Wenn Ralf König seine Figuren zeichnet, beginnt er immer mit den Augen. „Die sind das absolut wichtigste“, erklärt der Comicautor, der am 8. August 2025 seinen 65. Geburtstag feiert. „Wenn die schiefgehen, dann ist der ganze Ausdruck falsch.“
Mehr als 60 Comic-Bände hat König seit seinem Zeichner-Debüt Ende der 1970er-Jahre veröffentlicht. Seine Geschichten wurden seitdem in viele Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft.
Ralf König versteht sich selbst mehr als Autor, der zeichnet, denn als Zeichner, der in Bildern Geschichten erzählt. „Wenn es ein Problem gibt, dann eher der Dialog, der Witz, die Pointe oder überhaupt der lange Atem, wenn man eine lange Geschichte zeichnen will“, sagt König im Gespräch mit SWR Kultur. „Das ist dann, wo ich zuweilen mit kämpfe. Manchmal klappt es auch wunderbar, aber die Zeichnungen sind Routine geworden.“
Ich zeichne ganz gern, aber das ist nicht die Leidenschaft. Ich bin eher Schriftsteller als Zeichner, würde ich sagen.
Inspiration im amerikanischen Underground und bei Agrippine
1960 wird Ralf König im westfälischen Soest geboren. Comics begeisterten ihn schon in seiner Kindheit: Er liest „Asterix“, „Lucky Luke“, die „Peanuts“ und natürlich „Donald Duck“.
Später faszinieren ihn vor allem subversive amerikanische Underground-Comics wie „Fritz the Cat“ von Robert Crump und „The Fabulous Furry Freak Brothers“ von Gilbert Shelton. Bis heute eine große Inspirationsquelle für den in Köln lebenden Autor: die „Agrippine“-Bände der Französin Claire Bretécher.
„Ich bin schwul und da müsst ihr euch jetzt dran gewöhnen.“
Dass er schwul ist, wird König schon in der Kindheit klar. Er macht seinen Abschluss an der Hauptschule und geht in die Tischlerlehre. Sex zwischen Männern steht in den 1970er-Jahren in der Bundesrepublik noch teilweise unter Strafe. Trotzdem ist Heimlichkeit für König keine Option.
Mit 19 outet er sich vor Freunden, Familie – und auch am Arbeitsplatz. Dort stellt er seine Sexualität mit einem Gedicht klar, das er an seine Werkbank pinnt:
Schwul zu sein bedarf es wenig. Ich bin schwul und heiß Ralf König.
„Ich habe das all meinen Arbeitskollegen, meinen Eltern und Freunden dreist auf die Nase gebunden“, erinnert sich König. „Woher ich den Mut und die Kraft genommen habe, weiß ich heute auch nicht. Aber das war damals so. Es war einfach klar: Ich bin schwul und da müsst ihr euch jetzt dran gewöhnen.“
Einfach nur coole, etwas schweinische Comics für Erwachsene
Ungefähr zeitgleich zu seinem Coming-Out veröffentlicht König 1979 seine ersten eigenen Comics im Münchener Underground-Magazin „Zomix“ und in der Schwulen-Zeitschrift „Rosa Flieder“. 1981 schreibt sich König an der Kunstakademie in Düsseldorf ein und veröffentlicht mit „Sarius“, „Das sensationelle Comic-Book“ und „SchwulComix“ die ersten eigenen Comic-Hefte.
„Ich wollte coole Comics zeichnen“, sagt König rückblickend, „und weil ich nun mal schwul bin, waren die dann schwul. Ich habe weder gedacht, dass ich jetzt Aufklärung mache oder dass ich aktivistisch tätig bin. Das war überhaupt nicht in meinem Kopf. Ich wollte einfach nur coole, etwas schweinische Comics für Erwachsene zeichnen. Und das habe ich getan.“
Stimme der deutschen Schwulenszene
In den 1980er-Jahren, dem Jahrzehnt der Aids-Krise, wird Ralf König zu einer nicht unbedeutenden Stimme der deutschen Schwulenszene. In seinen Comics skizziert er das Partyleben, scheut aber auch nicht, sich mit den ernsten Themen auseinanderzusetzen. Auch seine eigene HIV-Infektion macht er später zum Gegenstand seiner Erzählungen.
Seine Comics veröffentlicht Ralf König bis 1987 in kleineren Szene-Verlagen wie dem Verlag Rosa Winkel in Berlin. Dann wird man bei Rowohlt auf ihn aufmerksam. König bekommt das Angebot, einen Comic zu zeichnen und entscheidet sich für eine etwas zahmere, Mainstream-konforme Story: „Der bewegte Mann“.
