10. Todestag des Pioniers

Warum David Bowie uns immer noch voraus ist

David Bowie war mehr als ein Popstar. Zehn Jahre nach seinem Tod lohnt der Blick auf drei Bereiche, in denen seine Haltung bis heute erstaunlich modern wirkt: von Identität über Technik bis zur Idee von Pop selbst.

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Stand

Von Autor/in Samira Straub

Bowie setzte den Schlusspunkt selbst

Als David Bowie am 10. Januar 2016 starb, hatte er seinen Schlusspunkt bereits selbst gesetzt. Sein Album „Blackstar“, zwei Tage zuvor erschienen, war kein letztes Aufbäumen, sondern ein Abschied, den Bowie nicht dem Zufall überließ.

Zehn Jahre später wirkt Bowie weniger wie eine Figur der Vergangenheit als wie ein Künstler, dessen Denkweise erstaunlich gut in die Gegenwart passt.

David Bowies letztes Album Blackstar
David Bowie nahm Blackstar zwischen 2014 und 2015 in New York auf – die Öffentlichkeit wusste zu diesem Zeitpunkt nichts von seiner Krebserkrankung.

Identität als Konstruktion, nicht als Bekenntnis

1972 trat David Bowie als Ziggy Stardust mit roten Haaren und Plateauschuhen auf die Bühne. Damals war nicht nur sein Aussehen neu, sondern auch die Idee, dass ein Popstar überhaupt jemand anderes sein konnte.

Bowie gilt bis heute als Pionier geschlechtlicher Grenzüberschreitungen im Pop. Doch seine eigentliche Radikalität lag tiefer.

Identität war für Bowie kein Innerstes, sondern etwas, das man gestalten konnte: Wer Ziggy mochte, bekam ein Jahr später den Thin White Duke, den dünnen weißen Herzog, und musste sich neu orientieren. Heute arbeiten viele Popstars wieder mit klaren Kunstfiguren: von Lady Gaga bis The Weeknd. Anders als Bowie werden diese Rollen jedoch meist über Jahre stabil gehalten, nicht bewusst aufgelöst.

David Bowie als Ziggy Stardust
Die Figur Ziggy Stardust machte Bowie Anfang der 1970er-Jahre international bekannt.

Rollen statt Offenbarung

Früh widersetzte sich Bowie der Erwartung, hinter den Masken müsse sich ein „wahres Ich“ verbergen. In einem Interview mit dem „Melody Maker“ erklärte er bereits 1972:

I’m an actor. I play roles.

Zweifelsohne stand Bowie auch tatsächlich als Schauspieler vor der Kamera, von „Der Mann, der vom Himmel fiel“ bis „Labyrinth“. Er sprach hier jedoch nicht vom Filmset, sondern von Pop als Bühne.

Diese Haltung unterscheidet ihn deutlich von heutigen Lesarten, die Bowie rückblickend als Identitätsaktivisten vereinnahmen. Anders als viele gegenwärtige Identitätsdebatten wollte Bowie Erwartungen unterlaufen.

David Bowie als Thin White Duke
Figuren wie Ziggy Stardust, Halloween Jack oder der Thin White Duke (im Bild) waren keine Alter Egos, sondern temporäre, narrative Kunstpersonen.

Bei Bowie ist das Ich formbar

Ihm ging es nicht um das richtige Bekenntnis, sondern um Beweglichkeit: Identität war Material, nicht Aussage. Gerade darin liegt seine Aktualität. Figuren wie Ziggy waren Kunstpersonen, die Bowie jederzeit ablegen konnte.

In einer Gegenwart, in der soziale Medien permanente Selbstinszenierung verlangen, erscheint Bowies Ansatz fast nüchtern. Er zeigte früh, dass das Ich kein stabiler Kern sein muss, sondern etwas, das sich formen und neu schreiben lässt. Aus heutiger Sicht mag das naheliegen, Ende der 1970er-Jahre war es radikal.

