Dass Pierre Boulez Musiker wird, hat er vor allem sich selbst zu verdanken. Wäre es nach seinem Vater gegangen, wäre er Ingenieur gewesen, das mathematische Talent hatte er auf jeden Fall. Doch in Paris studierte er – zunächst im Geheimen – am Konservatorium Musik.
Mit Musik der Zweiten Wiener Schule ist schwer Geld zu verdienen
Schon vor Boulez Geburt befindet sich die Musik gewissermaßen im Umbruch, Arnold Schönberg und die Wiener Schule komponieren Klänge, die eine Revolution auslösen. In den 1950ern zählen zu den bekanntesten Vertretern, die ihr folgen, Karlheinz Stockhausen, Luigi Nono und auch Pierre Boulez. Doch damit Geld zu verdienen, ist gar nicht so einfach, merkt Boulez während seiner Zeit am Pariser Konservatorium in den 40er-Jahren.
Bordellmusik von Olivier Messiaen
Er ist dort Schüler beim Komponisten und Organisten Olivier Messiaen, der gerne ungewöhnliche Instrumente wie die Ondes Martenots einsetzt. Boulez ist davon fasziniert und lernt dieses heulende Instrument zu spielen. Um Geld zu verdienen, bekommt er einen Job als Begleiter von leicht bekleideten Tänzerinnen in den Folies bergères Und er muss sie mit den wimmernden Klängen dieses elektronischen Instruments begleiten.
Das verleidet ihm das Instrument. Und als er hört, wie sein Lehrer Messiaen das Instrument in der „Turangalia“-Sinfonie einsetzt, sagt er Messiaen unverblümt, er wolle sich übergeben und es die Sinfonie sei Bordellmusik.
Er trennt sich von Messiaen und wechselt zu René Leibowitz. Der pfriemelt die Zwölftonreihen in Tabellen auseinander, was Boulez als gänzlich unpoetisch empfindet, er kehrt reumütig zu Messiaen zurück.
Die Revolution der Musik
Die moderne Musik entdeckt der junge Boulez aber nicht mit Schönberg oder Strawinsky. Die werden im Frankreich während des Krieges gar nicht gespielt. Es ist der polnische Komponist Karol Szymanowski, der Boulez mit 17 Jahren ganz neue Klänge hören lässt, die er nicht vergessen wird. Er ist tief beeindruckt und sieht Szymanowski auf einer Höhe mit Debussy.
Letzteren schätzt Boulez vor allem für die Klänge seiner Komposition, sie seien eine Revolution. Die Revolution des Tones sieht er hingegen bei Anton Webern. Die Kombination aus beiden sei unabdingbar für die Zukunft der komponierten Musik. Klar für ihn ist: eine "Zauberflöte" oder "Carmen" kommen ihm nicht ins Haus. Boulez vereint diese Ideen in seiner Sonatine für Flöte und Klavier.
Musikszene von Paris ist altmodisch
Doch nicht nur in der Musik sucht Boulez seine Inspirationen. Oder vielleicht könnte man sagen, kaum in der Musik sucht Boulez seine Inspiration. Denn bei seinen Anfängen in Paris empfindet er die Musikszene der Stadt als altmodisch. Die Kunst in der Stadt hingegen schätzt er sehr, ist eifriger Besucher der Pariser Galerien und Ausstellungen, vor allem der Surrealismus sagt ihm zu.
Kunst und Literatur als Inspiration
Besonders mit der Kunst Paul Klees setzt sich Boulez auseinander. 1989, fast 50 Jahre nach dem Tod Klees, schreibt Boulez ein Buch in dem er die Malereien des Künstlers in Verbindung setzt mit der Musik – unter anderem den Kompositionen von Igor Strawinsky. Das Buch nennt er „Le pays fertile / Das Fruchtland“. Er bezieht sich damit auf ein Bild von Paul Klee: „Monument im Fruchtland“.
Aber auch die Literatur ist für ihn als Inspirationsquelle wichtiger als die Musik. Die Surrealisten René Char oder Henri Michaux vertont er, ebenso wie den Symbolisten Stéphane Mallarmé. Die Formen des modernen Romans bei James Joyce prägen die formalen Freiheiten seiner dritten Klaviersonate.
Adieu Paris, Hallo Baden-Baden
Die Trennung zwischen Paris und Boulez war letztendlich abzusehen. Boulez ist selbst vor Ort umstritten, und als eine Tagung für Neue Musik in Baden-Baden stattfindet, will ihn die französische Sektion der Internationalen Gesellschaft für neue Musik ihn hierfür nicht nominieren. Doch der veranstaltende Südwestfunk lädt ihn ein, sein wohl berühmtestes Stück „Le Marteau sans maitre“ kommt dort zur Uraufführung.
Im Anschluss gibt Heinrich Strobel – damaliger Leiter der Musik am Südwestfunk – ein großes Werk mit zwei Orchestergruppen und Tonbandzuspielungen bei Boulez in Auftrag. Für letztere wurde ein Studio beim SWF in Baden-Baden eingerichtet. Boulez zieht infolgedessen nach Baden-Baden.
Nach einiger Zeit bezieht Pierre Boulez eine Villa aus der Gründerzeit in der Kapuzinerstr. 9 und lebt dort bis zu seinem Tod 2016. Der Name der Straße wird zum Programm. Wie ein Kapuzinermönch fühlt sich Boulez, in mönchischer Ruhe kann er komponieren und genießt die Vorzüge einer Kleinstadt mit vielen Spaziergängen oder Wanderungen im Schwarzwald.