Suche nach Arztterminen

116117: Nur ein Bruchteil der Arztpraxen in BW bietet Termine an

Arzttermine bleiben für gesetzlich Versicherte Mangelware: Eine Daten-Recherche zeigt, dass nur wenige Praxen beim Online-Terminservice 116117 mitmachen. Der Weg zum Arzt ist deshalb oft weit.

Teilen

Stand

Von Autor/in Katharina Forstmair, Stephanie Jauss, Elisa Harlan, SWR Data Lab

Anja Ehses ist auf der Suche nach einem Frauenarzt. Doch alle Praxen im Umkreis von 50 km von ihrem Wohnort Zeltlingen-Rachtig weisen sie ab. Cornelia Hanelt leidet seit über 20 Jahren an Rheuma. Eigentlich müsste sie alle drei Monate zur Untersuchung, doch Termine bekommt sie bei ihrem Rheumatologen in Ulm manchmal erst nach fünf Monaten.

Wie Ehses und Hanelt geht es vielen gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten in Deutschland. Als Teil der Lösung wurden 2016 in jedem Bundesland Terminservicestellen eingeführt. Die 116117 soll schnell und einfach telefonisch und online Arzttermine vermitteln. Doch eine SWR-Datenanalyse zeigt: In Baden-Württemberg beteiligt sich nur ein Bruchteil aller Praxen am Onlineservice.

Trotz Verpflichtung: Nur wenige Praxen beteiligen sich an der 116117

Wer keine Überweisung hat, kann online Termine bei Haus-, Augen- und Kinder- und Jugendärzten buchen. Doch in Baden-Württemberg gibt es nur wenige Praxen, die über den Onlineservice Termine anbieten. Und das, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind, freie Termine zu melden. Zusätzlich profitieren Ärzte von einer höheren Vergütung für Termine, die über die 116117 vermittelt wurden. Sie können bis zu dem Dreifachen ihres regulären Honorars erhalten.

Daten-Reporterinnen des SWR haben knapp drei Monate lang einmal täglich Termine, die ohne Überweisung buchbar sind, automatisiert über die 116117-Website abgefragt und ausgewertet. In diesem Zeitraum wurden Termine von 136 Hausarztpraxen angezeigt, das sind etwa 3 Prozent aller baden-württembergischen Hausarztpraxen. Bei Praxen für Kinder- und Jugendmedizin waren es rund 6 Prozent, bei Augenarztpraxen etwa 18 Prozent.

Besonders lang sind die Wege zum Kinderarzt

Für jede Postleitzahl in Baden-Württemberg wurden einmal täglich Termine abgefragt. In etwa 86 Prozent der Postleitzahlgebiete gab es dabei keine einzige Praxis, die Termine angeboten hat. Wer in Baden-Württemberg online über die 116117 Termine bei einem Haus-, Augen- oder Kinderarzt sucht, findet deshalb oft nur welche in weiter Entfernung.

Im betrachteten Zeitraum wurden im Onlineservice Termine von 38 Kinderarztpraxen in Baden-Württemberg angezeigt. Insgesamt gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung 586. Viele Eltern müssen mit ihren Kindern daher besonders lange Wege in Kauf nehmen.

Im Schnitt liegt die Distanz zur nächsten Kinderarztpraxis bei 59 km Fahrtweg mit dem Auto, was in etwa einer Dreiviertelstunde Fahrtzeit entspricht. Patienten warten auf den Termin in kürzester Entfernung durchschnittlich 21 Tage. Wer schneller einen Termin braucht, muss länger fahren. Den schnellsten Kinderarzttermin gibt es durchschnittlich in drei Tagen, dafür ist dieser im Mittel etwa eineinhalb Stunden mit dem Auto entfernt.

Die weitesten Strecken müssen Patientinnen und Patienten aus der Region Bodenseekreis und Ravensburg zurücklegen. Dort finden Patienten die nächste Kinderarztpraxis über die 116117 online teilweise erst in über 100 km Entfernung mit dem Auto.

Praxen halten sich nicht an Empfehlungen

Betrieben wird der Terminservice von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung (KV). In Baden-Württemberg verpflichtet die KV Psychotherapeuten, ein Erstgespräch pro Quartal an die Terminservice zu melden. Für Haus- und Fachärzte gibt es zwar keine Pflicht, aber Empfehlungen. Für die meisten Fachrichtungen gilt: Pro Monat sollte mindestens ein Termin über die Terminservicestelle freigegeben werden.

Die SWR-Analyse umfasst nur Online-Termine. Die Terminservicestellen der 116117 vermitteln telefonisch und mit Überweisung zusätzliche Termine. Details dazu liegen nur der KV vor. Diese hat auf Anfrage eine grobe Analyse der Termine 2024 bereitgestellt, die jedoch keine einzelnen Praxen und Regionen abbildet.

