Es war einmal, so beginnt auch diese Geschichte. Es war einmal ein geradezu markerschütternder Torschrei. An jenem Sonntagnachmittag des 28. Mai 2023, als der Kollege des Bayerischen Rundfunks in der neunten Minute der Nachspielzeit in Regensburg den Namen des Heidenheimer Torschützen immer und immer wieder ins Radiomikrofon brüllte: "Kleindienst, Kleindienst, Kleindienst!"
Mit seinem Last-Minute-Treffer zum 3:2 hatte Torjäger Tim Kleindienst den 1. FC Heidenheim auf dramatischste Art und Weise in die Erstklassigkeit geschossen. Es war zugleich der Startschuss einer ganz besonderen, einzigartigen Episode in der Geschichte der Bundesliga.
Von der Oberliga in die Bundesliga
An jenem unvergessenen Tag war in Regensburg ein Fußballmärchen wahr geworden. Eine kleine 50.000-Einwohner-Stadt am Rande der Ostalb tummelte sich plötzlich im Reigen der ganz Großen. Das unscheinbare Heidenheim, durchmarschiert von der Oberliga bis in die Bundesliga. Nicht mit dem großen Geldkoffer und schon gar nicht mit glanzvollen Namen.
Heidenheim und sein FCH standen und stehen stattdessen für beispiellose Kontinuität, für Stabilität und Verlässlichkeit. Fast 20 Jahre mit demselben Trainer und noch länger mit demselben Vorstand, mit Frank Schmidt und Holger Sanwald. Von ziemlich weit unten bis ganz nach oben. Eine Konstellation, die es in der Hochfinanz des modernen Profifußballs eigentlich gar nicht mehr geben kann.
Ein Underdog tingelt durch Europa
Eigentlich. Aber nicht in Heidenheim. Bei den "Unkaputtbaren", wie es der Kult-Trainer Schmidt in seinem Buch treffend beschrieben hatte. Zumal es nicht nur beim hart erkämpften Aufstieg blieb: Dieser sympathisch-bodenständige 1. FC Heidenheim, von der Papierform her ein krasser Abstiegskandidat, mischte in seinem ersten Jahr noch viel unerwarteter die Bundesliga auf, rannte die Konkurrenz in Grund und Boden.
Der Neuling schlug die Superstars des FC Bayern und düpierte auch den großen Nachbarn VfB Stuttgart, schaffte es als Tabellenachter sensationell in die Conference League. Die Heidenheimer tingelten im zweiten Jahr ihrer Bundesliga-Zugehörigkeit voller Stolz durch Europa, forderten in der Ligaphase sogar den ruhmreichen FC Chelsea aus der Premier League heraus. Ein unglaublicher, ein wundersamer und unvergessener Fußballabend auf dem Schlossberg.
Der "gute alte Fußball" in Heidenheim
Es war aber nicht nur der überraschende sportliche Erfolg des unermüdlichen Underdogs, der den FCH so anziehend und sympathisch machte. Diese enge, gemütliche, beinahe schon familiäre Atmosphäre bei den Heimspielen rund um die kleine Arena begeisterte Besucher und Berichterstatter gleichermaßen.
Dieses wohlige und in der Bundesliga inzwischen ziemlich außergewöhnliche Gefühl, dort oben im zugigen Heidenheimer Stadion den "guten alten Fußball" wiederzuerleben. Ohne Schminke, ohne Show und Schnickschnack, ohne die großen Sprünge auf dem Spielermarkt. Dafür mit harter Arbeit und der berüchtigten Ärmel-Hoch-Mentalität des Vorturners Frank Schmidt.
Rückkehr der Fußball-Romantik
Heidenheim in der Bundesliga, das war drei Jahre lang wie eine Art Anachronismus. Pure Fußball-Romantik, die man in der vielerorts immer steriler wirkenden Spielklasse längst verloren glaubte. Dazu nahbare Profis wie du und ich, und mittendrin eben dieser Dauertrainer Frank Schmidt. Das Gesicht des Vereins. Eine Symbolfigur mit Ecken und Kanten. Eine Seele von Mensch, der diesen Begriff der "Unkaputtbaren" vom Brenztal wie kein Zweiter auch in der Bundesliga prägte.
Kein Happy-End im Kampf gegen das große Geld
Mal ehrlich: Dass das Heidenheimer Fußball-Märchen letztlich kein Happy End fand, ist keine Überraschung und deutete sich bereits im vergangenen Jahr an, als der FCH nur über die Relegation knapp dem Abstieg entging. Wille und Begeisterung allein reichten irgendwann nicht mehr aus.
