Anja Ehses ist auf der Suche nach einem Frauenarzt. Doch alle Praxen im Umkreis von 50 km von ihrem Wohnort Zeltlingen-Rachtig weisen sie ab. Cornelia Hanelt leidet seit über 20 Jahren an Rheuma. Eigentlich müsste sie alle drei Monate zur Untersuchung, doch Termine bekommt sie bei ihrem Rheumatologen in Ulm manchmal erst nach fünf Monaten.
Wie Ehses und Hanelt geht es vielen gesetzlich versicherten Patientinnen und Patienten in Deutschland. Als Teil der Lösung wurden 2016 in jedem Bundesland Terminservicestellen eingeführt. Die 116117 soll schnell und einfach telefonisch und online Arzttermine vermitteln. Doch eine SWR-Datenanalyse zeigt: In Rheinland-Pfalz beteiligt sich nur ein Bruchteil aller Praxen.
SWR-Story: Fachärztemangel Wenn Patienten gefährlich lange warten
Auf einen Termin beim Facharzt warten Patienten häufig monatelang: Egal ob Hautarzt, Augenarzt oder Gynäkologe. Dabei gäbe es genug Mediziner, eigentlich!
Trotz Verpflichtung: Nur wenige Praxen beteiligen sich an der 116117
Wer keine Überweisung hat, kann online Termine bei Haus-, Augen-, Frauen-, Kinder- und Jugendärzten sowie psychotherapeutische Erstgespräche buchen. Doch in Rheinland-Pfalz gibt es nur wenige Praxen, die über den Onlineservice Termine anbieten. Und das, obwohl sie gesetzlich dazu verpflichtet sind, freie Termine zu melden. Zusätzlich profitieren Ärzte von einer höheren Vergütung für Termine, die über die 116117 vermittelt wurden: Sie können bis zu dem Dreifachen ihres regulären Honorars erhalten.
Daten-Reporterinnen des SWR haben knapp drei Monate lang einmal täglich Termine, die ohne Überweisung buchbar sind, automatisiert über die 116117-Website abgefragt und ausgewertet.
Im untersuchten Zeitraum wurden Termine bei 8 Hausarztpraxen angezeigt, das sind 0,5 Prozent aller rheinland-pfälzischen Hausarztpraxen. Bei Praxen für Kinder- und Jugendmedizin waren rund 1 Prozent, bei Augenarztpraxen etwa 5 Prozent und bei Frauenarztpraxen 3 Prozent. Außerdem waren Termine von rund 210 psychotherapeutischen Praxen aufrufbar, das sind ungefähr 14 Prozent aller psychotherapeutischen Praxen in Rheinland-Pfalz.
Betrieben wird der Terminservice von der jeweiligen Kassenärztlichen Vereinigung (KV). Auf SWR-Anfrage hat die KV Rheinland-Pfalz die Zahl der Praxen zur Verfügung gestellt, die 2024 Termine über die 116117 angeboten haben. Hierbei werden nicht nur online, sondern zusätzlich auch telefonisch und durch Hausärzte vermittelte Termine berücksichtigt.
Berechnet man diese Termine mit ein, steigt die Zahl der Arztpraxen, die Termine anbieten, leicht an, bei Kinderarztpraxen beispielsweise auf 3 Prozent und bei Augenarztpraxen auf etwa 7 Prozent. Bei den psychotherapeutischen Praxen steigt der Anteil von 14 auf rund 21 Prozent. Dennoch: Der Großteil der Praxen in Rheinland-Pfalz vermittelte im vergangenen Jahr keine Termine über die 116117.
Besonders lang sind die Wege zum Kinderarzt
In der Analyse des Onlineservice wurden für jede Postleitzahl in Rheinland-Pfalz einmal täglich Termine abgefragt. In über 80 Prozent der Postleitzahlgebiete gab es dabei keine einzige Praxis, die Termine angeboten hat. Wer in Rheinland-Pfalz online über die 116117 Termine sucht, findet deshalb oft nur welche in weiter Entfernung.
Die Analyse des Onlineservice zeigt auch, dass sich die Zahl der angebotenen Termine zwischen einzelnen Praxen stark unterscheidet. Während viele Praxen gar keine Termine melden, melden manche Hunderte pro Monat.
