angesichts des wilden Zustands, in dem sie diese Schwarzen vorgefunden hatten, konnte es natürlich eine ganze Weile dauern, sie zu taufen, und noch länger, sie zu zivilisieren.
Verhinderte Geschichtsrevision
Mit ihrer Botschaft bringt die aus den USA stammende Schwarze Sister Deborah also das koloniale und patriarchale Gefüge der Macht durcheinander. Es passiert, was passieren muss: Sister Deborah wird der Hexerei beschuldigt und verschwindet auf geheimnisvolle Weise. Und nicht nur das:
Der offizielle Bericht sprach lediglich von Frauenrotten, sporadischen Plünderungen, ausgerissenen Kaffeesträuchern und der Ausweisung jener schwarzen Missionare aus Amerika, die mal mehr und mal weniger in den Fall verwickelt waren. Von Sister Deborah kein Wort. Als hätte es sie nie gegeben.
Doch diesen Versuch, die Geschichte zu revidieren, kann die Erzählerin Ikirezi in „Sister Deborah“ nicht hinnehmen. Sie wurde in einem Dorf in Ruanda geboren und als Kind von Sister Deborah geheilt. Seither führt sie alles, was ihr passiert ist, auf sie zurück: Sie durfte die Schule besuchen, in Belgien und den USA studieren, ist mittlerweile Professorin für Ethnologie an der Howard University.
Sie will die Geschichte von Sister Deborah bewahren und reist deshalb zwei Jahrzehnte nach den Ereignissen zurück nach Ruanda, um herauszufinden, was damals geschehen ist.
Die Kraft des Glaubens
Ikirezis Versuch, mehr über Sister Deborah zu erfahren, ist der Aufhänger dieses schmalen, in vier Teilen aufgebauten Romans. Ikirezi führt mit leichter Hand durch die Erzählung, zugleich finden Gerüchte, Legenden, verschiedene religiösen Traditionen, Nacherzählungen und Nachforschungen Eingang in diese Geschichte.
Dazu schafft Mukasonga mit Ikirezi einen reizvollen Bogen: Ist Deborah aus den USA nach Ruanda gekommen, geht Ikirezi den umgekehrten Weg. Zwei Schwarze Frauen mit starkem Glauben, die auf große Widerstände stoßen. Denn in den 1930er Jahren war Ruanda noch eine belgische Kolonie mit vielen Missionsstellen, die zum Christentum zwangen. Erst 1962 wurde Ruanda unabhängig.
Scholastique Mukasonga wurde 1956 in Ruanda geboren, ist 1973 angesichts der Verfolgung der Tutsi zunächst nach Burundi, Anfang der 1990er Jahre dann nach Frankreich gegangen. Viele Familienmitglieder wurden in dem Genozid getötet.
In ihrem Roman erzählt sie die Geschichte Ruandas. Auf den ersten Blick betörend leicht, ja, nahezu märchenhaft. Und doch stecken hier deutliche, brutale Wahrheiten über die Wirklichkeit in dem kolonisierten Land.
Mir war der Geist der weißen Pastoren zuwider. Die Hölle kennen wir Schwarzen längst.
Sister Deborah steht im Mittelpunkt dieses Romans – sie ist zugleich heller Stern und konkrete Frau ihrer Zeit. Ikerizis Annäherung fängt sowohl ihre Strahlkraft als auch die Widrigkeiten der Zeit ein.
„I met God, she’s Black“ – dieser Epigraph, der zum Slogan der Black-Lives-Matter-Bewegung wurde, ist diesem bemerkenswerten Roman vorangestellt. Denn er ist auch eine Meditation über die Kraft des Glaubens, des Hoffens und des Wartens, das immer wieder neue Formen findet.
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dtv, 368 Seiten, 25 Euro
978-3423284035