Adidas-Partnerschaft trotz Antisemitismus
Dass US-Rapper Kanye West politisch fragwürdige Standpunkte vertritt, ist nichts Neues: Schon vor über zwanzig Jahren fiel er etwa mit der Äußerung auf, AIDS sei eine menschengemachte Krankheit. Über die Jahre folgten zahlreiche Vorfälle, bei denen sich der Rapper offen antisemitisch und rechtsextrem äußerte.
Trotzdem lief die musikalische Karriere des Rappers nahezu ungestört weiter – obwohl er unter anderem mehrfach keinen Hehl aus seiner Bewunderung für NS-Diktator Adolf Hitler machte und mit Aktionen wie dem Verkauf von Hakenkreuz-T-Shirts provozierte.
Auch an prominenten Werbepartnern mangelte es West nicht. So kooperierte der Rapper etwa lange mit dem Sportartikel-Hersteller Adidas. Gemeinsam brachten West und Adidas etwa futuristisch anmutende Sneaker auf den Markt. Erst 2022, als der öffentliche Druck zu groß wurde, kündigte die Adidas die Partnerschaft.
Bipolare Störung als Erklärung
Einschnitte wie diese dürften ein Grund dafür sein, dass sich der Rapper mehrfach für sein Verhalten entschuldigte und Besserung gelobte. West gab dabei unter anderem an, an einer bipolaren Störung zu leiden, revidierte diese Angabe später aber auch wieder.
Entgegen aller öffentlichen Entschuldigungen halten Kanye Wests Provokationen an. Vielleicht auch, weil er künstlerisch weiterhin gefragt ist: Diesen Sommer sollte er etwa als Headliner beim Londoner Wireless Festival auftreten. In den vergangenen Wochen hatte es in London große Proteste gegen eben diesen Auftritt gegeben.
Wireless Festival muss alles absagen
Nun schob die britische Regierung den Riegel vor und verweigerte West das Visum – zum Unmut vieler Fans und offenbar zur Überraschung der Veranstalter. Denn diese sagten das Festival daraufhin ganz ab. Zu sehr hatte man darauf gebaut, dass Kanye West ohne Probleme würde auftreten können.
Es ist ein starker Kontrast: Auf der einen Seite steht die Musikindustrie, die die Karriere eines Künstlers fördert – dessen Anwesenheit auf der anderen Seite als so bedrohlich gilt, dass Sicherheitsbehörden ihm die Einreise verweigern.
Auch in Deutschland sind antisemitische Äußerungen kein zwingendes Karriere-Aus, wie der Fall des Sängers Xavier Naidoo zeigt.
Xavier Naidoo spricht von Embyro-Gewürzen
Dieser irritiert schon seit Beginn seiner Karriere mit diversen Aussagen, etwa zu einer vermeintlichen Besatzung Deutschlands. Trotzdem war Naidoo lange Vorzeige-Musiker und prägte etwa als Juror bei „The Voice“ und „Deutschland sucht des Superstar“ die deutsche Musikszene.
Nach einigen, stark antisemitischen Aussagen ruderte er zwischenzeitlich zurück und schien sich teilweise zu rehabilitieren. Vor wenigen Wochen sorgte er dann bei einer Demonstration gegen Kindesmissbrauch wieder für Aufsehen: Naidoo äußerte dort verschwörungsideologische Thesen zu vermeintlichem Kannibalismus an Kindern.
Ikkimel „kann das alles nicht mehr“
Einer, der sich daran nicht zu stören scheint, ist Rapper Sido, bürgerlich Paul Würdig. Dieser kündigte gerade erst ein Album an, an dem Xavier Naidoo mitgewirkt haben soll – worüber er sich Sido nach eigenen Angaben sehr gefreut habe. Einige Fans von Sido kündigten daraufhin einen Boykott an, andere spekulieren darüber, ob Sido die Ankündigung ernst meinte.
Gegenwind kam auch von anderer Prominenz: Rapperin Ikkimel etwa äußerte ihr Entsetzen über die Zusammenarbeit in ihrer Instagram-Story: „Sido wird gefragt auf welches Feature er sich auf seinem kommenden Album am meisten freut, er sagt Xavier Naidoo. Ich kann das alles nicht mehr.“
Die Musikindustrie trägt Verantwortung
Nicht jeder Mensch mit Reichweite sollte diese auch haben, finden viele User. Oder, wie es schon Oscar Wilde schrieb: „Die Welt ist eine Bühne, aber das Stück ist schlecht besetzt.“ Wenn die Musikindustrie Auftritte und Plattendeals verteilt, erhalten mitunter Menschen eine Macht, mit der sie großen Schaden anrichten können.
Im Fall von Kanye West etwa sieht die Menschenrechtsorganisation „Anti-Defamation League“ einen Zusammenhang zwischen dessen antisemitischen Aussagen und zahlreichen antisemitischen Vorfällen in den USA. Auch online lässt sich das Phänomen beobachten: Dort teilten User etwa unter dem Hashtag #yeisright („Ye hat Recht“) antisemitische Inhalte.
Berichte wie dieser verdeutlichen, welche Verantwortung Entscheidungsträger der Musikbranche tragen, wenn sie Menschen wie Kanye West eine Bühne geben. Und: Auch wenn Namen wie seiner Geld und Aufmerksamkeit versprechen, kann die Rechnung auch mal daneben gehen, wie der Fall des nun abgesagten Wireless Festival zeigt.