Im betrachteten Zeitraum wurden im Onlineservice Termine von 3 Kinderarztpraxen in Rheinland-Pfalz angezeigt. Insgesamt gibt es laut Kassenärztlicher Vereinigung 217. Viele Eltern müssen mit ihren Kindern daher besonders lange Wege in Kauf nehmen.
Im Schnitt liegt die Distanz zur nächsten Kinderarzt- oder psychotherapeutischen Praxis bei 66 km Fahrtweg mit dem Auto. Das entspricht etwa 50 min Fahrtzeit. Aber nicht nur die Entfernung ist ein Problem: Patienten warten auf den Kinderarzt-Termin in kürzester Entfernung durchschnittlich 21 Tage. Wer schneller einen Termin braucht, muss länger fahren. Den frühsten Kinderarzt-Termin gibt es durchschnittlich in zwei Tagen, dafür ist dieser im Schnitt über 130 km, also fast eineinhalb Stunden mit dem Auto entfernt.
Westen von Rheinland-Pfalz sticht hervor
Patientinnen und Patienten, die im Westen von Rheinland-Pfalz leben, müssen die längsten Distanzen zurücklegen, wenn sie einen Termin von der 116117-Website wahrnehmen wollen. In der Region Trier ist die nächste Hausarztpraxis, die innerhalb des Zeitraums Termine gemeldet hat, bis zu 97 km Fahrtweg mit dem Auto entfernt. Zur nächsten Kinderarztpraxis sind es sogar bis zu 180 km.
KV argumentiert: Praxen haben keine freien Termine
Auf Anfrage des SWR schreibt die KV Rheinland-Pfalz, man könne die Unzufriedenheit der Patientinnen und Patienten mit den teilweise längeren Wartezeiten sehr gut nachvollziehen. Terminengpässe könnten durch die 116117 aber nicht gelöst werden. "Sind Praxen bis zum Anschlag mit Patientinnen und Patienten auch aus der Warteliste heraus überfüllt, ergeben sich keine freien Termine, die zu melden wären", heißt es in der Antwort.
Das gelte vor allem für den ländlich geprägten Westen von Rheinland-Pfalz. Dort gebe es weniger Praxen, die Nachfrage nach Terminen und die Arbeitsbelastung der Ärzte sei deshalb besonders hoch.
Außerdem sei es ein Problem, dass Patientinnen und Patienten häufig ohne Absage nicht zu Terminen erscheinen, die sie über 116117 gebucht haben. "Dies verursacht unnötige Kosten aufgrund von Einnahmeausfällen", so die Pressestelle der KV.
Termine für die 116117: Aufwand für Praxen zu hoch
Stefanie Joos leitet das Institut für Allgemeinmedizin und Interprofessionelle Versorgung am Universitätsklinikum Tübingen. Gleichzeitig erstellt sie als Mitglied des Sachverständigenrats Gesundheit und Pflege Gutachten für das Bundesgesundheitsministerium.
Sie bestätigt die Aussage der KV: "Die letzten Jahre haben einfach gezeigt, dass die Praxen noch verstopfter sind und noch weniger dazu kommen, irgendwelche freien Termine irgendwohin zu melden."
Die Praxen sind verstopft und kommen nicht dazu, irgendwelche freien Termine irgendwohin zu melden.
Außerdem habe das Onlineportal 116117 Nachteile gegenüber kommerziellen Onlineplattformen. Während sich diese auch an Bestandspatienten richten, werden über die 116117 vor allem dringende einmalige Termine vermittelt. Für die Praxen sei das mehr Aufwand, da sie sich erst einmal mit der Krankheitsgeschichte der Patienten befassen müssten.
Viele Patienten kennen den Onlineservice nicht
Laut Expertin Joos sei der Terminservice außerdem immer noch nicht überall in den Praxen bekannt – vor allem bei medizinischen Fachangestellten, die oft die Terminvergabe organisieren. Daran müssten die Kassenärztlichen Vereinigungen weiter arbeiten, fordert Joos.
Nicht nur die Mitarbeitenden in Arztpraxen, auch viele Patienten kennen die 116117 nicht. Eine Befragung des GKV-Spitzenverbandes, der Interessenvertretung der gesetzlichen Kranken- und Pflegekassen, hat 2024 ergeben: Knapp die Hälfte der Versicherten wissen nichts vom Terminservice.
