Nachlass des Lyrikers des Symbolismus

Haar und Federkiel – Unerwartete Entdeckungen aus dem Stefan-George-Archiv

Nach der Auflösung der Stefan-George-Stiftung ist die Zukunft des Stefan-George-Archivs gesichert. Das Land Baden-Württemberg wird ab 2026 Eigentümer des wertvollen Kulturerbes, das nicht nur aus Manuskripten, Briefen und Büchern besteht. Freunde sammelten auch die Haare des Dichters.

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Von Autor/in Silke Arning

Unerwartete Entdeckung

Es ist eine viele Meter lange Parade grauer, blauer und roter Archivboxen, die das Stefan-George-Archiv ausmachen. Hinzu kommen etliche Regale mit Erstausgaben des Dichters, auch mit aufschlussreichen Widmungsexemplaren.

Bildnis Stefan George”, undat. Gemälde von Sabine Lepsius
Bildnis Stefan George, undat. Gemälde von Sabine Lepsius.

Gabriele D'Annunzio, Hugo von Hofmannsthal und Stéphane Mallarmé schickten ihm Bände mit ein paar persönlichen Zeilen vorbei. Denn Stefan George pflegte ein intensives soziales Netzwerk, suchte den Austausch mit Lyrikern in Belgien, Polen und Italien.

Zugleich scharrte der „Meister“ einen erlesenen Kreis auserwählter Köpfe um sich, gab sich und seinen „Jüngern“ einen geheimnisvollen, elitären Anstrich. George feierte einen hohen Ton und seine Anhänger feierten ihn. Wie weit diese Begeisterung ging, offenbart ein Blick in einen der vielen Kartons, der einen überraschenden Fund präsentiert: eine Sammlung mit Haaren des Dichters.

Ein geheimnisvoller Umschlag

Dr. Maik Bozza, Leiter des Stefan-George-Archivs in der Württembergischen Landesbibliothek, hält einen großen braunen Umschlag in der Hand. In den 2000er Jahren wurde das Kuvert zum ersten Mal geöffnet. Zum Vorschein kam eine Notiz des Lyrikers, Publizisten und Unternehmers Robert Boehringer.

Dr. Maik Bozza, Leiter des Stefan George Archivs
Dr. Maik Bozza, seit 2014 Leiter des Stefan George Archivs in der Württembergischen Landesbibliothek.

Boehringer, in Winnenden als Sohn des Chemiefabrikanten Boehringer geboren, leitete nicht nur die Firma Boehringer in Ingelheim, sondern arbeitete auch am Aufbau von Hoffmann-La Roche in Basel mit.

Als Privatgelehrter, Übersetzer und Dichter gehörte er zu den engsten Vertrauten Georges. „Haar von Stefan George“, war die Notiz Boehringers überschrieben, erzählt Maik Bozza und zitiert den durchaus skurril anmutenden Text:

Stefan George ließ sich von Zeit zu Zeit Haar herausschneiden, weil es zu üppig wucherte. Das taten jüngere Freunde, die die ausgeschnittenen Haare dann aufbewahrten. Diesen ganzen Packen hat die Witwe von Bertold Stauffenberg mir am 4.Mai 1952 in Lautlingen gegeben.

Blond-graue Pracht – die Haarsammlung Georges

Der Inhalt des großen Umschlags birgt weitere Überraschungen: Es ist ein Haufen kleiner, aus Zeitungspapier zusammengefalteter Päckchen, die der Leiter des George-Archivs vorsichtig auf einen Tisch gleiten lässt. Die Datierungen verweisen auf die letzten beiden Lebensjahre.

George verbrachte sie in Minusio, einem Dorf bei Locarno, wo er bis zu seinem Tod im Dezember 1933 lebte. Zusammen mit Freunden, die dann offensichtlich die üppige Haarpracht ihres verehrten Dichters bearbeiten mussten.

Haar Stefan Georges in Zeitungspapierumschlägen, Minusio 1931–1933
Das Haar Stefan Georges befindet sich in Zeitungspapierumschlägen, Minusio 1931–1933.

