Prince of Darkness und Godfather of Metal

Wie schreibt man einen Nachruf für Ozzy Osbourne?

Er war der „Prince of Darkness“, Wegbereiter des Heavy Metal, Ikone und Abgrund in einem: Ozzy Osbourne war einer, der mit dem Teufel kokettierte und doch nie wie ein Bösewicht wirkte. Ein Versuch, dem Sänger in drei Motiven gerecht zu werden.

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Von Autor/in Samira Straub

Es gibt Musiker, bei denen man über das Offensichtliche nicht mehr viele Worte verlieren muss. Ozzy Osbournes Einfluss auf eine ganze Musikepoche steht außer Frage. Doch wer ihn darauf reduziert, verpasst das eigentlich Faszinierende.

Ozzy Osbourne bei einem Konzert
Ozzy Osbourne machte als Sänger von Black Sabbath düsteren Gitarrensound gesellschaftsfähig. Als Solokünstler zeigte er später zunehmend melodische Seiten.

Osbournes Lebensgeschichte ist gespickt mit so vielen tragischen und skurrilen Episoden, dass man sich beim Versuch, sie in einen einzigen Nachruf zu pressen, fast zwangsläufig verheddert.

Betrachtet man die Vita des Ozzy Osbourne nicht chronologisch, sondern thematisch, zeigen sich drei Motive, die sich wie ein zerschlissener roter Faden durch sein Leben zogen: Tiere, Drogen und der Tod.

Ozzy und die Tiere: Zwischen Kuschelzoo und Köpfung

Ozzy Osbourne und eine Gummi-Fledermaus
Aus einer skurrilen Geschichte wurde ein Markenzeichen: Bis zuletzt wurde die Fledermaus in einem Atemzug mit Ozzy Osbourne genannt.

Es ist wohl die bekannteste Anekdote aus dem Leben des Ozzy Osbourne: Bei einem Konzert in Des Moines (Iowa) im Jahr 1982 warf ein Fan eine Fledermaus auf die Bühne. Ozzy, benebelt und aufgeputscht vom Adrenalin, hielt sie für ein Spielzeug und biss zu: „Ich dachte, sie sei aus Gummi“, sagte er später. Doch die Fledermaus war echt, die Tollwutimpfung folgte umgehend. Ein Mythos war geboren.

Ist das alles, worum es in meiner Karriere geht? Eine verdammte Fledermaus?

Auch eine Taube musste daran glauben

Doch schon ein Jahr zuvor hatte Osbourne ein Tier geköpft: Bei einem Termin mit seiner Plattenfirma CBS holte er zwei lebende Tauben aus seiner Manteltasche – und biss vor versammelter Management-Runde einer davon den Kopf ab.

Die Szene ging als PR-Desaster in die Geschichte ein, trug aber nicht unerheblich zu Ozzys Image als unberechenbarem Schockrocker bei. Dennoch: Der Deal war durch, bevor die Papiere auf dem Tisch lagen.

Ozzy Osbourne mit einer Zigarette bei einem Interview
John Michael „Ozzy“ Osbourne wurde 1948 in Aston, einem rauen Arbeiter-Stadtteil von Birmingham, geboren. Schon früh zeigte ihm sein Vater zwei Optionen auf: Entweder er finde etwas, in dem er wirklich gut sei, oder er landeim Knast. Ozzy tat beides.

Ein kleiner Zoo mitten in Los Angeles: „The Osbournes“

Wer Ozzy Osbourne eher von MTV kennt, ist nun vielleicht verstört, zeigte sich der Musiker doch in der familieneigenen Reality-TV-Show „The Osbournes“ von seiner tierlieben Seite.

The Osbournes (Ozzy, Sharon, Jack und Kelly)
Als MTV im Frühjahr 2002 die erste Folge der Reality-Show ausstrahlte, wurde die Osbourne-Family quasi über Nacht zu dem, was man heute ein Meme nennen würde.

Im Hause Osbourne wimmelte es von Hunden, Katzen und Vögeln. Ozzy tappte regelmäßig fluchend durch das Chaos, stolperte über Hundehaufen oder stritt sich mit den Hauskatzen um Hühnchen. Manchmal schien es, als wäre er von den Tieren ebenso überfordert wie gerührt.

Manche Menschen lieben Tiere. Ozzy Osbourne lebte mit ihnen – so bizarr wie ikonisch. So verwundert es auch nicht, dass er seiner Frau Sharon zum Jahrestag einmal einen Strauß aus lebendigen Schlangen schenkte. Ihre Begeisterung hielt sich in Grenzen, doch das ganz eigene Verständnis von Humor und Romantik des Ozzy Osbourne spricht für sich.

Ozzy und die Drogen: Der letzte Überlebende

Ozzy Osbourne mit blonden Haaren
Ozzy kämpfte jahrzehntelang mit schwerer Alkohol- und Drogensucht, von der er sich niemals vollständig loseisen konnte.

„Ich war betrunken, als ich zur Welt kam“, sagte Ozzy einmal. Seine Drogenkarriere ist keine bloße Anekdote, sondern ein eigenes Kapitel Rockgeschichte. Dass Black Sabbath ihn 1979 wegen seinen Exzessen rauswarfen – obwohl sie selbst nicht gerade für Abstinenz bekannt waren – ist bezeichnend.