Noch unbekannter ist der Onlineservice. 2024 wurden laut der KV Rheinland-Pfalz 58 Prozent der gebuchten Termine telefonisch über die Terminservicestelle vermittelt. In 35 Prozent der Fälle buchten Patienten online, in 5 Prozent per App.
Expertin fordert mehr Werbung für den Terminservice
Wie viele der eingestellten Termine gebucht wurden, unterscheidet sich stark nach Fachrichtung. Dabei kann die regionale Verteilung der Praxen, die Termine anbieten, eine Rolle spielen. Bietet zum Beispiel eine Praxis in Mainz sehr viele Termine an, die nicht alle gebucht werden, kann es in Cochem-Zell trotzdem Patienten geben, die dort keinen Termin finden. Außerdem beeinflussen die Bekanntheit des Terminservice und das Nutzungsverhalten der Patienten die Quote.
Laut der Sachverständigen Joos werbe die KV nicht ausreichend für den Service: "Ich glaube schon, dass man mit einer besseren Öffentlichkeitsarbeit mehr Menschen erreichen würde". Zudem müsse der Service ihrer Meinung nach effizienter Termine vermitteln, dann würde er auch von den Patientinnen und Patienten mehr genutzt werden.
Von der KV heißt es auf Anfrage, der 116117-Terminservice sei bereits zu einem bekannten "Player" im Terminvermittlungsmarkt geworden.
Gesetzliche Vorschrift für Ärzte schwammig
Vertragsärzte und -ärztinnen sind gesetzlich dazu verpflichtet, der Terminservicestelle freie Termine zu melden. Die jeweilige Kassenärztliche Vereinigung soll dafür sorgen, dass diese Pflicht eingehalten wird. Bei Verstößen kann sie Maßnahmen wie Geldstrafen bis hin zur Aussetzung der Kassenzulassung verhängen.
Allerdings bleibt die gesetzliche Vorschrift ungenau. Wie viele Termine gemeldet werden müssen, schreiben weder das Gesetz noch die Kassenärztliche Vereinigung Rheinland-Pfalz vor.
Die KV schreibt, strengere Regelungen für Praxen würden das Problem nur verlagern. Es würden dann zwar mehr Termine über die 116117 vermittelt, aber gleichzeitig weniger über andere Wege. Die Ursachen für die Terminengpässe würden damit nicht beseitigt.
Expertin fordert: Reform statt kleinteiliger Lösung
Auch Expertin Stefanie Joos hält strengere Regeln für Ärzte für den falschen Ansatz. Der Terminservice sei nur "ein Pflästerchen". Und weiter: "Vielleicht war er mal gut gemeint, aber er hat sicherlich nicht das erfüllt, was er erfüllen sollte", so die Sachverständige. Statt wieder an einzelnen Stellen zu schrauben, solle man die Zeit lieber in die Umsetzung eines zukunftsfähigen Systems stecken.
Der Terminservice hat sicherlich nicht das erfüllt, was er erfüllen sollte.
Auf Anfrage heißt es dazu von der Pressestelle der KV: "Die Engpässe bei der Terminvergabe sind begründet in einem immer noch zunehmenden Arztzeitmangel." Dieser resultiere aus dem massiven Abbau von Medizinstudienplätzen und einer Planung, die dem tatsächlichen Bedarf von Patientinnen und Patienten nicht gerecht werde.
Bundesregierung setzt weiterhin auf 116117
Joos fordert deshalb eine Reform des Terminvergabe-Systems. "Das heißt, dass wir ein Primärarztsystem einführen, wo der Hausarzt oder die Hausärztin die Steuerung übernimmt für die Weiterleitung zu den Spezialisten."
Das Primärarztsystem, wie es Joos vorschlägt, steht auch im Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung. Darin werde auch der 116117 weiterhin "eine wesentliche Funktion zukommen", schreibt eine Sprecherin des Bundesgesundheitsministeriums auf Anfrage des SWR. Denn neben den Hausärzten sollen auch die Terminservicestellen der KVen Termine bei Fachärzten vermitteln.
Das Ministerium sieht für den Terminservice "Entwicklungspotenzial". Die Sprecherin schreibt: "Es wird für eine Weiterentwicklung darauf ankommen, sowohl die Bekanntheit zu steigern als auch das Angebot von Terminen durch die Arztpraxen zu erhöhen". Verantwortlich dafür seien die Ärzte und die Kassenärztlichen Vereinigungen.