Als Maik Bozza eines der kleinen Päckchen auseinander faltet, quillt eine dicke grau-blonde Haarwolle hervor. Der Fund erinnert unwillkürlich an die Locken Friedrich Schillers, die wie Reliquien verehrt wurden und zur Erinnerung an seine Frau Charlotte gingen.

Im Kontext Georges, der mit einem bewusst inszenierten Herrschaftsgehabe und seinem Gewisper um ein „geheimes Deutschland“ auftrat, wirkt diese Haarsammlung irritierend oder einfach schrullig, wie es Maik Bozza formuliert

Zwischen Börsenkursen und Weltwirtschaftskonferenz

Als fast spannender als die Sammlung selbst entpuppen sich die Zeitungsausschnitte, in denen die Haare aufbewahrt wurden. Sie vermitteln einen Einblick in die tägliche Lektüre von Meister und Freunden in Minusio.

Die Palette ist beeindruckend breit gestreut: Die Deutsche Allgemeine Zeitung, Die Neue Zürcher Zeitung, die Berliner Rundschau, die Münchner Neuesten Nachrichten, der Corriere della Sera, die amtlichen Kurse der Berliner Börsen vom 27. März 1931, auch der Völkische Beobachter von 1933.

Notizen von Clotilde Schlayer, Georges Hausherrin in Minusio, 1932
Notizen von Clotilde Schlayer, Georges Hausherrin, auf Zeitungen aus Georges Nachlass in Minusio, 1932.

Gelegentlich sind Bleistiftnotizen auf der Zeitung zu erkennen. So vermerkt Clotilde Schlayer, die Hausherrin in Minusio ist und die Georges Gedichte ins Spanische übersetzt, auf einem Haarumschlag von 1932 ein eigenes, unvollendetes Anti-Hitler-Gedicht:

Macht dir das Hitlerheil Beschwerde, graust es dich am kalten Herde? Vielleicht, so wird Dir einmal klar, ist eins nicht falsch, das andere wahr …

Gekonnte Selbstinszenierung

„Er trug einen Diamantring und ein goldnes Armkettchen, hasste Brillen, ließ sich beim Friseur rasieren und puderte sein Haar“ schreibt der George-Biograf Thomas Karlauf. Dass der Dichter sein äußeres Erscheinungsbild bis ins Detail kontrollierte, lässt sich an etlichen Fotos ablesen.

Portrait von Stefan George mit weißen Haaren, blickt von oben in die Kamera, 1928.
Weiß gepudertes und sorgsam gepflegtes Haar und ernst durchbohrender Blick: Stefan George auf einer Fotografie von 1928.

Über 3.500 Bilder werden im Stefan-George-Archiv verwahrt: Aufnahmen von Freunden, aber in erster Linie von der Fotografenfamilie Hilsdorf aus Georges Heimatstadt Bingen.

Über Jahrzehnte hinweg wird sie von George beauftragt, um die geforderten, hoch stilisierten Porträtfotos anzufertigen, die einen fast schon erstarrten Dichter zeigen. Das Bild prägt die Wahrnehmung Georges in der Öffentlichkeit bis heute.

Stefan George – eine echte Type

Und selbst in seiner Handschrift spiegelt sich der Hang zur perfekten Inszenierung: So finden sich in den Regalen des George-Archivs immer wieder Bücher, die mit einem von George gebastelten, schlichten Schutzumschlag versehen sind.

Maik Bozza zieht einen kleinen Band des französischen Schriftstellers Mallarmé hervor, 1893 gedruckt, mit einer persönlichen Widmung an den Freund versehen. Ein kleines Rückenschild, das sorgfältig mit einer Rohrfeder beschriftet ist, ziert den Schutzumschlag.

