Erzählungen und Romane von Malern, in denen Musen sich beugen müssen oder gar kaputt gehen, gibt es in der Literaturgeschichte zuhauf.
Edgar Allen Poes Erzählung „The Oval Portrait“ schildert, wie eine junge Frau zusehends an Kraft verliert, während der Maler ihr Gesicht auf die Leinwand bringt und schließlich stirbt.
Etwas weniger gefügig gemacht wird eine Frau in Honoré de Balzacs „Das unbekannte Meisterwerk“, wo ein Maler nach dem perfekten Bild strebt und im Versuch, ein schönes Modell zu porträtieren, scheitert.
Verena Stauffer dreht in „Strahlen“ diesen Spieß um. Ihre Protagonistin, die Wiener Malerin Ava, will nicht nur gesehen werden, sie will vor allem selbst sehen, und andere sehen machen, mit ihren Gemälden Erkenntnis befördern:
Ich spiegele mich. Ich werde dich spiegeln.
Von der Schaffenskrise zum Dating Portal
Nach einer Trennung steckt Ava in einer Schaffenskrise. Ehe sie eine Gastprofessur antritt, besucht sie Freunde in New York und trifft dort Kyle, auf den sie sich halbherzig einlässt. Kyle wiederum verlässt sie für Stefan, der ihr im Sommerurlaub begegnet.
Und als Stefan sich rar macht, beginnt sie über ein Dating Portal ein Verhältnis mit E., bis ihr Tiam, ein junger iranischer Nuklearmediziner, in New York zufällig über den Weg läuft.
Ist Ava eine Nymphomanin? Ein Vamp? So hätte man diese Protagonistin in ihrer Freizügigkeit und großen Sehnsucht wohl zu anderen Zeiten etikettiert.
Dabei ist Ava doch höchst osmotisch, extrem eindrucksfähig, hochsensibel, eine Synästhetikerin, die visuelle Eindrücke in Farben übersetzt:
Auf einmal waren Farben in meinen Gedanken, mein Blick wie überblendet von einer Leinwand in meinem Atelier, raumhoch und breit.
Schöpferische Kraft und überwundene Rückzugsfantasien
Ava möchte ihr Talent wieder produktiv machen, möchte zurückfinden zu ihrer schöpferischen Kraft. Dafür lässt sie sich auf die Welt ein, die sie umgibt.
Dafür überwindet sie ihre Rückzugsfantasien, ihren Wunsch, sich zu verkriechen. Stattdessen setzt sie sich allem aus, ihrem Begehren und dem der Männer:
Ich zwang mich, in dieser Gesellschaft zu funktionieren, um später mit den Erlebnissen arbeiten zu können. Ich zwang mich, nach außen zu gehen, zu leben.
Grenzenlos und freimütig
So merkwürdig es klingen mag: Avas Bereitschaft, ihre Grenzen auszuloten, ist fast grenzenlos. Freimütig gesteht sie sich ein, dass dieser Männerreigen seine Notwendigkeit hat.
Verena Stauffer führt Ava aus den USA bis in den Iran, lässt sie politische und religiöse Fragen diskutieren, schickt sie schließlich sogar in eine digitale Parallelwelt. In dieser Welt wird sie schwanger und bringt ein höchst seltsames Kind zur Welt.
Immer mehr verschwimmen in Avas Wahrnehmung die Grenzen zwischen analoger und digitaler Sphäre. Mehrfach droht ihr der totale Kontrollverlust:
Ich lief orientierungslos durch die Straßen, warf mich mit dem Rücken gegen Hausmauern, schlug Fäuste und Ellenbogen an raue Wände, schürfte mir Fingerknochen und Unterarme auf, wies Menschen ab, die mir helfen wollten.
Gleiten zwischen analoger und digitaler Welt
Doch am Ende dieses Entwicklungsromans entsteht ein neues Gemälde, dessen Geheimnis der Roman schildert. Wie Verena Stauffer hier einen rasanten Reigen von einer Künstlerin in der Krise erzählt, ist aufregend, weil die Autorin keine Tabus scheut.
Der emanzipatorische Anspruch von Ava wird nicht einfach behauptet, sondern ist von ihrem inneren Erleben gedeckt und voller Sinnlichkeit. Die Sprache ist reich, steht in einer Traditionslinie, die von Charles Baudelaire über Arthur Schnitzler, von Else Lasker-Schüler bis zur Französin Colette reicht.
Die Motivik des Romans ist ausgefeilt und präzise verzahnt – auch zu Stauffers Lyrik bestehen Verbindungen. Avas Gleiten zwischen analoger und digitaler Welt wird reflektiert geschildert, fasziniert und zugleich abgestoßen von der Macht des Digitalen.
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