Es war ein merkwürdiger Sommer, als der britische Premierminister Tony Blair 1997 die Kunstelite zu Partys in die Downing Street 10 lud. Da fanden sich Ralph Fiennes, Nick Park, Nick Hornby, Vivienne Westwood und Helen Mirren ein – und natürlich Noel Gallagher, der mit seinem Bruder Liam und ihrer gemeinsamen Band Oasis die Labour-Partei im Wahlkampf unterstützt hatte.
„New Labour“ hatte nach fast zwanzig Jahren John Major und die Tories abgelöst, und damit die Ära Thatcher beendet. Dass sich Musiker, Filmemacher, Autorinnen, Schauspielerinnen und Designer mit Politikern feierten, gefiel schon damals nicht allen.
Noel Gallagher soll entgegnet haben: „When the fookin' Prime Minister sends you an invite, fookin' 'ell, you've got to go“: wenn der verdammte Premier dich einlädt, hast du da verdammt nochmal hinzugehen. Es würde noch ein paar Jahre dauern, bis die Künstler ihre Unterstützung bereuen würden.
Cool Britannia und ihr Sound
Denn spätestens mit Großbritanniens Rolle im Irakkrieg 2003 war’s dann vorbei mit „Cool Britannia“, jenem Zeitgeist, der die Queen zum Popkonterfei machte, die Union-Jack-Flagge zum Mantelmuster und das Königreich als Insel der Progressiven und Künstler deklarierte.
Den Sound dazu lieferten damals Oasis, Pulp, Blur, Suede, The Verve, Stereophonics, Supergrass – energetisch und edgy war dieser Britpop, der endlich wieder Gitarren in den Pop brachte, und Melodien in den Rock.
Doch mit dem neuen Jahrtausend und all den enttäuschten Erwartungen, die es mit sich brachte, verebbte der Klang der optimistischen Neunziger.
Comeback der Neunziger-Helden
Nun, gut 30 Jahre später, ist Labour wieder an der Macht – und die Britpop-Könige sind zurück: Oasis ist diesen Sommer auf Tour, begleitet von The-Verve-Sänger Richard Ashcroft.
Pulp stand schon letztes Jahr auf den Bühnen und hat nun ein neues Album („More“) herausgebracht; auch die Stereophonics haben eine neue Platte („Make ’em Laugh, Make ’em Cry, Make ’em Wait“); und Blur spielten bereits 2023 (das erste Mal!) im Wembley Stadium mit einem neuen Album („The Ballad of Darren“).
In Zeiten, die es einfacher denn je machen, auch ohne groß Neues zu schaffen, abgekultet zu werden, wird mit erneuten Touren, Alben und Konzertfilmen der Weg der späten Selbstverwertung gegangen.
Klar, die Bandmitglieder sind nun im mittleren Alter, und wenn nicht jetzt, wann dann nochmal zum Besten geben, für was sie einst bejubelt wurden? Laut „Guardian“ soll Oasis mit der Comeback-Tour mehr verdienen als in den gesamten Neunzigerjahren zusammen.
In der Dokumentation „To The End“ weiß Blur-Sänger Damon Albarn um die potenzielle Tragik, die dem innewohnt: „Es muss so gut wie möglich werden, ansonsten sind wir nur ein Haufen alter cunts, die versuchen, ihre Vergangenheit nochmal zu leben.“
Britpop heute?
Die Generationen von Britpop-Fans werden genau das wollen, die Vergangenheit nochmal zu leben: Die Ersten unter ihnen durften mit ihren Helden jung bleiben, weil ihre Welt die erste war, die durch die große Errungenschaft ihrer Zeit, das Internet, konserviert wurde. Die Parkas und Sneaker ihrer Jugend sind geblieben.
Die etwas Jüngeren erinnern sich vage, ihr Erleben ist vermittelt durch Serien und Computerspiele, in denen „Wonderwall“ und „Song 2“ dröhnten und diese Hits nicht minder nostalgisch machen.