George hat systematisch an seiner Handschrift gearbeitet. „Am Anfang ist es eine lateinische Schreibschrift“, sagt der George-Kenner Maik Bozza, „ab den späteren 1890er-Jahren werden es unverbundene Buchstaben.“

Rohrfedern und Federkiele
Rohrfedern und Federkiele aus dem Nachlass des Lyrikers Stefan George

1897 führt George in seinen Manuskripten seine sogenannte Stilschrift ein, die von nun an auch das Erscheinungsbild seiner Briefe prägt. 1904 wird die Stefan-George-Schrift erstmals im Druck der dritten Auflage seines Gedichtband „Das Jahr der Seele“ verwendet. Wenige Jahre später erscheint sie im Schriftmusterbuch einer Druckerei.

Ein Ästhet, aber kein Freund des Luxus

Maik Bozza, der Leiter des Stefan George Archivs, hat sich gerade intensiv mit dem Briefwechsel Georges mit Hugo von Hofmannsthal beschäftigt. In diesem Jahr noch soll eine neue Publikation erscheinen. Also zieht er eine Postkarte aus einer Archivbox, adressiert an Hugo von Hofmannsthal, Rodaun bei Wien.

Stefan George an Hugo von Hofmannsthal, 9.12.1902
Stefan George an Hugo von Hofmannsthal, 9.12.1902.

Die Stefan-George-Schrift sticht hervor, die ein wenig an mittelalterliche Abschriften erinnert. Die breiten Lettern ermöglichen speziell zurechtgeschnittene Rohrfedern, die der Münsteraner Grafiker und Buchkünstler Melchior Lechter extra für George angefertigt.

Auch ein Faltbrief an Hofmannsthal kommt ans Licht – die Papierqualität sehr ausgewählt, fast schon pergamenthaft, mit einem roten Siegel versehen. Stefan George verfolgte seine eigene ästhetische Programmatik: in der Kunst ohnehin, aber eben auch in seiner Lebensart. Bürgerlichen Luxus bis hin zur eigenen Wohnung lehnte er ab, nahm stattdessen ein Zimmer in einer Pension oder lebte bei Freunden.

Stefan George an Hugo von Hofmannsthal, 7.9.1902
Stefan George an Hugo von Hofmannsthal, 7.9.1902.

Die wechselvolle Geschichte eines Archivs

Mit der Auflösung der Stefan George Stiftung, der Eigentümerin des Archivs, im Mai, wurde die Zukunft der wertvollen Nachlässe neu geregelt. Ab 2026 wird das Land Baden-Württemberg Eigentümerin des Archivs, das weiterhin in der württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart geführt wird.

Ein vergleichsweise harmloses Intermezzo in der zum Teil haarsträubenden Geschichte von Georges Erbe: Sein Nachlass wurde 1933 sicherheitshalber gleich auf drei Köpfe verteilt. Robert Boehringer nahm einen Teil mit in die Schweiz. Der Bildhauer und Schriftsteller Frank Mehnert brachte seinen Teil bei Freunden in Überlingen am Bodensee unter.

Stefan George, wohl am 12.7.1933
Stefan George, ca. 1933.

Berthold Stauffenberg, der wie seine Brüder Claus und Alexander zum Freundeskreis Georges gehörte, wähnte seinen Teil im Familienschloss Lautlingen auf der Schwäbischen Alb in Sicherheit.

Nach dem gescheiterten Attentat vom 20. Juli 1944 fiel jedoch die Gestapo in Lautlingen ein und bemächtigte sich auch des George-Nachlasses. Wundersamerweise entgingen die Manuskripte und Briefe der Vernichtung, auch wenn einzelne Dokumente noch heute Dreck- und Stiefelspuren aufweisen.

Dieser Teil des Archivs wurde im Sockel des Leipziger Völkerschlachtdenkmals gelagert. In den 1960iger Jahren überließ die DDR den Nachlass nach schwierigen Verhandlungen dem testamentarischen Erben Robert Boehringer, sagt Archivleiter Maik Bozza. Dass er Schweizer Staatsbürger war, habe dabei sicherlich geholfen.

Die Zukunft des Nachlasses ist gesichert Besuch im Stefan-George-Archiv

Mit dem neuen Jahr wird das Stefan-George-Archiv vom Land Baden-Württemberg übernommen und von der Württembergischen Landesbibliothek weitergeführt. Ein Nachlass mit Überraschungen.

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