Diskussion um Teilnahme Israels

Warum der ESC immer schon politisch war

Boykottaufrufen zum Trotz – der ESC will eine neutrale Veranstaltung sein. Politische Gesten und Texte sind ausdrücklich untersagt. Dabei zeigt ein Blick in die Geschichte, dass sich die Politik beim Wettbewerb selten ausklammern ließ.

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Stand

Von Autor/in Tobias Stosiek

1974: Italien schaltet ab

1974 blieb in Italien der Bildschirm schwarz. Und das obwohl Gigliola Cinquetti als Favoritin galt. 1964 sang die Italienerin zum ersten Mal beim ESC – und gewann. Zehn Jahre später kehrte sie zurück. Wieder mit einem Schlager im Gepäck, ein harmloses Liebeslied. Und trotzdem entschied sich die RAI gegen eine Ausstrahlung der Show im englischen Brighton.

Gigliola Cinquetti mit Peter Alexander im Jahr 1974.
Gigliola Cinquetti mit Peter Alexander im Jahr 1974.

Grund war der Titel des Songs: „Si“. An sich genauso harmlos, allerdings nicht im politischen Kontext der Zeit. Italien stand damals kurz vor einer Volksabstimmung. Die Neofaschisten warben für ein Verbot von Scheidungen. Und man befürchtete, das im Song so oft wiederholte „Ja“ könnte eine unterschwellige Wirkung auf die Wählerinnen und Wähler entfalten.

Zu Recht? Hinterher schwer zu sagen. Die überwältigende Mehrheit sagte auf jeden Fall Nein. Das Referendum wurde abgelehnt, Scheidungen blieben weiter erlaubt. Und auch Cinquetti landete „nur“ auf dem zweiten Platz – den ersten machte damals irgendeine mäßig bekannte schwedische Band mit dem seltsam-dadaistischen Namen „ABBA“.

Abba nach dem Gewinn des ESC im Jahr 1974.
Abba im Hotel in Brighton nach dem Gewinn des ESC im Jahr 1974.

Auch 1974: Ein Revolutionslied landet auf dem letzten Platz

Wenn diese Episode eines zeigt, dann, dass sich die Politik schon immer schwer heraushalten ließ beim ESC, auch wenn die Songs im Wettbewerb bis heute offiziell „keine politische Botschaft“ enthalten dürfen. Wie ein Lied gelesen wird, ist in den meisten Fällen schließlich weniger Sache der Textdichterinnen und Textdichter als der Rezeption. Nach weiteren Beispielen in der Geschichte des Wettbewerbs muss man nicht lange suchen.

Paulo de Carvalho im Jahr 1974.
Paulo de Carvalho im Jahr 1974.

Ebenfalls 1974 ging für Portugal der Schlagersänger Paulo de Carvalho mit dem Song „E depois do adeus“ ins Rennen. Die Herzen der Jurymitglieder konnte er mit dieser Breakup-Ballade nicht gewinnen. Der Song landete auf dem letzten Platz.

Dafür ist seine historische Bedeutung umso größer. Das Lied diente als Geheimsignal für die Putschisten der sogenannten „Nelkenrevolution“, die gerade mal zwei Wochen nach dem ESC mit dem autoritären Salazar-Regime in Portugal Schluss machte.

1956: Ein Deutscher kritisiert die deutsche Vergesslichkeit

Man kann auch noch weiter zurückgehen in der Geschichte des Wettbewerbs, sogar bis ganz an den Anfang. Als der ESC am 24. Mai 1956 in Lugano zum ersten Mal stattfindet, dürfen die teilnehmenden Länder noch jeweils zwei Acts in den Wettbewerb schicken. Für Deutschland auf die Bühne geht damals ein relativ unbekannter Freddy Quinn („So geht das jede Nacht“).

Doku in der Mediathek „70 Jahre ESC – More than Music“ – eine Zeitreise durch sieben Jahrzehnte Eurovision Song Contest

Seit seiner Premiere im Jahr 1956 hat sich der „Grand Prix Eurovision de la Chanson“ von einer beschaulichen TV-Gala zu einem musikalischen Megaevent entwickelt, das heute rund 160 Millionen Zuschauende in seinen Bann zieht.

Davor trägt jedoch noch Walter Andreas Schwarz die düstere Ballade „Im Wartesaal zum großen Glück“ vor. Darin heißt es: „Und man baute am Kai der Vergangenheit / Einen Saal mit Blick auf das Meer / Und mit Wänden aus Träumen gegen die Wirklichkeit / Denn die liebte man nicht sehr.“

Man kann diese Zeilen auf die Vergangenheitsflucht der Deutschen in den Fünfzigerjahren beziehen, zumal Schwarz selbst jüdischer Abstammung war und jahrelang im KZ saß.

1968: Karel Gott singt für den Prager Frühling

Ähnlich verklausuliert ist die Botschaft, die Österreich mit seinem ESC-Beitrag im Jahr 1968 sendet. Man schickt extra den Tschechen Karel Gott zur Show nach London, will so ein musikalisches Morsezeichen hinter den Eisernen Vorhang funken.

In seinem Wettbewerbsbeitrag („Tausend Fenster“) besingt Gott die Entfremdung des Großstadtlebens („Wie auf kleinen Inseln leben wir“), man kann den Text aber auch als Solidaritätsgeste mit der Bewegung des Prager Frühlings lesen.

Karel Gott im Jahr 1968.
Karel Gott im Jahr 1968.

Politisch bemerkenswert ist der ESC 1968 übrigens auch noch in einer zweiten Hinsicht. Für Spanien sollte damals nämlich eigentlich der Sänger Joan Manuel Serrat ins Rennen gehen. Der will aber auf Katalanisch singen, seiner Muttersprache, die unter dem faschistischen Diktator Franco unterdrückt wird.

Kurzerhand ersetzt man ihn also durch die Sängerin Massiel – und die gewinnt mit dem Song „La La La“ schließlich den Gesamtwettbewerb. Gerüchteweise soll Franco auch noch die Jury bestochen haben.

Wo sich ESC und die Kunstbiennale in Venedig gleichen

Am Ende muss man den ESC wahrscheinlich ein wenig mit der Kunstbiennale in Venedig vergleichen, deren Eröffnung in diesem Jahr völlig von der Diskussion über die Rückkehr des russischen Pavillons überschattet wird. Die Politik aus einer Veranstaltung rauszuhalten, die derart strikt nach dem Nationenprinzip organisiert ist, ist ein aussichtsloses Unterfangen.

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Von politischen Diskussionen überschattet: Der ESC 2026 in Wien

Auf Neutralität wird sich die European Broadcasting Union in diesem Jahr jedenfalls nicht berufen können. Zuletzt hatten über 1100 internationale Musikerinnen und Musiker wegen der Beteiligung Israels zu einem Boykott des ESC in Wien aufgerufen, darunter Namen wie Brian Eno oder Peter Gabriel.

Irland, Island, die Niederlande, Slowenien und Spanien haben ihre Teilnahme bereits abgesagt. Wie immer man am Ende also dazu steht – die Entscheidung Israel teilnehmen zu lassen ist genauso politisch wie es eine Ausladung wäre.

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Zum 70-jährigen Jubiläum widmet sich die ARD-Dokumentation „70 Jahre ESC – More than Music“ – zu sehen am 11. Mai 2026 um 20:15 Uhr im Ersten und bereits ab dem 8. Mai in der ARD Mediathek – dieser Erfolgsgeschichte und beleuchtet, warum der ESC weit mehr ist als ein musikalischer Wettbewerb.

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Tobias Stosiek