Und dann sind da noch die jüngsten Fans, die, die erst im neuen Jahrtausend geboren wurden. Für sie sind Britpopbands genauso wie die Rolling Stones oder Depeche Mode auch: geschätzte Musik einer anderen Dekade.
Halcyon Days einer Hegemonie
Während aber die ganze Welt ins Königreich pilgert, um die gealterten Helden zu sehen, wird dieses Land von einem neuen Premier regiert.
Und seit Labour das letzte Mal an der Macht war, hat sich einiges verändert: Die Finanzkrise brachte Londons City Gents ins Wanken, der Brexit deklarierte das Königreich als einsame Insel, und der Tod von Elizabeth II. brachte wieder die Frage auf, ob mit ihr nicht auch das Commonwealth nun einmal begraben werden sollte.
„Das Vereinigte Königreich kollabiert langsam“, hält Dave Rowntree, der Drummer von Blur, selbst in der Labourpartei in der Doku fest.
Verpuffte Versprechen
Dass die Britpop-Könige noch einmal ihr Reich behaupten, macht irritierend deutlich, wie hohl das progressive Versprechen von damals war: Schon damals, 1997, als „New Labour“ an die Macht kam, war das kein geschlossener politischer Aufbruch, sondern eher ein Kompromiss, um an die Macht zu kommen. Tony Blairs Imagepolitik (der starke Mann, nach der starken Thatcher) wirkt heute vielmehr als ein Vorbote für die Populisten von heute.
Und auch in der Musik blickt man ernüchtert auf diese glücklichen Halcyon Days zurück, eine Zeit, in der sich britischer Pop noch einmal auflehnte gegen die kulturelle Macht der Vereinigten Staaten, und ein Kontinentaleuropa, das sich behauptet.
Vor allem Oasis schürte die Sehnsüchte gegenüber einer guten alten Zeit, verhangen in den Gitarrensounds der Beatles, verhaftet in den glorreichen Swinging Sixties, die London zum Epizentrum des Pop, der Musik, der Kunst gemacht hatten.
So eingängig die Gitarrenklänge des Britpop gegenüber dem Grunge in den Neunzigern auch waren – Techno, Rave, R’n’B und Hiphop würden den Sound des Millenniums bestimmen. Die Zeiten der britischen Pop-Hegemonie, die die Gallaghers, Albarns und Cockers verkörperten, würden damit enden.
Bands als Rebellen gegen die Einzelherrschaft
Nun fehle es an großen Bands, findet Noel Gallagher heute. Ganz Unrecht hat er damit nicht. Dabei ist es die sich selbst erfüllende Prophezeiung der Neunziger gewesen, die dem Individualismus frönte: Dass nun Popstars als Einzelherrscher eine neue Art von Macht besitzen, über die sie ein Lebensgefühl verkaufen können – für das sie nicht mal mehr ein Weltreich hinter sich brauchen.
Ob Dua Lipa, Harry Styles und Sabrina Carpenter, Adele und Ed Sheeran – sie stehen für sich.
Kein Union-Jack-Dress in Zeiten von Populismus
Laut einer Studie ist being British immer weniger etwas, worauf die Inselbewohner stolz sind. Ja, in Zeiten von populistischem Nationalstolz lässt sich der Union Jack auch nicht mehr ironisch auf Minikleidern tragen, wie es einst die Spice Girls taten.
Und auch Labour ist unbeliebter als je zuvor. Als Keir Starmer bei einer Rede im Mai das ausländerfeindliche Bild einer „Insel der Fremden“ aus den Sechzigern bediente, wurde deutlich, in welchem Jahrzehnt Großbritannien vielleicht noch verhangen ist.
Man stelle sich vor, Keir Starmer würde Noel Gallagher heute zu einer Party in die Downing Street 10 einladen. Diesmal würde wohl auch er absagen.