Eine Welt voller Überraschungen
Musikinstrumente, die wie Schlangen gewunden sind? Die Schrecken auf Schlachtfeldern verbreiten? Die Welt der Musikinstrumente ist voller Überraschungen.
Während wir heute vor allem Klavier, Gitarre oder Schlagzeug kennen, gab es einst eine ganze Riege an außergewöhnlichen Instrumenten, die in ihrer Zeit unverzichtbar waren, bis sie plötzlich in der Versenkung verschwanden. Verdrängt von neuen Klängen, geänderten Spielgewohnheiten oder schlicht der Mode.
In seinem neuen Buch „Klangwelten: Vergessene Instrumente und ihre Geschichten“ spürt der Musiker und Autor Marcus Seibert diesen verschollenen Klangkörpern nach. Mit Humor und Sachverstand erzählt er von Instrumenten, die einst die Konzertsäle füllten oder die Schlachtfelder durchdrangen, bevor sie wieder verstummten.
Wir haben fünf dieser außergewöhnlichen Instrumente herausgegriffen. Eine kleine Reise durch die musikalische Rumpelkammer.
1. Die Ophikleide: Ein sanfter Vorläufer der Tuba
2. Die Lure: Ein Instrument aus der Bronzezeit
3. Der Serpent: Die schlangenförmige Bassstimme
4. Die Blasmetalldosenharfe: Klangkunst aus der Maschine
5. Die Stierleier: Hochentwickeltes Instrument aus Babylon
Die Ophikleide: Ein sanfter Vorläufer der Tuba
Die Ophikleide wurde Anfang des 19. Jahrhunderts von Jean Hilaire Asté entwickelt und war eine bahnbrechende Weiterentwicklung der Klappenhörner und -trompeten. Sie überzeugte vor allem durch ihren weichen, fast eleganten Klang – eher vergleichbar mit einem Fagott als mit der kräftigen Wucht einer Tuba.
Hector Berlioz setzte sie prominent in seiner Symphonie fantastique (1830) ein. Doch er war auch ein scharfer Kritiker: In seiner Instrumentationslehre lobte er zwar den einzigartigen Klang des Instruments, konnte sich aber bissige Bemerkungen über die Unausgewogenheit der Register nicht verkneifen. Er verglich sie mit einem „entlaufenen Stier, der mitten im Salon seine Sprünge macht“.
Bis 1900 gehörte die Ophikleide zu den Standardinstrumenten in Orchestern und Blasorchestern, bevor sie von der moderneren Tuba verdrängt wurde. An der Hochschule der Künste in Bern kann man das historische Instrument heutzutage studieren.
Die Lure: Ein Instrument aus der Bronzezeit
Die skandinavische Lure ist ein Relikt aus der Bronzezeit, das ungefähr 1.500 Jahre v. Chr. entstand. Diese riesigen Blasinstrumente erinnern in ihrer Form an Mammuthörner und wurden paarweise gebaut, oftmals spiegelbildlich.
Ihre Funktion war jedoch weniger musikalisch als vielmehr martialisch: Die Luren dienten nicht der Unterhaltung, sondern wurden vor allem als Kriegsgerät eingesetzt. Mit ihrem donnernden „stridor horribilis“ – einem schrecklichen, durchdringenden Klang – sollten sie Gegner einschüchtern und Chaos stiften.
Ob zwei Luren harmonisch zusammenklangen, ist allerdings eher unwahrscheinlich. Antike Berichte klagen nicht selten über die Misstöne von Blasmusik und die Luren dürften da keine Ausnahme gewesen sein.
Der Serpent: Die schlangenförmige Bassstimme
Der Serpent ist - wie der Name schon andeutet - ein schlangenförmiges Blasinstrument und wurde 1590 vom französischen Geistlichen Edmé Guillaume erfunden. Die Form soll das lange Holzrohr durch mehrere Biegungen handlicher machte.
Der Serpent wurde vor allem in der Kirchenmusik und später in Orchestern verwendet, um tiefe Bassklänge zu erzeugen. Doch sein Klang war nicht unumstritten: Während der Tonumfang von über zwei Oktaven beeindruckend ist, beschrieben Zeitgenossen den Klang oft als „näselnd“, „ächzend“ oder sogar „schrecklich“.
Hector Berlioz fand, dass sich „sein kaltes, abscheuliches Geheul“ bestenfalls für das Dies irae der Totenmesse eigne. Die Tuba löste das Serpent als tiefes Blasinstrument ab. Der Jazzmusiker Michel Godard spielt das Seprent auch heute noch gezielt in seinen Konzerten.
Die Blasmetalldosenharfe: Klangkunst aus der Maschine
Die Blasmetalldosenharfe des Klangkünstlers Hans-Karsten Raecke ist eines der vielen Beispiele für die experimentelle Klangkunst, die sich ab den 1920er Jahren mit der Ästhetik von Geräuschen auseinandersetzte.
Die Blasmetalldosenharfe reiht sich in die Tradition der Geräuschinstrumente ein, die erstmals vom italienischen Futuristen Luigi Russolo mit seinen „Lärmtönern“ praktisch umgesetzt wurden. Quietschende, dröhnende oder sirrende Klänge sollten die industrielle Geräuschkulisse ihrer Zeit in die Kunstwelt holen.
In der improvisierten Musik gibt es einen großen Spielraum für die Erfindung von Geräuschtönern. Die Blasmetalldosenharfe bleibt jedoch auf die Kompositionen oder Klanginstallationen ihres Erfinders beschränkt.
Die Stierleier: Hochentwickeltes Instrument aus Babylon
Die Stierleier stammt aus dem alten Babylon vor über 3.800 Jahren. Ihr Name leitet sich vom Resonanzkörper in Form eines Stierleibs mit Hörnern ab, der aus Holz gefertigt wurde.
In der griechischen Mythologie soll der Gott Hermes die Musik erfunden haben, als er über einen Schildkrötenpanzer stolperte und die schwingenden Sehnen des Panzers einen Ton erzeugten. Die Babylonier waren ihrer Zeit weit voraus.
Die Stierleier war ein hochentwickeltes Instrument mit einem kunstvollen Resonanzkörper - einige aus einem Schildkrötenpanzer, das gezielt für Musik geschaffen wurde. Sie ist jedoch mit der sumerischen Kultur untergegangen.
Vergessene Instrumente neu entdecken
Diese Instrumente sind mehr als nur kuriose Relikte vergangener Zeiten. Sie erzählen von der Experimentierfreude ihrer Erfinder und den kulturellen Umbrüchen, die sie geprägt haben.
Wer weiß, vielleicht erleben sie ja eines Tages ein großes Comeback? Marcus Seiberts Buch mit 40 Illustrationen lädt jedenfalls dazu ein, ihre Geschichten neu zu entdecken.