Exklusive SWR-Umfrage

Motivieren statt resignieren: Gegen die Zusatzlast als Frau im Spitzensport

Die ehemalige Weltklasse-Leichtathletin Claudia Reidick arbeitet als sportpsychologische Expertin mit vielen Spitzensportlerinnen zusammen. Ihre Einblicke und Erkenntnisse hat sie mit SWR Sport geteilt.

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Von Autor/in Julia Metzner

Auf die Frage, ob sie etwas an den Ergebnissen der SWR-Umfrage überrascht habe, antwortet Claudia Reidick mit einem klaren Nein! "Wenn wir uns in Vier-Augen-Gesprächen unterhalten […] sind das die Themen, die immer wieder genannt werden", begründet die Sportwissenschaftlerin ihr Nein und konkretisiert: "Ein Thema, was immer wieder aufploppt, ist die Einschätzung oder die Wahrnehmung von Sportlerinnen, dass es eine Ungleichbehandlung zwischen männlichen und weiblichen Sportlern gibt. Dass sie immer den Eindruck haben, sie müssten mehr machen, sie müssten mehr leisten, sie würden kritischer beurteilt." Und schon sind wir mitten im angeregten Gespräch über ihre Arbeit, Erkenntnisse und Erfahrungen.

Entwicklung ja, aber Zusatzdruck auf Frauen bleibt

Claudia Reidick kennt beide Seiten. 1988 gewann sie im Hürdensprint bei den olympischen Spielen in Seoul die Bronzemedaille. Als Weltklasse-Athletin erlebte sie so die eine Seite der Sportwelt. Als Sportwissenschaftlerin und sportpsychologische Expertin beackert sie die andere Seite. "Ich finde, wir haben eine richtig gute Entwicklung gemacht. Das ist immer noch zu wenig, ja, aber eine unwahrscheinliche Entwicklung“, sagt die Grünstädterin, die unter anderen mit Nachwuchssportlerinnen beim Deutschen Fußball Bund und Deutschen Handball Bund arbeitet. Dabei erlebt sie auch, dass der Zusatzdruck als Frau im Spitzensport zwar Motivation sein kann, die aber begleitet werden sollte: "Man muss auch aufpassen, dass sie vielleicht auch schnell ausbrennen. Aufgrund des Anspruchs an sich selbst und auch von der Gesellschaft an die Frau mehr zu leisten. Also da muss man ein bisschen aufpassen. Aber ich glaube eher, dass es motivationsfördernd ist."

Ermutigend ist ihr Blick auf die Entwicklung, ernüchternd aber bleibt beim Zuhören der Blick in die Tiefe.

Tabuthema Periode: Siegt die Scham?

Immer wieder setzt die Expertin den Spitzensport in den gesellschaftlichen Gesamtzusammenhang. Bringt Beispiele. Stichwort: Tabuthema Periode. Kein Wunder sagt sie, dass junge Frauen im Sport ungern mit männlichen Trainern über ihren Zyklus sprechen: "Denen es ganz unangenehm ist, mit Mitte 20 dem Athletiktrainer täglich zu schreiben, wie es jetzt mit der Periode aussieht."

Ein Thema, zwei Probleme. Noch immer gibt es viel zu wenig weibliche Trainerinnen und Ansprechpartnerinnen. Noch immer fehlen wichtige Erkenntnisse zum Thema zyklusbasiertes Training. Auch, weil die Periode ein Tabuthema bleibt. Ein Beispiel bleibt Werbung für Tampons und Binden. Wer sie benutzt, kann sich sicher, sauber und rein fühlen: "Im Umkehrschluss wäre dann eine Frau das nicht, und dann brauchen wir uns eigentlich nicht wundern, warum das Thema immer noch sehr mit Scham behaftet ist."

Sexualisierte Gewalt: "Aufklärung ist das A und O"

Claudia Reidick hat sich auch zur Referentin für sexualisierte Gewalt fortbilden lassen, besucht Sportvereine und Trainerfortbildungen und hält Workshops für Jugendliche. Dabei sollen sie auch lernen, Stopp zu sagen, also ganz klar zu artikulieren, was sie wollen, was sie nicht wollen. "Aufklärung ist das A und O" sagt sie überzeugt und skizziert das "Problem" des Sports: "Also die Körperlichkeit gehört einfach dazu. Ich glaube, wir müssen diese Kultur ändern, um solche Übergriffe auf Dauer so gut wie möglich zu verhindern", schlägt Reidick vor und weiß: "Da sind Trainer unsicher, da sind Athleten unsicher. Ich finde es ist gar nicht schwierig: in dem Moment, wo ich das nicht will. Geht es nicht, egal was."

In der SWR Umfrage gab über die Hälfte der Betroffenen an, Übergriffe nicht gemeldet zu haben. Die Anlaufstellen sind mehr geworden, aber scheinbar immer noch nicht überall bekannt. Aus ihrer Arbeit weiß Reidick aber auch, dass andere Faktoren wie Mut und Vertrauen eine Rolle spielen: "Es ist ja ganz arg mit Scham behaftet. Also auch da, glaube ich, hängt es davon ab, wie gut die Beziehung intakt ist zwischen mir und dem Athleten, das wäre so das eine. Und das Zweite, wie mutig dann auch die Athletinnen sind, es dann auch wirklich zu sagen."

Es hat sich viel getan in den letzten 20 Jahren. Und die Arbeit von Claudia Reidick und ihren Kollegen zeigt, warum es so wichtig ist, dass die psychologische Betreuung im Spitzensport längst ein extra Berufszweig ist.

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Julia Metzner