Die europäische Weinkultur blickt auf eine lange Tradition zurück. Viele Menschen kennen und schätzen spanische, portugiesische oder auch deutsche Weine. Seit 2021 gilt die Weinkultur hierzulande sogar als immaterielles Kulturerbe.
Zur Wahrheit, die bekanntlich im Wein liegt, gehört jedoch auch, dass nicht zuletzt der Klimawandel diese Kultur bedroht. Das gilt nicht nur für Europa. Forschende aus den USA haben eine wirtschaftliche Studie im American Journal of Enology and Viticulture zu der Frage veröffentlicht, welche Anpassungsstrategien sich angesichts des Klimawandels am meisten lohnen.
Bleiben, gehen oder grundlegende Faktoren im Weinanbau verändern?
Für Winzer stellt sich zunehmend die Frage, wie sie sich am besten an die Veränderungen durch den Klimawandel anpassen. Auf der Suche nach Antworten haben die Forschenden drei Strategien verglichen: Den Einsatz von Schattierungsplanen, die die Trauben vor der Sonne schützen, die Verlagerung von Weinbergen in kühlere Regionen und die Wahl hitzebeständigerer Rebsorten.
Das interdisziplinäre Forschungsteam der US-amerikanischen Cornell University hat untersucht, ob die Kosten für die verschiedenen Maßnahmen durch die Zahlungsbereitschaft der Verbraucher wieder hereingeholt werden können.
Zusätzlich zu den Berechnungen der Kosten haben die Forschenden die amerikanische Kundschaft dazu befragt, wie viel sie bereit wären, zu zahlen. Das Ergebnis: Es kommt darauf an. Je nach Ausmaß der Folgen des Klimawandels können sich verschiedene Strategien wirtschaftlich lohnen.
Wenn der Klimawandel nur zu milden Temperaturanstiegen führt, bleibt es in der untersuchten Region Napa Valley am profitabelsten, beim traditionellen Cabernet Sauvignon zu bleiben.
Unter moderatem Hitzestress kann sich jedoch die Installation von Schattierungsnetzen auszahlen, da sie die Erträge ausreichend schützen, um die zusätzlichen Kosten zu rechtfertigen. In den extremen Szenarien erzielte der Wechsel zu einer hitzetoleranten Rebsorte die höchste finanzielle Rendite.
Laut Alex Susskind, einem der Studienautoren und Professor für Weinausbildung und -management waren die Menschen für einen gewissen Zeitraum bereit, mehr für den Wein zu zahlen, wenn die Preiserhöhung mit der Anpassung an den Klimawandel erklärt wurde
Anpassung in Baden: Kleine Strategien gegen stärkere Extreme durch Klimawandel
Auf die Gegebenheiten hierzulande lassen sich die Ergebnisse allerdings nur bedingt übertragen, meint Miriam Kaltenbach, Referatsleiterin für Weinbau und Anpassung an den Klimawandel am Staatlichen Weinbauinstitut WBI in Freiburg und ehemalige Badische Weinkönigin. Die Beschattung ganzer Weinberge mit Plastikplanen sei zwar ökonomisch sinnvoll, ökologisch allerdings eher fragwürdig.
In Kalifornien werde es immer heißer und heißer, während Winzer hierzulande vor allem mit stärkeren Extremen zu kämpfen hätten. Entsprechend könne eine Beschattung in einem Jahr sinnvoll sein, aber im nächsten zu viel.
Es seien eher kleine Anpassungsstrategien, die man im Badischen Weinanbau nutzen würde. Beispielsweise laufe aktuell ein Versuch dazu, mehr Blätter von den Weinreben zu schneiden. Wenn das Blatt-Frucht-Verhältnis so verändert werde, gebe es weniger Photosynthese und die Zuckerwerte stiegen langsamer.
Die Folge sei eine verzögerte Reife. Durch Begrünungen der Weinberge wolle man zudem die Wasserhaltefähigkeit des Bodens erhöhen. Diese werde vom Humus, einem besonders fruchtbaren Teil des Bodens, bestimmt. Je höher der Humusanteil sei, desto mehr Wasser habe man in den Böden.
USA und Deutschland – zwei Weinmärkte, ein Problem
Die Weinforscherin ergänzt, dass auch die wirtschaftlichen Ausführungen der Studie sich schwer auf badische Verhältnisse übertragen lassen, weil Winzer hier deutlich weniger verdienen würden.
Einem Verdienst von 90.000 Dollar für einen Hektar der Sorte Cabernet Sauvignon stünden badische Auszahlungspreise von 5.000 bis 12.000 Euro gegenüber. Dazu komme eine preissensible deutsche Kundschaft und ein umkämpfter Weinmarkt.
Ein Trend, den der US-Forscher Susskind in seiner Umfrage außerdem beobachten konnte, ist der sinkende Weinkonsum. Darin sieht auch Kaltenbach die größte Herausforderung für die Zukunft des Weinbaus. Für viele Betriebe gehe es aktuell schon ohne den Klimawandel ums Überleben.