Dialekte werden immer weniger gesprochen, heißt es immer wieder. Doch laut Dialektforscherin Dr. Maike Edelhoff aus Minheim an der Mosel, geht aber nicht alles verloren. Wir sprechen nämlich immer mehr Regionalsprachen.
Wie Dialekte Verbundenheit und Nähe zeigen
SWR1: Ist ein Dialekt nicht eine sehr schöne Form, jemandem ein Kompliment zu machen?
Dr. Maike Edelhoff: Auf jeden Fall! Dialektale Komplimente sind sowieso immer die besten, finde ich. Die kommen von Herzen.
SWR1: Weil im Grunde das Herz bei uns auf der Zunge liegt. [...] Dialekte zaubern einem automatisch ein Lächeln aufs Gesicht. Es ist gar nicht anders zu machen, oder?
Edelhoff: Das kann ich nur so bestätigen. Es ist auch immer schön zu merken, wie sie Leute bewegen, wie sie Leute mitreißen und wie viel Nähe sie auch ausdrücken.
Da Sie gerade von Komplimenten gesprochen haben, muss ich daran denken, dass ich bei einer Diskussion dabei war, ob man eigentlich im Moselfränkischen "Ich liebe Dich" sagen kann. Alle haben überlegt und festgestellt: Man kann es nicht sagen. Das einzige, was alle wirklich dann festgestellt haben, wie sie "Ich liebe Dich" sagen würden, wäre "Ich hunn Dich ger", auf Hochdeutsch "Ich hab Dich gern".
SWR1: Das ist aber noch keine Liebe.
Edelhoff: Aber es ist tatsächlich so: Man spricht nur Dialekt mit Leuten, die einem sowieso nahestehen, denen man sowieso insgesamt positiv zugewandt ist. Und in dem Fall ist das positive Grundgefühl schon da. Wenn ich jetzt zu demjenigen, dem ich nahe bin, noch sage, "Ich hab Dich gerne", dann ist es natürlich noch viel, viel mehr.
SWR1 Sonntagmorgen Lebenslang prägend – Diversity-Tag 2025 zum Thema Herkunft
Unsere Gesellschaft ist vielfältig. Das feiert jedes Jahr der so genannte Diversity-Tag. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf der Frage, wie unsere Herkunft unser Leben prägt.
Dialekte verändern sich
SWR1: Ich finde Dialekte toll, aber sie sterben aus.
Edelhoff: Das ist die große Sorge von den meisten Dialektsprecherinnen und Dialektsprechern. Es ist tatsächlich so, die Kleinräumigkeit geht verloren. Also diese Ortsdialekte, dass man sagen kann, "Du kommst aus der Straße in dem und dem Dorf", das geht verloren.
Sie werden aber großräumiger. Sie gehen nicht komplett verloren, sondern sie werden durch Regionalsprachen ersetzt. Regionalsprachen sind quasi großräumige Sprechweisen, die immer noch sehr viel Regionales transportieren, die aber überregional verständlich sind.
Das heißt, man hört immer noch, woher man kommt. Man fühlt sich immer noch sprachlich der Region zugeordnet und zugewandt, aber man ist verstehbar. [...] Also die kleinräumigen Dialekte, die verschwinden. Die Regionalsprachen sind stärker denn je.
Dr. Maike Edelhoff: Dialekte sind etwas Positives
SWR1: Ich finde, gerade dieses ganz Kleinteilige so supersympathisch.
Edelhoff: Das ist wirklich toll. Und das ist auch schade, dass es weniger wird. Auf der anderen Seite liegt es auch in den Händen der Leute, die die Dialekte noch sprechen. Die Leute sollen die Dialekte weiter sprechen. Ich bekomme es immer stärker mit, dass Eltern [...] den Dialekt nicht oder sehr wenig an ihre Kinder weitergegeben haben.
Das muss man sich einfach immer wieder ins Gedächtnis rufen – Dialekt sprechen ist etwas Positives.
Die tun es aber jetzt bei ihren Enkelinnen und Enkeln. Da passiert immer mal nochmal mehr. Dazu kommt auch, dass ich immer denke, Dialektsprechen ist sowieso auf der ganzen Ebene positiv. Dialektsprecherinnen und Dialektsprecher sind zweisprachig. Das muss man sich einfach immer wieder ins Gedächtnis rufen – Dialekt sprechen ist etwas Positives. Darum sollte man es auch Kindern weiterhin beibringen und sie einfach einbeziehen.
Förderung von zwei Sprachen
SWR1: "Wenn aus dir noch etwas werden soll, musst du aber Hochdeutsch sprechen", das sagen viele Eltern. Sonst würden die Kinder in der Schule doch auch schief angeguckt werden.
Edelhoff: Das ist genau der Punkt, dass diese Zweisprachigkeit gefördert werden sollte. Auf der einen Seite der Dialekt, auf der anderen Seite das Standarddeutsche, also, dass man wechseln kann. Ich kenne auch sehr, sehr viele Dialektsprecher, die das ganz gut können.
Die können wechseln, denn sie sehen ja das Standarddeutsche im Fernsehe, sie hören es im Radio. Dadurch haben sie eigentlich zwei Repertoires: auf der einen Seite das Dialektrepertoire, auf der anderen Seite das Standardrepertoire.