Rund 75.000 Rockfans werden am Sonntag erwartet, wenn AC/DC auf dem Open-Air-Gelände in Rheinstetten im Rahmen ihrer „Power Up-Tour“ in Karlsruhe gastieren. Rund 170 Euro sind fällig, wenn man beim Spektakel dabei sein möchte.
Für den Bereich ganz vorne vor der Bühne, den sogenannten „Golden Circle“, ist ein weiterer Zehner fällig – ein stolzer Preis für eine Band, die live vor allem von ihren Hits aus dem letzten Jahrhundert zehrt. Doch der Name AC/DC zieht noch immer.
Das verwundert bisweilen, wenn man sich die Kritiken der vergangenen Monate ansieht: Der Gesang von Brian Johnson sei zu schwach, der Sound oftmals verwaschen. Die Helden altern, aber sie hören nicht auf. Warum? Weil es sich lohnt.
Der Name ist eine Marke
Tourneen sind heute die wichtigste Einnahmequelle der Musikindustrie. Im Zeitalter von Streaming bleibt für die Künstler vom Albumverkauf wenig. Das große Geschäft liegt heute in groß angelegten Shows, bei denen sich an nur einem Abend Millionen verdienen lassen – selbst dann, wenn das musikalische Niveau wackelt.
Trotzdem bleibt das Publikum begeistert: nicht allein wegen der Musik, sondern wegen des Mythos. AC/DC verkaufen nicht nur Musik, sondern ein Gesamterlebnis, von VIP-Paketen bis zu exklusivem Merchandise. Der Name ist eine Marke, deren Wert sich aus jahrzehntelang aufgebautem Kult speist.
Kollektive Nostalgierituale
Diese Form der Nostalgie ist ein zentraler Faktor im Rockgeschäft. Viele Fans wollen das wiedererleben, was sie in ihrer Jugend geprägt hat: Das Publikum akzeptiert, dass die Energie der frühen Jahre fehlt, solange Klassiker wie „Highway to Hell“ oder „Thunderstruck“ erklingen. Wenn Angus Young im Schuljungen-Outfit über die Bühne wankt, dann ist das für viele kein peinliches Bild, sondern schlichtweg ein vertrautes.
Die Wahrheit ist: Die meisten Fans kommen sowieso nicht, um etwas Neues zu hören. Die Konzerte großer Altstars sind weniger Konzerte als kollektive Nostalgierituale. Bei einer Marke wie AC/DC ist der Schriftzug längst wertvoller als jede neue musikalische Idee. Das ist legitim, aber es verschiebt den Fokus von künstlerischem Ausdruck hin zu Produktpflege.
Ein Genre feiert seine Vergangenheit und vergisst die Zukunft
Das Problem an der Dominanz dieser „Oldie“-Bands ist nicht nur ihr nachlassender Elan, sondern ihre schiere Marktmacht: Festival-Headlinerplätze, große Hallen und mediale Aufmerksamkeit gehen fast ausschließlich an die etablierten Namen.
Für junge Rockbands bleibt oft nur die Rolle der Vorgruppe oder gar keine Bühne. Veranstalter setzen auf sichere Kassenschlager, statt Risiken mit neuen Acts einzugehen. So entsteht ein Teufelskreis, in dem das Genre zwar ständig seine Vergangenheit feiert, aber kaum Raum für seine Zukunft lässt. Die Kassen klingeln trotzdem.
Der richtige Moment zum Aufhören ist eine Legende
Das Problem liegt also nicht nur bei den Bands, sondern auch bei den Fans. Denn der „richtige Moment zum Aufhören“ ist ein romantisiertes Ideal. Oft heißt es, besagter Moment sei eine Frage von Würde.
David Bowie hat ihn mit „Blackstar“ gefunden, allerdings im Wissen um seine tödliche Krankheit. Andere, wie Elton John, verabschieden sich seit Jahren in Endlosschleifen, Motörhead starben einfach mit ihrem Frontmann Lemmy. Der perfekte Abgang ist eine Legende und wer ihn verpasst, läuft Gefahr, den eigenen Glanz zu zerkratzen.
Altern auf der Bühne – aber nicht im Rock
Madonna sagte einst, Künstler hätten kein Verfallsdatum. Und überhaupt: Warum eigentlich dieser Druck, jung und kraftvoll bleiben zu müssen? In anderen Künsten dürfen Künstler*innen altern, gilt Reife gar als Gewinn. Dirigenten mit zitternder Hand gelten als weise, nicht als peinlich.
Schauspielerinnen wie Judi Dench oder Isabelle Huppert stehen mit über 80 im Rampenlicht. Nur im Rock muss die Bühne scheinbar immer brennen.
Museale Bands blockieren die großen Bühnen
Denn: Rockmusik altert schlechter als viele andere Bühnenkünste. Nicht, weil ihre Protagonisten schwächer werden, sondern weil das Genre selbst auf körperlicher Energie, Lautstärke und Geschwindigkeit gebaut ist.
Rock ist ein Versprechen von Ekstase, nicht von Erfahrung. Und wenn dieses Versprechen nicht mehr eingelöst wird, wirkt die Bühnenpräsenz irgendwann nicht mehr mutig, sondern museal.
Sobald die Bühne nur noch von der Legende lebt und nicht mehr von der Musik, ist das kein Triumph der Authentizität, sondern ein Symptom der Erstarrung. Wenn Bands wie AC/DC trotz sicht- und hörbarer Verschleißspuren weiter die größten Bühnen besetzen, halten sie nicht nur am eigenen Mythos fest, sie blockieren zugleich die Sicht auf neue Talente, die diese Bühnen dringend bräuchten, um selbst einmal Geschichte zu schreiben.