Gewinnerin des Deutschen Sachbuchpreises 2025

„Das grenzt an Rufmord“: Ulli Lust über Comics und falsche Frauenbilder

Wer an die Steinzeit denkt, denkt wahrscheinlich als erstes an einen jagenden Mann mit Speer. Dieses Bild ist aber zu kurz gedacht. Das beweist Ulli Lusts Buch „Die Frau als Mensch“, das als erster Comic 2025 den Deutschen Sachbuchpreis gewonnen hat.

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In „Die Frau als Mensch“ erzählt die Comiczeichnerin mit einem Augenzwinkern von wissenschaftlichen Erkenntnissen aus Archäologie und Anthropologie zur Darstellung der Frau in der Frühgeschichte.

„Europa hat vor 30.000 Jahren ganz anders ausgesehen, als man sich das heute vorstellt“, erklärt Lust im Gespräch mit SWR Kultur. „Da gab es keine Straßen, keine Häuser, da gab es ganz viele Tiere und sehr wenige Menschen. Und diese Menschen in der bisherigen Forschung wurden halt eher als Männer beachtet. Weil man dachte, die Steinzeit ist was für starke Kerle.“

In der Steinzeit habe man Muskeln gebraucht und darüber vergessen, dass Frauen auch welche besitzen, scherzt die Comic-Autorin: „Also man hat immer angenommen, die Frauen wären schwach und hätten dann nur am Herd gesessen.“

Eine vergessene Welt der Heldinnen der Vergangenheit

Doch tatsächlich scheinen Männer in der Steinzeit gar nicht so wichtig gewesen zu sein: „Das Interessante, was mir aufgefallen ist, war die Kunst, die die Eiszeitmenschen selbst hinterlassen haben“, führt Lust weiter aus. „Da gibt es nämlich ganz viele Frauenbilder und nur sehr wenige Männer-Darstellungen.“

Schon aus privatem Interesse kenne sie sich gut mit der Eiszeit und der Frühgeschichte aus, erklärt die Comic-Zeichnerin. So sei in ihr die Idee gereift, diese Epoche auch als Comic darzustellen: „Ich fand den Versuch spannend, diese archäologischen Funde und Gedankenfragen dazu mit tatsächlichen Bildern aus der Eiszeit zu verschränken.“

Ulli Lust, Autorin des mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichneten Buchs "Die Frau als Mensch"
Ulli Lust, Autorin des mit dem Deutschen Sachbuchpreis 2025 ausgezeichneten Buchs „Die Frau als Mensch“. picture alliance/dpa | Christian Charisius

Westliches Frauenbild: „Das grenzt an Rufmord“

Sie habe mit ihrem Buch ein Frauenbild beschreiben wollen, das sie als realistischer empfinde als die Klischees über das Frausein, die Frauen seit Jahrtausenden um die Ohren geschlagen werden, erklärt Ulli Lust den Ansporn hinter „Die Frau als Mensch“.

„Ich finde, das grenzt an Rufmord, wie Frauen in der Kultur oft dargestellt wurden“, sagt Lust. „Und es ist absolut Zeit, da ein bisschen pragmatischer ranzugehen.“

Als Comiczeichnerin kann ich in Bilder und in die Vergangenheit eintauchen und kann die Lebenswelten der Eiszeit auferstehen lassen.

Auch in unserer Kultur tabuisierte Themen wie die weibliche Menstruation thematisiert Lust ohne falsche Scham: In vielen Kulturen werde die Menstruation etwas Positives und Lebensspendendes gedeutet. Wahrscheinlich auch in der Eiszeit, vermutet Lust, denn Frauen waren für kultische Handlungen zuständig.

Die weibliche Menschheitsgeschichte wird Ulli Lust noch länger beschäftigen. Aktuell schreibt sie an Band 2 von „Die Frau als Mensch“. „Ich bin einfach nicht fertig geworden“, erklärt die Autorin im Gespräch. Fans können sich bald also auf Lese-Nachschub freuen, verrät Lust: „Gerade fülle ich noch ein paar letzte Lücken, aber es wächst gut zusammen.“

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SWR Kultur am Abend SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Theresa Gunkel
Interview mit
Ulli Lust
Onlinefassung
Dominic Konrad