Aus dieser geht hervor, dass die Empfehlungen in vielen Fachrichtungen nicht erfüllt werden. Würden sich alle Hausärzte an die Empfehlungen der KV halten, müssten knapp 85.000 Termine pro Jahr zur Verfügung stehen. Tatsächlich waren es 2024 weniger als ein Drittel davon.

Bei Haut- und Kinderärzten wurden weniger als halb so viele Termine gemeldet wie von der KV empfohlen. Urologen und Frauenärzte erfüllten die Empfehlungen 2024 nur knapp nicht.

Andere Fachgruppen, wie beispielsweise Augenärzte, HNO-Ärzte, Chirurgen und Orthopäden übererfüllten die Empfehlungen im Schnitt. Auch Psychotherapeuten hielten sich im Schnitt an ihre Pflicht, ein Erstgespräch pro Quartal anzubieten.

Die Analyse des Onlineservice zeigt aber: Während viele Praxen gar keine Termine melden, melden manche Hunderte pro Monat.

KV argumentiert: Praxen haben keine freien Termine

Auf Anfrage des SWR teilt die KV Baden-Württemberg mit, dass sie die Ergebnisse aus der Datenauswertung nicht nachvollziehen und bestätigen könne. Eine Zahl, wie viele Praxen Termine anbieten, liefert die KV nicht.

In der Antwort heißt es zudem, die KV orientiere sich weniger an den groben Empfehlungen als vielmehr am realen Bedarf. In einigen Fachgebieten und einigen Regionen brauche es keine Termine bei der Terminservicestelle. Die Pressestelle weist zudem auf den generellen Ärztemangel hin. Die Praxen würden bereits am Limit arbeiten und hätten oft keine Termine frei.

Außerdem gebe es "eine ganze Menge Patienten mit einer hohen Anspruchshaltung", so die KV. Und viele Patienten würden nicht zu den vermittelten Terminen erscheinen, ohne diese abzusagen.

Termine für die 116117: Aufwand für Praxen zu hoch

Stefanie Joos leitet das Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen. Gleichzeitig erstellt sie als Mitglied des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium.

Sie bestätigt die Aussage der KV: "Die letzten Jahre haben einfach gezeigt, dass die Praxen noch verstopfter sind und noch weniger dazu kommen, irgendwelche freien Termine irgendwohin zu melden."

Außerdem habe das Onlineportal 116117 Nachteile gegenüber kommerziellen Onlineplattformen. Während sich diese auch an Bestandspatienten richten, werden über die 116117 vor allem dringende einmalige Termine vermittelt. Für die Praxen sei das mehr Aufwand, da sie sich erst einmal mit der Krankheitsgeschichte der Patienten befassen müssten.

Die Praxen sind verstopft und kommen nicht dazu, irgendwelche freien Termine irgendwohin zu melden.

Außerdem seien die Terminservices kommerzieller Anbieter meist besser an die Verwaltungssysteme der Praxen angebunden. Termine über die 116117 müssten die Praxen oft noch separat melden und im Kalender eintragen. "Das sind alles extra Arbeitsaufwände. Und insofern ist es verständlich, dass man da als Praxis den einfacheren Weg geht", meint Joos.

Das Problem mit der technischen Anbindung sei bereits erkannt worden, teilt die KV auf Anfrage des SWR mit. "Wir hoffen, bis zum Ende des Jahres diesen Nachteil aufgeholt zu haben", heißt es in der Antwort.

Viele Patienten kennen den Onlineservice nicht

Laut Expertin Joos sei der Terminservice immer noch nicht überall in den Praxen bekannt - vor allem bei den medizinischen Fachangestellten, die oft die Terminvergabe organisieren. Daran müssten die Kassenärztlichen Vereinigungen weiter arbeiten, fordert Joos.

Auch viele Patienten kennen die 116117 nicht. Eine Befragung des GKV-Spitzenverbandes, der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, hat 2024 ergeben: Knapp die Hälfte der Versicherten wissen nichts vom Terminservice.

Noch unbekannter ist der Onlineservice. 2024 wurden laut der KV Baden-Württemberg 77 Prozent der gebuchten Termine telefonisch über die Terminservicestelle vermittelt. In 17 Prozent der Fälle buchten Patienten online, in einem Prozent per App.

Expertin fordert mehr Werbung für den Terminservice

Wie viele der eingestellten Termine gebucht wurden, unterscheidet sich stark nach Fachrichtung. Dabei kann die regionale Verteilung der Praxen, die Termine anbieten, eine Rolle spielen. Bietet zum Beispiel eine Praxis in Stuttgart sehr viele Termine an, die nicht alle gebucht werden, kann es im Zollernalbkreis trotzdem Patienten geben, die dort keinen Termin finden. Außerdem beeinflussen die Bekanntheit des Terminservice und das Nutzungsverhalten der Patienten die Quote.