Die wackeren "Low-Budget"-Kämpfer mussten sich dann doch dem übermächtigen System beugen, dass viel Geld in der Regel viel mehr Tore schießt und auch Tore verhindert, die finanziellen Möglichkeiten lang- und mittelfristig den Tabellenplatz bestimmen.
Weggang von Leistungsträgern nicht zu kompensieren
Der Weggang der drei Top-Scorer Tim Kleindienst, Jan-Niklas Beste und Eren Dinkci schon nach dem ersten Bundesligajahr sowie von Zauberfuss Leo Scienza und der hochtalentierten Bayern-Leihgaben Frans Krätzig und Paul Wanner im letzten Sommer zur namhafteren Konkurrenz war nicht zu kompensieren.
Dazu kam, dass mögliche Verstärkungen auf dem Transfermarkt, selbst Zweit- und Drittligaspieler, Heidenheim zuletzt nicht mehr als ihr nächstes Karriere-Ziel sahen. Dem FCH war es einfach nicht gelungen, die entstandenen Lücken wirtschaftlich sinnvoll zu schließen, das Preis-Leistungsverhältnis ins Absurde abgedriftet. Wunschkandidaten des letzten Sommers wie Eren Dinkci und Hennes Behrens konnten erst im Winter verpflichtet werden.
Interview Eren Dinkci: "Mehr als Gesundheit gibt es auf der Welt nicht"
Der Fußballer Eren Dinkci spielt mit dem 1. FC Heidenheim gegen den Abstieg. Nach der Leukämie-Erkrankung seiner Freundin wird der Fußball aber zur Nebensache. Ein Interview.
Soll man Schmidt, Sanwald & Co. daraus jetzt einen Vorwurf stricken? Hätten die Entscheider stärker ins finanzielle Risiko gehen und damit einen wirtschaftlichen Drahtseilakt vollführen sollen? Ohne gleichzeitig die DNA des Teams und die Gehaltsstruktur zu zerstören? Das wiederum wäre nicht Heidenheim.
Der Abstieg war irgendwann absehbar
Und so war der Abstieg zurück in die Zweitklassigkeit absehbar und aufgrund der langen Sieglosserie und des zwischenzeitlich riesengroßen Abstands zum rettenden Ufer irgendwann nur noch eine Frage der Zeit. Die tollen Erfolge der letzten Wochen, die Wiederentdeckung der alten Tugenden, auch gegen Top-Teams wie Stuttgart, Leverkusen und den FC Bayern, kamen letztlich zu spät. Ebenso die endlich erwachten Torjägerqualitäten eines Budu Zivzivadze. Und dennoch zeigte der unbeugsame FCH bis zum Schluss, dass er lebt und bis zum bitteren rechnerischen Ende niemals bereit war, vorzeitig die "weiße Fahne" zu hissen.
Neustart mit Frank Schmidt an der Spitze
In Heidenheim war kein Aufgeben oder Abschenken zu sehen, stattdessen stellten sich alle dem schließlich unabwendbaren Schicksal, rackerten und rannten einfach unverdrossen weiter. Und auch die treuen Fans spürten diesen Geist, feierten jeden Punkt und jeden Sieg, als wäre es ein Titelgewinn.
Ein würdiger Abschied mit Haltung, Charakter und Stärke, der genau deshalb große Hoffnung auf einen gelungenen Neustart in der Zweitklassigkeit macht. Mit Frank Schmidt an der Spitze, dessen Verbleib zumindest bis zum Ablauf seines Vertrags im Sommer 2027 die entscheidende Personalie für das Weiterleben der Heidenheimer Identität auch in der 2. Liga ist.
Heidenheim hat sich in die Herzen gekämpft
Im Mai 2026 ist dieses Fußball-Märchen vorerst auserzählt. Künftig wird es also heißen: Es war einmal die Geschichte von den "Unkaputtbaren" aus dem Brenztal, die mit ihrer ganz eigenen Art die Bundesliga bereicherten und ihr ein Stück Fußball-Romantik zurückgaben. Dieser 1. FC Heidenheim hat sich bundesweit gerade in den vergangenen Wochen im Abstiegskampf unglaublich viele Sympathien erworben. Er wird eine Lücke hinterlassen und vielen Fans in der Bundesliga fehlen.