Zwischen Stolz und Stress

Mütter im Leistungssport: Es fehlt immer noch an Unterstützung

Kind oder Karriere? Für viele Spitzensportlerinnen scheint beides zusammen unmöglich. Es fehlt an Strukturen und Unterstützung, sagt Marathonläuferin und Mutter Fabienne Königstein.

Teilen

Stand

Von Autor/in Laura Kistl, Judith Brosel, Kira Rutkowski

Wenn Marathonläuferin Fabienne Königstein nach einem regionalen Straßenlauf mit Töchterchen Skadi auf dem Siegerpodest steht, erfüllt es sie mit ganzem Stolz. Sie will Vorreiterin sein für Mütter im Spitzensport: "Es freut mich dann besonders, wenn auch Kinder oder Jugendliche mich ansprechen und sagen: 'Oh, du hast eine süße Tochter'. Sie sehen mich als Mutter und sehen, dass ich aber auch sportlich erfolgreich bin, und das beides geht."

Kind und Karriere: Große Hemmungen bei Spitzensportlerinnen

Es geht, aber der Mehraufwand und die Herausforderungen sind enorm. In einer nicht-repräsentativen Umfrage des SWR unter 300 Spitzensportlerinnen gab mehr als die Hälfte der Teilnehmerinnen an, sie fühlten sich von ihrem Verein oder Verband nicht dabei unterstützt, ein Kind zu bekommen und weiter am Wettbewerb teilzunehmen. Fünf der 300 Spitzensportlerinnen in der anonymen Umfrage kreuzten an, schon mal ein Kind abgetrieben zu haben, weil sie fürchteten, das Kind könne zu dem Zeitpunkt die sportliche Karriere beeinträchtigen. Zwei Drittel geben an, ihre sportliche Karriere habe Einfluss auf die Familienplanung. Fabienne Königstein, die auch Präsidiumsmitglied bei Athleten Deutschland e.V. ist, erzählt im Interview mit SWR Sport, viele Frauen würden sich einfach nicht trauen, während der sportlichen Karriere ein Kind zu bekommen.

"Frustrierend": Verantwortung wird hin- und hergeschoben

Fehlende Unterstützung ist dabei eine sehr große Hemmschwelle für viele Spitzensportlerinnen: "Eigentlich sagen alle, es ist ein wichtiges Thema und wir haben da Lücken, aber dann wird die Verantwortung hin- und hergeschoben. Also wer ist verantwortlich? Sind es die Verbände, sind es die Olympiastützpunkte, ist es der DOSB, ist es letztendlich die Politik, die die Gelder für den Mutterschutz und die Kinderbetreuung bereitstellen muss?" Die 32-Jährige sei einfach enttäuscht, dass keiner die Initiative ergreift und wirklich was ändert. "Es ist frustrierend, dass es ein Thema gibt, bei dem sich alle einig sind, wir müssen was ändern, und dann aber die Prioritäten anders gesetzt werden."

Mehr leisten, weniger Sichtbarkeit Forschung belegt strukturelle Nachteile für Sportlerinnen

Studien und Umfragen zeigen: Sportlerinnen sind im Spitzensport oft benachteiligt - bei Anerkennung, Sichtbarkeit und Bezahlung. Die Fakten im Überblick.

SWR Sport SWR

Herausforderung als Mama: Loslassen und Verantwortung abgeben

Um nach der Geburt von Skadi wieder in den Trainingsalltag zu kommen, hat sich Fabienne Königstein eine rote Linie gesetzt: Wenn sich jemand anderes um ihr Kind kümmert, unterbricht sie ihr Training nicht. Dabei musste sie aber eben auch lernen, loszulassen: "Gerade in den ersten Wochen habe ich viel auf dem Hometrainer zu Hause trainiert. Dann habe ich das Baby manchmal weinen hören, weil es halt müde war, und dann war die Verlockung schon verdammt groß, von dem Hometrainer runterzusteigen und es selber zu stillen und ins Bett zu kriegen."

Umfrage unter Spitzensportlerinnen  Periode endlich beachten! 

Um das letzte Körnchen Leistung aus Spitzensportlerinnen und Sportlern herauszukitzeln, wird viel getüftelt, geforscht und ausprobiert. Doch dass Frauen ihre Periode haben, spielt in vielen Trainingskalendern noch immer keine Rolle. 

Sie hatte natürlich das Gefühl, dass sie das gerade am Anfang als Mama am besten kann: "Da aber bewusst zu sagen: 'Nein, ich gebe jetzt meinem Mann auch die Chance, dass er selber Wege findet, wie er das Kind am besten in den Schlaf kriegt, ohne dass er die Brust geben kann.'" Das auszuhalten, sei Fabienne Königstein schwergefallen. "Wahrscheinlich hat es im Endeffekt fünf Minuten länger gedauert, als wenn ich es gemacht hätte, aber mir kamen die fünf Minuten natürlich echt lang vor. Und ja, der Fokus war dann gar nicht auf dem Training, sondern wirklich: Ist das Baby jetzt gleich leise und schläft es? Und: Ich will hier schnell fertig werden, damit ich dann im Zweifel da bin."

Social-Media-Beitrag auf Instagram

Kritik im Netz und Unterstützung von Fans

Dass sie mit der sechs Monate alten Tochter ins Trainingslager nach Kenia geflogen ist, haben manche auf Fabienne Königsteins Social-Media-Kanal kritisch kommentiert. Das sei verantwortungslos und egoistisch. "Ich habe auch Kommentare gekriegt, als ich neun Monate nach der Geburt meiner Tochter eine neue Bestzeit über den Marathon gelaufen bin und Olympianorm. So in Richtung Doping, was ich richtig ätzend fand." Königstein blende solche Kommentare aus, denn deutlich mehr Menschen unterstützen ihren Weg als Mutter im Leistungssport und schreiben, sie sei ein Vorbild.

Als Spitzensportlerin in der Öffentlichkeit Die ekelhafte Kehrseite des Sports

Höchstleistung allein ist nicht genug. In einer SWR-Umfrage schildern Spitzensportlerinnen, warum von ihnen so viel mehr erwartet wird. Ihre Erfahrungen zeigen, wie tief Sexismus in der Gesellschaft noch verankert ist. 

Stadion SWR1

Mama sein als Leistungsbooster

Fabienne Königstein beschreibt sich selbst als Mama aus Leidenschaft. Durch ihre Tochter sei sie viel gelassener und verantwortungsbewusster geworden: "Meine Tochter hat mich echt reifen lassen. Bei vielen Entscheidungen, wo ich früher unvernünftig gewesen wäre und gesagt hätte, ich mache jetzt mein Training trotzdem, auch wenn ich erkältet bin, oder das Knie ein bisschen weh tut, sage ich zu mir: 'Stopp, jetzt muss ich mal pausieren, oder ich muss aufs Fahrrad und kann jetzt eben nicht laufen. Und ich riskiere jetzt keine größere Verletzung, oder einen größeren Trainingsausfall."

Trotz aller Herausforderungen, die der Trainingsalltag und die Wettkampfplanung als Mutter mit sich bringen, Fabienne Königstein würde sich immer wieder für ein Kind während der sportlichen Karriere entscheiden. Und wenn sich die Strukturen im Spitzensport endlich verbessern, fällt wohl auch die Hemmschwelle für andere Spitzensportlerinnen, Mutter zu werden.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Laura Kistl
Judith Brosel
Kira Rutkowski