Es ist ein warmer Sommertag im Freiburger Osten. In einem Café genießt Nils Petersen mit Arbeitskollege Jonas Keller seinen Cappuccino aus einer türkisfarbenen Kaffeetasse. Er wirkt ausgeglichen und immer noch austrainiert, fast wie zu Bundesligazeiten. Der ehemalige Spieler des SC Freiburg genießt das Leben nach der Karriere und geht mittlerweile auch gerne mal mit seiner Kreisliga-Mannschaft weg. "Bis zu meiner Zeit beim SC Freiburg war ich vielleicht viermal feiern. Ich habe immer auf den Verzicht gesetzt für den Profi-Fußball", sagt Nils Petersen. Aus diesem Grund seien die gemeinsamen Abende mit den "Sportfreunden Oberried" jetzt umso schöner.
Nils Petersen und das Leben nach dem Profi-Fußball
In Bundesliga-Zeiten war das Weggehen kaum möglich. Unter der Woche fast täglich Training, am Wochenende Spiel. Dazu kamen Mannschaftsreisen, Medientermine und Regeneration. Der Alltag war durchgetaktet bis zum Sommer 2023: Damals beendete Nils Petersen beim SC Freiburg seine Karriere. Vielen ehemaligen Fußballern fiel der Ausstieg aus dem Profi-Geschäft schwer. Deswegen hatte sich Petersen länger darauf vorbereitet.
Der 37-Jährige schaffte sich neue Strukturen, schrieb ein Buch, fing an als Fußball-Experte im Fernsehen zu arbeiten und probierte sich beruflich aus. Mittlerweile arbeitet er auch als Schöffe ehrenamtlich im Amtsgericht in Freiburg und hält Präsentationen über seine Zeit als Bundesliga-Profi. "Er ist super zuverlässig, wenn er Termine macht, ist immer vorbereitet und pünktlich da", sagt Freund und Arbeitskollege Jonas Keller. Die beiden konzipieren gemeinsam Petersens Vorträge. Der ehemalige Nationalspieler spreche bei der Arbeit auch mal offen über gewisse Selbstzweifel: Kriege ich das alles hin? Wollen die Leute das überhaupt hören, was ich zu erzählen habe?
Petersen geht mit mentalen Problemen an die Öffentlichkeit
Der Stürmer thematisierte bereits während seiner Fußballkarriere mentale Probleme und suchte sich damals professionelle Hilfe. "2018 hatte ich meinen sportlichen Höhepunkt, habe 15 Tore in der Bundesliga geschossen und in der Nationalmannschaft gespielt. Es hätte sportlich nicht besser laufen können, aber der Druck war halt wahnsinnig groß." Die Symptome wurden stärker, insgesamt eineinhalb Jahre ging Petersen zur Therapie. "Erst dort habe ich gemerkt, dass es eigentlich schon in der Zeit beim FC Bayern losging. Ich habe nicht mehr gefrühstückt, hatte keinen Appetit, habe Panikattacken bekommen, konnte schlechter schlafen."
Besonders das Fußballspielen 2011 beim FC Bayern München war für Nils Petersen eine andere Welt. "Sportlich, als auch vom Kleidungsstil, versuchst du alles, um nicht abzufallen." In der Kabine dachte Petersen, seine Mitspieler würden blöd gucken, wenn er billigere Klamotten als seine Mannschaftskameraden trug. "Du redest dir das ein und willst dazugehören." An einen Fehlkauf in seiner Fußballkarriere erinnert sich der Stürmer besonders. "Die unnötigste Sache, die ich mir jemals gekauft habe, war ein Strohhut auf Mallorca für 160 Euro", sagt er und lacht dabei herzlich. "Den habe ich auch direkt wieder im Urlaub verloren."
Die Ausgaben von Nils Petersen wurden höher
Das Leben habe sich bei Petersen während der laufenden Karriere verändert. "Ich habe mit 18 Jahren in der 2. Bundesliga gespielt und 1.400 Euro brutto verdient, das waren 904 Euro netto. Damit habe ich entspannter gelebt als heute. Jetzt hat man sich einen Lebensstandard angeeignet, der weit ab von 900 Euro ist." Der Stürmer ging damals davon aus, dass der Umgang mit Geld und seinen mentalen Sorgen normal sei. "Man tauscht sich weniger in der Kabine darüber aus, weil man natürlich ungern Schwächen zugibt." Teilweise konnte sich Petersen bei geschossenen Toren nicht mehr richtig freuen. "Dadurch wirst du auch ein Stück weit depressiv. Du fragst dich: 'Was macht mir eigentlich noch Spaß im Leben'?"
Der 37-Jährige ist froh, dass er damals professionelle Hilfe bekam. Er wisse, dass er als ehemaliger Profi-Fußballer privilegiert sei und es für viele Menschen schwer ist, einen Therapieplatz zu finden. "Im Nachhinein war es das Beste, was mir passieren konnte. Ich habe dadurch sehr viel aufgearbeitet."
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Petersen telefoniert mehrmals mit Christian Streich
Mit seinem ehemaligen Freiburger Trainer Christian Streich tauschte sich Petersen öfter über das Thema mentale Gesundheit aus. In einem Interview bei "Magenta TV" sprach Streich unter anderem darüber, dass ihm der Wegfall von fehlenden Strukturen nach der Trainer-Karriere zu schaffen machte. "Ich kann mich noch erinnern, dass wir echt gute Telefonate hatten. Wir haben uns gegenseitig ein bisschen geholfen, was man nach der Fußball-Karriere machen kann", sagt Petersen. Streich und Petersen feierten mehrere Erfolge zusammen. Gemeinsam stiegen sie 2016 mit dem SC Freiburg in die Bundesliga auf und standen 2022 mit dem Sport-Club sogar im DFB-Pokalfinale. "Wir mussten beide nach der Karriere lernen, dass jeder Name austauschbar ist."
Nils Petersen versucht offen über das Thema mentale Gesundheit zu sprechen und will mit Menschen darüber ins Gespräch kommen. Außerdem möchte er seine Karriere als Fußballtrainer weiter vorantreiben. Aktuell absolviert er einen Lehrgang für die A-Lizenz.
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