Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos, die machtversessene Tyrannin. Ist es nicht aber doch möglich, ihrem Diktat noch letzte Momente des Glücks abzutrotzen?
Wir sind in Paris, linkes Seine-Ufer, Quartier Latin, Februar 1931. Raimund, Mitte 20, Referendar am Amtsgericht Rheinsberg, ist seit zwei Wochen zu Besuch bei seiner Freundin Teddy, die an der Sorbonne studiert und überhaupt keine Anstalten mehr macht, ins muffige Deutschland zurückzukehren.
Jetzt indes rückt die Stunde des Abschieds immer näher, um 22 Uhr fährt an der Gare du Nord Raimunds Nachtzug nach Berlin. Melancholisch blickt er sich in seinem Hotelzimmer um:
Was war in diesen vierzehn Tagen nicht alles Merkwürdiges in diesem kleinen Zimmer geschehen, das ich nun verließ! Na, um das Zimmer war mir nicht bange. Es hatte sicher schon vorher manches Lustige, Traurige und Merkwürdige gesehen und würde es weiter sehen. Mich aber sah es nun nicht mehr. Ich musste fort nach dem kalten Berlin, ich würde Urteile verfassen, Klavier spielen und auf Briefe warten, und hier in meinem Zimmer wohnte ein anderer, füllte die Luft mit Rauch, schlief, ärgerte sich, freute sich und sah aus dem Fenster die Seine und die Brücke und den weiten Platz dahinter und groß und tausendfältig schimmernd bei Tag und bei Nacht Notre-Dame.
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Von jungen Männern umschwirrt
Was die Melancholie noch verstärkt und zugleich doch auch erträglicher macht: Nichts ist eindeutig in diesen verspielten Tagen in Paris. Teddy und Raimund ziehen sich an und stoßen sich ab, haben sich lieb und sind immerzu im Streit. Dass sie ein Paar wären – so eine freiheitsberaubende Behauptung würden die beiden, würde vor allem Teddy nie aussprechen.
Die junge Frau, die direkt einem Roman von Irmgard Keun entsprungen scheint, aber wohl, wie wir aus dem schönen Nachwort von Volker Weidermann erfahren, ein reales Vorbild hat – diese Teddy ist also eigentlich immerzu umschwirrt von einem Schwarm junger Männer, Bohèmestudenten unterschiedlichsten Temperaments, Konkurrenten und Verbündete zugleich für Raimund…
Übrigens war ich, glaube ich, der uneleganteste Mann auf dem Ball. Teddy kriegte ich nachher überhaupt nicht mehr zu sehen. Sie tanzte mit weiß ich wem, mit dem ganzen Attachégesindel und mit dem Bayern – bö.“ Franz Frischauer lachte. „Ist das so zum Lachen?“, sagte ich. „Kennen Sie das nicht? Sind Sie nie eifersüchtig? Es ist ein ekelhaftes Gefühl.“ „Schon, schon“, sagte Franz. „Aber man muss doch wissen, auf wen man eifersüchtig ist, wos lohnt. Man ists doch nicht auf all und jeden.“ „Gerade“, sagte ich. „Auf Sie bin ich noch ganz gern eifersüchtig. Aber diese Smokingproleten! Was hat es denn für Zweck, in einer Lotterie mitzuspielen, wo auch so ein Bayer gewinnen kann!
Über die Freiheit und Melancholie das Glück zu suchen
Die Zeit wird knapp und knapper, bald geht der Zug, und bis dahin muss Raimund noch möglichst viel von Paris und möglichst oft in Teddys Augen sehen. Temporeich und atemlos einerseits, dann aber auch unheimlich lässig, verspielt und frühlingsduftend erzählt dieser Roman von der Freiheit, in der Melancholie das Glück zu suchen; nebenbei ist er ein fabelhafter Reiseführer durchs Quartier Latin der frühen 1930er:
Weltstadt des Mittelalters, enge Straßen, Höfe wie Fahrstuhlschächte, glorreich verwitterte Fassaden der alten verwanzten Prunkhäuser, mitten dazwischen der Boulevard Saint-Michel mit seinen Lichtern, Cafés und Reklamen, und an den Stätten verschollener Triumphe und Grausamkeiten das Leben der Studenten. In den Straßen war immer, immer noch nach hundert Jahren ein Nachhauch vergangener Festlichkeiten, wie ein Parfum, in der Luft verspritzt.
Die Uhr tickt, sie tickt erbarmungslos. Es ist Februar 1931; nicht mehr lang, und das Glück und die Freiheit sind verweht. Aber das Schöne lässt sich nicht bezwingen.
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