Vor allem Anfang der 1980er-Jahre und auf Tour übte sich Ozzy Osbourne in Grenzüberschreitungen. Gemeinsam unterwegs mit den Glam-Rockern der Mötley Crüe kam es zu einem Vorfall, der wieder eine tierische Komponente beinhaltet:

Ozzy schnupfte anstelle von Kokain eine Ameisenstraße vom Hotelboden, urinierte daneben und leckte die Pfütze auf. Nikki Sixx, Bassist der Mötley Crüe, erinnert sich bis heute beeindruckt an die Zeit zurück.

Stadtverbot in San Antonio

Seine Alkoholexzesse nahmen ebenfalls teils absurde Formen an. 1982 etwa versteckte Sharon seine Kleidung, um Ozzy vom Trinken abzuhalten. In Ermangelung von Alternativen griff sich der Sänger ein Kleid von seiner Frau, zog es an – und wurde später verhaftet, als er desorientiert in Frauenkleidern an ein Denkmal beim texanischen Alamo urinierte. Die Stadt San Antonio verhängte ein mehrjähriges Auftritts- und Stadtverbot.

Ozzy Osbourne, Prince of Darkness
Jahre nach seinem berüchtigten Zwischenfall in San Antonio spendete Ozzy Osbourne eine großzügige Summe an die Alamo Foundation, als Zeichen der Reue und späte Versöhnung mit dem Ort seines vielleicht peinlichsten Skandals.

Ozzy selbst sagte einmal, er habe mehr Zeit in Reha-Kliniken verbracht als auf Tour. Und doch überlebte er all das. Wie? Das fragten sich auch Wissenschaftler, die 2010 sein Genom untersuchten und tatsächlich mehrere Mutationen fanden, die ihn offenbar resistenter gegen Alkohol und Opiate machten. „Ich bin ein genetischer Freak“, kommentierte er trocken, wohlgleich auch nicht nüchtern.

Ozzy und der Tod: Immer an seiner Seite

Ozzy Osbourne und Gitarrist Randy Rhoads
Randy Rhoads, Ozzys Gitarrist und musikalischer Weggefährte, prägte mit seinem virtuosen Spiel die frühen Soloalben entscheidend.

Der Tod war in Ozzys Leben nie weit weg, künstlerisch wie persönlich. 1982 stürzte Randy Rhoads, Ozzys Gitarrist und enger Freund, bei einem bizarren Unfall mit einem gestohlenen Flugzeug in den Tod.

Der Pilot hatte aus Leichtsinn eine Tour über Ozzys Tourbus gedreht und verlor die Kontrolle. Rhoads war 25, als er mit dem Flugzeug in eine Konzerthalle krachte, neben der nur wenige Meter entfernt der ahnungslose Ozzy im Bus schlief. Der Sänger war am Boden zerstört. Er sprach später von einer tiefen Krise, die ihn fast selbst das Leben gekostet hätte.

Ich habe Randy geliebt wie einen Bruder. Danach war ich nie wieder derselbe.

In guten wie in schlechten Zeiten: Ozzy und Sharon

Ein noch dunkleres Kapitel ereignete sich 1989: Völlig zugedröhnt versuchte Osbourne seine Frau Sharon zu erwürgen. Sie ließ ihn verhaften. Doch anstatt ihn zu verlassen, stellte sie ihm eine Bedingung: Entzug oder Scheidung. Ozzy entschied sich für das Leben und für Sharon. Er ging in den Entzug, nicht zum ersten Mal, aber vielleicht zum einzigen Mal in seinem Leben ernsthaft.

Ozzy Osbourne und seine Frau Sharon
Sharon Osbourne war zunächst Ozzys Managerin: Sie baute nach seinem Rauswurf bei Black Sabbath seine Solokarriere auf und wurde später zur zentralen Figur in seinem Leben, beruflich wie privat.

Auch der eigene Tod stand mehr als einmal vor der Tür. Bei einem Quad-Unfall auf seinem Anwesen zog sich Osbourne 2003 lebensbedrohliche Verletzungen zu. Wochenlang lag er im künstlichen Koma, Ärzte gaben ihm kaum Chancen. Er überlebte. Dass man ihn in diesen Jahren mehrmals für klinisch tot erklärte, wurde zur makabren Pointe seiner Biografie.

Und doch blieb der Prince of Darkness stets er selbst

Als Ozzy Osbourne Anfang Juli in seiner Heimatstadt Birmingham ein letztes Mal auf die Bühne ging, stand da nicht der skandalöse Prince of Darkness, sondern ein Mann, der seine eigene Geschichte überlebt hatte.

Sichtbar gezeichnet und mit steifen Bewegungen war es genau der nuschelnde und tiefsympathische Ozzy, der sich nie hinter seinem Image versteckt hatte. Und der trotzdem mit seiner Stimme ganz Aston und Millionen vor den Bildschirmen in seinen Bann zog.

Ozzy Osbourne Memorial in Birmingham
Seine Musik blieb Nische, sein Image wurde global: Als „Prince of Darkness“ war Ozzy Osbourne vielleicht der Schrecken der Eltern, aber das heimliche Herz des Metal.

Vielleicht ist das sein eigentliches Vermächtnis: Dass man hinter all den Extremen und Mythen einen Menschen erkennen konnte, der nie den Kontakt zu sich selbst verloren hat – so wirr und verstrahlt er auch manchmal wirkte.

Ozzy Osbourne war ein Mann voller Brüche. Ein Rockstar, der trotz okkulter Ästhetik oft wie ein überforderter Familienvater wirkte. Und genau diese Widersprüche machten ihn zu einem Unikat.

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Autor/in
Samira Straub
Samira Straub, Autorin und Redakteurin bei SWR Kultur Digital