Laut der Sachverständigen Joos werbe die KV nicht ausreichend für den Service: "Ich glaube schon, dass man mit einer besseren Öffentlichkeitsarbeit mehr Menschen erreichen würde". Zudem müsse der Service ihrer Meinung nach effizienter Termine vermitteln, dann würde er auch von den Patientinnen und Patienten mehr genutzt werden.

Kassenärztliche Vereinigung setzt auf Freiwilligkeit

Vertragsärzte und -ärztinnen sind gesetzlich dazu verpflichtet, der Terminservicestelle freie Termine zu melden. Die jeweilige KV soll dafür sorgen, dass diese Pflicht eingehalten wird. Bei Verstößen kann sie Maßnahmen wie Geldstrafen bis hin zur Aussetzung der Kassenzulassung verhängen.

Allerdings bleibt die gesetzliche Vorschrift ungenau. Wie viele Termine gemeldet werden müssen, schreiben weder das Gesetz noch die KV Baden-Württemberg vor.

Die KV setze bisher vor allem auf Freiwilligkeit, heißt es auf Anfrage des SWR. Für die Zukunft schließe man aber nicht aus, verpflichtende Vorgaben zu machen.

Expertin fordert: Reform statt kleinteiliger Lösung

Auch Expertin Stefanie Joos hält strengere Regeln für Ärzte für den falschen Ansatz. Der Terminservice sei nur "ein Pflästerchen". Und weiter: "Vielleicht war er mal gut gemeint, aber er hat sicherlich nicht das erfüllt, was er erfüllen sollte", so die Sachverständige. Statt wieder an einzelnen Stellen zu schrauben, solle man die Zeit lieber in die Umsetzung eines zukunftsfähigen Systems stecken.

Der Terminservice hat sicherlich nicht das erfüllt, was er erfüllen sollte.

Auch die KV findet, der Terminservice könne das Problem mit den fehlenden Arztterminen nicht lösen. "Unsere Mitglieder unterliegen immer schwieriger werdenden Rahmenbedingungen wie Budgets, Regresse, Bürokratie, fehlendes Fachpersonal und begrenzte Weiterbildungsstellen, die ihnen das Leben schwer machen", schreibt die Pressestelle.

Bundesregierung setzt weiterhin auf 116117

Joos fordert deshalb eine Reform des Terminvergabe-Systems. "Das heißt, dass wir ein Primärarztsystem einführen, wo der Hausarzt oder die Hausärztin die Steuerung übernimmt für die Weiterleitung zu den Spezialisten."

Das Primärarztsystem, wie es Joos vorschlägt, steht auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Darin werde auch der 116117 weiterhin "eine wesentliche Funktion zukommen", schreibt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums auf Anfrage des SWR. Denn neben den Hausärzten sollen auch die Terminservicestellen der KVen Termine bei Fachärzten vermitteln.

Das Ministerium sieht für den Terminservice "Entwicklungspotenzial". Die Sprecherin schreibt: "Es wird für eine Weiterentwicklung darauf ankommen, sowohl die Bekanntheit zu steigern als auch das Angebot von Terminen durch die Arztpraxen zu erhöhen". Verantwortlich dafür seien die Ärzte und die Kassenärztlichen Vereinigungen.

Mangelware Arzttermine 116117: Kleines Angebot, große Distanzen für Patienten in RLP

Eine Daten-Recherche zeigt, dass nur wenige Praxen in Baden-Württemberg Termine über den Online-Terminservice 116117 anbieten. Der Weg zum Arzt ist deshalb oft weit.

SWR Aktuell Rheinland-Pfalz SWR RP

Mosbach, Albstadt

"Zugehört"-Serie zur Bundestagswahl 2025 Warum Ärzte Kassenzulassungen zurückgeben und Kranke quälend lange auf Termine warten

Mal schnell zum Arzt? Das geht schon lange nicht mehr. Ob leichte Bronchitis oder seltene Hautkrankheit: Auf einen Arzttermin müssen Kassenpatienten mitunter monatelang warten.

SWR Aktuell Baden-Württemberg SWR BW

Baden-Württemberg

"Zugehört" - Serie zur Kommunalwahl BW 2024 Warum es in BW immer weniger Hausärzte gibt - und was Kommunen dagegen tun

In Baden-Württemberg wird die ambulante medizinische Versorgung zunehmend schlechter. Es fehlt vor allem an Nachwuchs. Was Kommunen unternehmen um Hausärzte zu gewinnen.

Guten Morgen Baden-Württemberg SWR1 Baden-Württemberg