Wenn am ersten Augustwochenende wieder Zehntausende Elektrofans nach Kastellaun pilgern, verwandelt sich das Sechstausendseelen-Dorf im Hunsrück wieder in eine ganz eigene Welt. Wo sonst höchstens mal Traktoren die ländliche Ruhe stören, wummern nun vier Tage lang Bässe über die Mittelgebirgslandschaft in Rheinland-Pfalz.
Das Epizentrum der Nature One liegt auf der stillgelegten Raketenbasis Pydna. Doch längst hat auch das Dorf selbst das Techno-Fieber gepackt. Über den Straßen hängen Willkommensbanner für die Raverinnen und Raver. Das anfängliche Misstrauen ist längst Begeisterung gewichen.
Pydna: Vom NATO-Raketenstützpunkt zum Rave-Gelände
Bevor auf der ehemaligen Raketenbasis Bässe pulsierten, standen auf dem Gelände Atomraketen. Die Pydna war in den 1980er-Jahren eine US-Raketenbasis – Teil des NATO-Verteidigungsnetzes während des Kalten Kriegs. Stationiert waren hier Pershing-II-Raketen mit nuklearen Sprengköpfen, die als Abschreckung gegen die Sowjetunion dienten.
Nach dem INF-Vertrag zur Abrüstung atomarer Mittelstreckenraketen wurde der Stützpunkt aufgegeben. Zurück blieben betonierte Zufahrten, Wachtürme, Rollfelder und unterirdische Bunker – ein gespenstischer Ort mitten im Hunsrück, der erst Jahre später eine neue, friedliche Nutzung fand.
Seit 1996 verwandelt sich das Gelände jedes Jahr in einen Techno-Tempel. Viele Floors befinden sich in den ehemaligen Bunkeranlagen, die durch ihre Architektur einen ganz eigenen Sound erzeugen. Die große Open-Air-Stage liegt auf dem früheren Raketenrollfeld – hier tanzen heute Zehntausende bis zum Sonnenaufgang.
Wirtschaftsfaktor Festival: Was die Nature One Kastellaun bringt
Statt Chaos brachten die Raver Geld, gute Laune und viel Farbe ins Dorf. Besitzer von Hotels, Bäckereien, Supermärkten und Tankstellen freuen sich jedes Jahr auf das Festival. Auch private Stellplätze und Brötchenverkauf boomen – ein Wochenende, das wirtschaftlich ins Gewicht fällt.
Was einst als subkulturelles Experiment begann, ist heute ein Motor der Region. Kastellaun hat sich nicht nur arrangiert – es hat die Nature One zu einem Teil seiner Identität gemacht.
Festival ist im Hunsrück wichtiger Wirtschaftsfaktor 30 Jahre NATURE ONE: Was das Techno-Festival für die Region bedeutet
Wenn die NATURE ONE losgeht, ist ganz Kastellaun im Festival-Modus. Das Techno-Festival auf der Pydna ist seit 30 Jahren ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Region.
1995 bis heute: Die Geschichte der Nature One im Überblick
Die Nature One entstand als Ableger des Mayday-Festivals, das in Dortmund stattfindet, und feierte 1995 Premiere – allerdings noch auf dem Flughafen Frankfurt-Hahn. Schon im Folgejahr zog das Festival auf die Pydna, wo sie bis heute stattfindet. Rund 13.000 Menschen kamen zur ersten Ausgabe.
Mittlerweile sind es über 65.000 Besucher*innen jährlich – aus Deutschland, Belgien, den Niederlanden, der Schweiz und darüber hinaus. Mit ihren Bunker-Partys, Lasershows und über 20 Bühnen gilt die Nature One als legendär in der elektronischen Musikszene.
DJ-Stars und Gänsehaut-Momente auf dem Open-Air-Floor
Von Westbam über Chris Liebing bis Charlotte de Witte: Die Crème de la Crème der Szene hat hier aufgelegt. Wer einmal nachts über einen Waldweg zur Open-Air-Stage gelaufen sei, begleitet vom dumpfen Wummern in der Ferne, vergesse das nie – darüber sind sich die Stars hinter den DJ-Pults einig.
„Das ist Festival ein Ritual“, erklärt die Technoikone Sven Väth anlässlich des Jubiläums. Für die Basshouse-DJ Acina sei es gar „wie ein Zuhause“. „Ihr habt elektronische Musik über die Grenzen hinaus geprägt“, findet Elektromusikerin Lilly Palmer.
Trotz Sponsoring und gestiegener Preise hat sich die Grundidee gehalten: elektronische Musik als kollektive Erfahrung. Die Acts sind wichtig – aber viele kommen wegen des Gefühls, des Miteinanders, des Eskapismus.