Technologie als künstlerischer Raum

Auch im Umgang mit Technologie war Bowie seiner Zeit voraus. Bereits in den 1970er-Jahren arbeitete er mit der Cut-up-Technik, später entwickelte er mit dem „Verbasizer“ eine Software, die Wörter durcheinanderwirbelte und neu ordnete. Kreativität verstand Bowie nicht als rein subjektiven Akt, sondern als Prozess, in dem Kontrolle bewusst abgegeben wird.

Besonders deutlich wurde diese Haltung Ende der 1990er-Jahre, als Bowie mit BowieNet eine eigene Online-Plattform gründete. Er wartete mit Chatrooms und exklusiven Inhalten auf, zu einer Zeit, als die meisten Künstler noch nicht einmal über eine eigene Website verfügten.

David Bowie vor einem Computer in den 90er-Jahren
David Bowie beschäftigte sich schon in den 1990er-Jahren intensiv mit dem Internet und digitalen Veröffentlichungsformen.

Technik als Möglichkeit, nicht als Bedrohung

In einem Interview mit der BBC sagte Bowie:

Das Potenzial des Internets für die Gesellschaft, sowohl im Guten als auch im Schlechten, ist unvorstellbar.

Was Bowie damals erahnte, ist heute Realität: Plattformen prägen nicht nur die Verbreitung, sondern auch die Form von Pop. Während viele Künstler das Internet damals vor allem als Marketingkanal betrachteten, sah Bowie es als neue Bühne für Kunst und Öffentlichkeit.

Diese Offenheit gegenüber Kontrollverlust und Veränderung macht ihn heute anschlussfähig an Debatten um künstliche Intelligenz und Remix-Kultur. Bowie fragte nicht, ob Technik Kunst bedrohe, sondern was sie ästhetisch möglich mache.

Kunst als langfristiges Projekt, über den Tod hinaus

Die dritte Vorreiterrolle Bowies liegt in seinem strategischen Denken. Er war einer der ersten Popkünstler, der sein Werk nicht nur gestaltete, sondern langfristig plante.

Wie zentral Fragen der Kontrolle über Musikrechte heute sind, zeigt der öffentlich geführte Streit um Taylor Swifts Katalog. Bowie hatte diese Auseinandersetzung bereits Jahrzehnte früher strategisch vorweggenommen.

Die sogenannten Bowie Bonds, mit denen er Ende der 1990er-Jahre zukünftige Einnahmen aus seinem Musikkatalog vorab finanzierte, waren ebenso Ausdruck davon wie seine konsequente Kontrolle über Archiv und Veröffentlichungen.

David Bowie
Bowies Umgang mit seinem Werk galt in der Musikindustrie lange als ungewöhnlich vorausschauend.

In „Blackstar“ bündelte sich dieses Denken. Das Album ist kein spontanes Vermächtnis, sondern ein bewusst gestalteter Schlusspunkt. Seine Krankheit und der nahende Tod werden nicht sentimentalisiert, sondern ins Werk integriert. In „Lazarus“ singt Bowie:

Look up here, I’m in heaven. (Schau hier nach oben, ich bin im Himmel.)

Bowie entzog seinen Abschied dem Zufall. In einer Zeit, in der Fragen nach dem digitalen Nachleben von Künstlern, nach posthumen Veröffentlichungen und KI-generierten Stimmen an Bedeutung gewinnen, wirkt diese Konsequenz bemerkenswert.

Pop verstand David Bowie nicht als endlosen Kreislauf der Wiederholung, sondern als Verlauf mit Wandlungen und vor allem: einem klaren Ende.

Ein Künstler der offenen Fragen

Zehn Jahre nach seinem Tod ist David Bowie kein unantastbares Denkmal. Aber er bleibt ein Maßstab dafür, wie konsequent Pop sein kann, wenn er sich nicht an Erwartungen, sondern an Möglichkeiten orientiert.

David Bowie war kein Künstler, der Antworten gab: Er war einer, der die richtigen Fragen stellte. Und genau deshalb ist er uns bis heute voraus.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital