So kann eine russische Rakete klingen: hart, kalt, schmerzhaft. Der ukrainische Komponist Roman Grygoriv hält die Überreste einer russischen Rakete wie einen Kontrabass und entlockt ihr mit einem Bogen unheimliche Klänge.
„Russland schickt Waffen in die Ukraine, um friedliche Menschen zu töten, Frauen und Kinder“, erklärt Journalistin Olha Volynska. „Der Komponist nimmt diese Rakete, die den Tod verkörpert, und spielt darauf, schafft Musik. Und gleichzeitig lenkt er die Aufmerksamkeit auf das, was im Herzen Europas geschieht.“
Olha Volynska sprach mit 16 ukrainischen Kunstschaffenden
Im Herzen Europas, in der Ukraine verteidigen sich die Menschen seit fast vier Jahren gegen Russlands Angriff. Nicht nur an der Front, sondern auch mit den Mitteln der Kunst. Die Journalistin Olha Volynska zeigt das in ihrem Band „Art Against Artillery“. Dafür hat sie mit 16 ukrainischen Kreativen gesprochen.
Ukrainische Künstler haben der Welt wirklich etwas zu sagen, denn Russland hat in Europa die Erzählung verbreitet, dass es keine ukrainische Kultur gibt.
Dass sie weiterhin im Krieg Kunst produzieren, sei ein Akt des Widerstandes. Und des Überlebens, sagt Volynska.: „Dies ist kein Krieg um ukrainisches Territorium, sondern ein Krieg gegen die ukrainische Identität. Künstler können mit ihren Mitteln zeigen, dass die ukrainische Kultur lebendig ist.“
Gegen Russlands Vereinnahmung: Renaissance der ukrainischen Kultur
Doch diese ukrainische Kultur, die es laut russischer Propaganda nicht gibt, blüht gerade auf. „Deshalb spreche ich von einer Renaissance“, sagt Volynska. „Tickets für bestimmte Theateraufführungen sind sechs Monate im Voraus ausverkauft. Viele Menschen gehen zum ersten Mal in ihrem Leben ins Theater. Dort werden keine russischen Stücke mehr gezeigt, sondern ukrainische Klassiker. Die Ukrainer als Gesellschaft wollen mehr über ihre eigenen Wurzeln wissen.“
Und der Künstlerinnen und Künstler gedenken, die von der russischen Armee ermordet wurden. Wie der Kinderbuchautor Wolodymyr Wakulenko. Sein Leichnam wurde in einem Massengrab in der Nähe von Isjum gefunden. Als die russische Armee kam, blieb er und hielt seine Beobachtungen in seinem Tagebuch fest, dass er vor seiner Ermordung im Garten vergrub.
Dort fand es die Schrifstellerin Victoria Amelina. Auch sie wurde später Opfer einer russischen Rakete. Heute wird Wakulenkos Tagebuch im Literaturmuseum Charkiw aufbewahrt. Im Band „Art Against Artillery“ ist eine Seite dieses bewegenden Dokuments abgedruckt.
„Der menschliche Geist ist stärker als die Waffe“
Olha Volynska spricht mit Menschen, die Theater in Luftschutzkellern spielen und Filme drehen. „Art Against Artillery“ zeigt die Vielfalt und den Reichtum der ukrainischen Kultur. Und die Kontinuität des Kampfes um Geschichte und Identität.
Der Mensch, der menschliche Geist, ist stärker als die Waffe, sogar stärker als der Tod. Wir leisten Widerstand, solange wir leben, wir ergeben uns nicht. Solange wir leben, haben wir der Welt etwas zu sagen.
Doch: Kann im Krieg überhaupt gute Kunst entstehen? Braucht es dafür nicht Abstand? Nein, findet Olha Volynska: „Kunst hilft uns, die Erfahrungen, die wir gerade machen, zu akzeptieren, von innen heraus sozusagen aufzutauen. Denn unsere natürliche Reaktion auf Stress ist, dass wir uns verschließen. Wir hören auf, überhaupt etwas zu fühlen.“
Die Kunst helfe den Ukrainerinnen und Ukrainern diese Sensibilität zurückzugewinnen, hofft Volynska, und sich wieder lebendig zu fühlen: „Darin liegt der Wert der Kunst in Kriegszeiten.“
Mehr Kunst im Ukraine-Krieg
Zwischen Protest und Kunst „Oxana – Mein Leben für Freiheit“: Eindrucksvolles Biopic über Femen-Aktivistin
Vor sieben Jahren starb die Femen-Mitgebgründerin Oxana Schatschko. Charlène Favier widmet ihr ein melancholisches Biopic. Das Porträt bleibt aber mehr Gefühlsskizze als Analyse.
Mobilität im ländlichen Raum Saarburg-Kell: Junge Flüchtlinge teilhaben lassen
Geflüchtete Kinder und Jugendliche aus der Ukraine haben in den vergangenen Monaten viel durchgemacht. In Kunst- und Musikprojekten sollen sie nun etwas durchschnaufen können.
Kreative Hilfe in Triers Partnerstadt Isjum Comics gegen Angst: Trierer Künstler zeichnet mit Kindern in der Ukraine
Mehrere Tage lang hat Comiczeichner Johannes Kolz gemeinsam mit Kindern Cartoons in der ukrainischen Stadt Isjum gezeichnet. Nun ist er zurück - und um viele Erfahrungen reicher.
Unter dem Motto "Hilfe, die ankommt" Musik verbindet: Mit Livestream-Konzert sammelt dieser Verein Spenden für die Ukraine
Mit einem großen Benefizkonzert hat der Freiburger Verein "Ukrainehilfe direkt" am Samstagabend den Menschen in der Ukraine gezeigt: "Ihr seid nicht alleine."
Musikgespräch Ein Konzert für den Frieden: Friederike Kienle über ihr Konzert in der Ukraine
Ein Konzert für den Frieden gab das Rivne Philharmonic Orchestra am Sonntag, 22. Juni beim Festival „Rivne Classical Residence”. Musikalische Unterstützung aus Stuttgart gab es durch die Dirigentin Friederike Kienle und die Pianistin Sophia Weidemann. Auf dem Programm: Robert Schumanns Klavierkonzert und Beethovens 3. Sinfonie „Eroica“. Friederike Kienle berichtet von diesem Erlebnis im SWR Kultur Musikgespräch.