„Der bewegte Mann“ verfolgt ihn in jedem Zeitungsartikel
Bis heute verweisen Autor*innen, die über Ralf König schreiben, immer wieder auf genau dieses Werk. Zu groß ist die kulturelle Bedeutung, die „Der bewegte Mann“ und Sönke Wortmanns Kinoverfilmung von 1994 mit Til Schweiger, Katja Riemann und Joachim Król nach wie vor haben. Mitte der 1990er-Jahre ist die positive Darstellung schwuler Rollen in deutschen Medien noch Mangelware, Königs Figuren stechen heraus.
Dennoch nervt es König, immer wieder auf diesen Comic reduziert zu werden: „Der verfolgt mich ja jetzt noch in jedem Zeitungsartikel, wo mein Name steht“, sagt König. „Irgendwann ist es auch mal gut.“
Er habe dem Erfolg des Films und des Buches natürlich viel zu verdanken. Er selbst habe anfangs auch gar nicht an den Erfolg geglaubt. „Das war die richtige Geschichte zur richtigen Zeit. Aber es ist nun auch echt ein paar Jahre her und ich habe danach noch so viele Bücher gemacht, die ich jetzt persönlich auch oft besser finde.“
Es bleibt nicht der einzige König-Comic, der fürs Kino verfilmt wird: Für „Kondom des Grauens“ (1996) und „Wie die Karnickel“ (2002) schreibt König sogar selbst am Drehbuch mit.
Konrad und Paul lassen ihn seit 1990 nicht los
Ein Comic, der König seit 1990 beschäftigt und bis heute nicht loslässt, ist „Konrad und Paul“. Erzählt wird aus dem Leben eines ungleichen schwulen Paars: Paul ist ein Szene-Gänger, der keine Party verpasst und gerne auch mal den ungezwungenen Sex zwischendurch mitnimmt. Konrad ist Klavierlehrer, begeistert sich für klassische Musik und hält nicht viel vom Partyleben.
„Wenn ich Konrad und Paul mache“, sagt König, „das läuft wie von selbst. Das plumpst aufs Papier, da habe ich gar keine Probleme mit.“ In beiden Figuren stecke ein nicht unerheblicher Teil von ihm selbst, so der Autor: „Konrad und Paul sind mir sehr, sehr nahe“.
Deshalb werden beide gemeinsam mit König über die Jahre älter. Ihre Lebenswelt wandelt sich: „Ich könnte das wahrscheinlich nicht mehr so überzeugend erzählen, dass sich Paul jetzt noch in die Szene reinstürzt, Party macht und Sex mit den geilsten Kerlen hat“, lacht König.
Er selbst entwickle sich mit fortschreitendem Alter immer mehr zu einem Konrad: So habe er in den vergangenen Jahren etwa angefangen, sich für Beethoven zu interessieren.
Kommen jüngere Generationen mit Königs Comics klar?
Dass sich auch die LGBTQ*-Szene seit seinen Jugendjahren stark gewandelt hat, geht auch an Ralf König nicht ganz spurlos vorbei.
2018 sorgte eine Fassadenmalerei des Zeichners in Brüssel für Diskussionen: Zwei Figuren im König-typischen Knollennasenstil wurden als transphob und rassistisch kritisiert. König zeigte sich in der Sache einsichtig, erkennt aber ein gegenseitiges Unverständnis unter den Generationen.
„Ich habe gelernt, dass es inzwischen in der LGBTQ*-Szene eine oder mehrere Generationen gibt, die meine Comics nicht mehr kennt, weil sie zu jung sind und noch nie ein Buch von mir gelesen haben und die deswegen auch den Kontext nicht sehen“, so König im Gespräch. „Und dann sehen die so ein Bild und es heißt sofort: diskriminierend. Das ziehe ich mir nun wiederum nicht an.“
Es wird nicht ruhig um Ralf König
Und dennoch: Auch wenn er sich mit 65 Jahren dem Alter nähert, in dem andere den Renteneintritt planen: Ans Aufhören denkt Ralf König noch lange nicht. „Solange ich Ideen für Comics im Hinterkopf habe, weiß ich nicht, warum ich aufhören sollte. Ich hoffe, dass ich nicht peinlich werde.“
Ich hoffe, dass ich keinen Alte-Weiße-Männer-Humor mache, wo alle die Augen verdrehen, sondern dass es weiterhin irgendwie cool bleibt. Aber das müssen andere entscheiden.
Aktuell arbeitet König an einer Comic-Adaption der Nibelungensage. Zwar lähme ihn momentan eine Schreibblockade, doch mit 80 Seiten, die er bereits zusammen habe, sei das Projekt bereits zu weit fortgeschritten, um aufzuhören.
König-Fans können sich dafür zum 65. Geburtstag über ein besonderes Schmankerl freuen: Der Juiläumsband „Pflaumensturz und Sahneschnitten“ versammelt über 100 Seiten bisher unveröffentlichte Comics aus der Feder des Meisters. Mit dabei sind seine beliebtesten Knollennasen, unter ihnen selbstverständlich auch Konrad und Paul.