Lucinda Williams hatte ihren kommerziellen Durchbruch erst spät: 1998, mit Mitte 40, erschien ihr Album „Car Wheels On A Gravel Road“. Seitdem gilt sie als eine der großen Erzählerinnen des linken amerikanischen Musik-Mainstreams – auf Augenhöhe mit Bruce Springsteen.
Am 26. Januar wird sie 73 Jahre alt. Nach einem Schlaganfall spielt sie keine Gitarre mehr, altersmilde ist sie aber nicht. Mit ihrem Album „World’s Gone Wrong“ legt Williams nun eine schonungslose Abrechnung mit den USA der Gegenwart vor.
Alltag im Krisenmodus
Sie arbeitet als Krankenpflegerin, er verkauft Autos. Das Geld ist knapp, die Nachrichtenlage schlecht. In ihrem Ort stehen viele Häuser leer, Menschen wurden in der Immobilienkrise aus ihren Wohnungen gedrängt. Manchmal schafft sie es morgens kaum aus dem Bett, abends kommt er völlig erschöpft nach Hause.
Im Titelsong „World’s Gone Wrong“ erzählt Lucinda Williams in knappen Worten, wie es einem großen Teil der amerikanischen Normalbevölkerung derzeit geht. Dass sie dabei nicht nur weiße Lebensrealitäten meint, wird auch musikalisch deutlich: Die Backing Vocals der schwarzen Countrysängerin Brittney Spencer erweitern die Perspektive hörbar.
Kälte, Zerfall, Stillstand
Auch im folgenden Stück „Something’s Gotta Give“, erneut mit Brittney Spencer, bleibt die Stimmung düster. Die Atmosphäre im Land, so Williams, wird immer kälter. Das Schlechte werde stärker, der gesellschaftliche Zusammenhalt zerbreche.
Große textliche oder musikalische Umwege macht Williams auf diesem Album nicht. Die Lage in ihrem Heimatland ist ernst – sie beschreibt sie mit wenigen, klaren Worten und ebenso reduzierten Akkorden.
Fremde Worte, erschreckend aktuell
Manchmal greift Williams gar nicht zu eigenen Texten. Gemeinsam mit der großen Gospelsängerin Mavis Staples interpretiert sie Bob Marleys „So Much Trouble In The World“. Der Reggae-Klassiker klingt heute verblüffend aktuell: Männer auf Ego-Trips, die mit ihren Raumschiffen abheben, meilenweit entfernt von der Wirklichkeit, ohne Verantwortung für andere.
Die Kritik sitzt – damals wie heute.
Anklage mit Vorwärtsdrang
Als Tochter des Dichters Miller Williams war Lucinda Williams schon immer eine kritische Stimme der USA. Eine so umfassende Anklage wie auf „World’s Gone Wrong“ war von ihr bislang aber nicht zu hören – und auch kaum aus dem amerikanischen Mainstream.
Die zehn Songs sind keine leichte Kost. Doch die schweren Gitarrenriffs von Doug Pettibone und Marc Ford ziehen nicht nach unten, sie treiben voran, geben Kraft und Widerstand.
Bitteres Fazit am Ende
Bisweilen steckt in diesen Songs auch Trost: Wir sind nicht allein. Und wir werden uns wehren – wenn es nicht bereits zu spät ist.
Ans Ende des Albums stellt Williams eine bittere Botschaft. In „We’ve Come Too Far To Turn Around“, einer bittersüßen Ballade mit Norah Jones am Klavier und im Gesang, verabschiedet sie sich vom amerikanischen Traum. 400 Jahre Sklavereigeschichte, 400 Jahre Leid und faule Kompromisse – so blickt Williams auf die USA und klagt dabei auch sich selbst an.
Das ist bitter. Hoffnung bleibt hier nur noch in der Musik.
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