Rottweil, Tübingen oder Esslingen - in Baden-Württemberg gibt es viele historische Innenstädte mit verwinkelten Gassen und eng beieinander stehenden Fachwerkhäusern. Freier Platz ist dort knapp. Das führt auch bei der Wärmewende zu Herausforderungen. Wo diese liegen und welche Lösungen es möglicherweise gibt, haben Heizungsexperten und Verwaltungsfachleute in Vaihingen (Kreis Ludwigsburg) stellvertretend für andere Städte aufgezeigt.
Blick von der Stadtkirche: Blockiert Denkmalschutz den PV-Ausbau?
Oberbürgermeister Uwe Skrzypek (parteilos) steht auf dem Turm der Stadtkirche. Unter ihm die verwinkelte Innenstadt. "Die Altstadt ist als Ensemble denkmalgeschützt." Was das heißt, hat er selbst erlebt, als er in die Stadt zog und auf sein Haus Solarmodule bauen lassen wollte: "Da kommt nichts drauf", sei die Antwort von der Denkmalschutzbehörde gewesen. Konkret ging es darum, dass jede einzelne Dachfläche mit der Stadt und dem Landesamt für Denkmalpflege verhandelt hätte werden müssen. "Und wenn es das Stadtbild beeinträchtigt hätte, war eine PV-Anlage nicht möglich", so der Oberbürgermeister.
"Natürlich wollen wir die historische Innenstadt erhalten, aber wenn wir sie nur konservieren, ist sie tot", ist der Oberbürgermeister überzeugt. Zusammen mit Stephan Sure von der unteren Denkmalschutzbehörde und dem Landesdenkmalamt hat die Stadt Vaihingen gemeinsam deswegen ein Solarkataster entwickelt, nach eigenen Angaben eines der ersten in Baden-Württemberg. Nur wenige Gebäude wie Stadt- und Peterskirche, historisches Rathaus und Schloss Kaltenstein sind dabei als besondere Kulturdenkmale nahezu gänzlich ausgeschlossen.
Bei anderen denkmalgeschützten Gebäuden ist Photovoltaik grundsätzlich möglich - unter Einhaltung gewisser Auflagen. "Diese können direkt mit der Stadt geklärt werden", erklärt Denkmalschützer Sure. Er spricht von einem Erfolgsmodell: Das Solarkataster gibt es seit zwei Jahren. Seitdem seien auf mehr als 50 Dächern neue Solaranlagen installiert worden.
Rathaus-Keller: Fernwärme für ein Gebäude aus dem Jahr 1720
Das aus dem 18. Jahrhundert stammende Rathaus sowie weitere Verwaltungsgebäude sind seit 2019 an die Fernwärme angeschlossen. Kein Schornstein, kein großer Heizkessel und kein Öltank - so fasst Roland Weikert die Vorteile zusammen. Der Wärmenetz-Experte steht im Heizkeller und zeigt auf einen schwarzen Kasten, den Wärmetauscher. Hier kommt das Rohr mit dem heißen Wasser vom Wärmenetz herein und erwärmt ein weiteres Rohr, das wiederum zu den Heizungen im Rathaus führt.
Das Wärmenetz erschließt nur einen Teil der Vaihinger Kernstadt. Anwohnerinnen und Anwohner in Parallelstraßen warten teilweise seit längerer Zeit, dass sie angeschlossen werden. Da es sich aber um einen privaten Betreiber handele, arbeite dieser in erster Linie betriebswirtschaftlich, sagt Wärmenetz-Experte Roland Weikert.
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Etwas nördlich hat die Stadt vor Kurzem ein eigenes Wärmenetz in Betrieb genommen. Anders als der private Netzbetreiber fühlt sich die Stadtverwaltung dem Gemeinwohl verpflichtet, will so viele Heizungen wie möglich anschließen. "Aber auch wir müssen auf die Kosten achten", sagt Oberbürgermeister Skrzypek.
Kein Platz für eine Wärmepumpe: OB von Vaihingen heizt hybrid
Das Haus des Oberbürgermeisters liegt mitten in der Altstadt. Es hat eine Grundfläche von 204 Quadratmetern, das Grundstück insgesamt 212. Mit anderen Worten: Platz für eine Wärmepumpe oder eine Geothermieanlage gibt es nicht. Ein Wärmenetz ist zwar nicht allzu weit entfernt, doch ein Anschluss sei "inakzeptabel teuer".
OB Skrzypek hat deswegen das Gebäude nicht nur aufwändig gedämmt, er hat auch sein Dach - soweit das mit dem Denkmalschutz ging - mit 38 PV-Modulen und zwölf Quadratmetern Solarthermie vollgepackt. Die Solarthermie erwärmt an Sonnentagen das Wasser, das einen 1.500 Liter fassenden Schichtspeicher versorgt. Außerdem produzieren die PV-Module so viel Strom, dass auch damit Wasser erwärmt und geheizt werden kann.
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Außerdem hat der OB Skrzypek etwas gemacht, das im ersten Moment überrascht. Er, der über sich selbst sagt, dass er versuche, so klimafreundlich wie möglich zu leben, hat eine Gasheizung eingebaut. Sein Ziel: Diese möglichst nicht zu nutzen und damit keinen fossilen Brennstoff zu verfeuern. "Die Anlage ist wie ein Hosenträger. Vielleicht brauche ich ihn gar nicht, weil die Hose auch ohne hält."
Und wenn nicht? Dann setze er auf die Entwicklung bei Wärmepumpen. "Ich bin mir sicher, dass in wenigen Jahren kleine wie leise Geräte auf dem Markt sind, die ich auch auf einen Vorsprung im Eingangsbereich setzen kann."
Enz: Wird künftig mit Flusswärme ein Teil der Stadt beheizt?
"Das größte Wärmepotenzial in der Stadt Vaihingen an der Enz hat die Enz", sagt OB Skrzypek. Er meint damit die Wärme des Flusses. Würde man diese über Flusswärmepumpen nutzen, könnte man theoretisch die gesamte Kernstadt damit heizen, gleiches gilt für die zwei ebenfalls an der Enz gelegenen Stadtteile Roßwag und Enzweihingen. Doch klappt das auch in der Praxis? Anselm Laube, Geschäftsführer der Energieagentur für den Landkreis Ludwigsburg (LEA), sagt: "Das Potential ist da." Aber es gebe mehrere Herausforderungen.
Erstens die Henne-Ei-Problematik: Ohne Wärmenetz bringe die beste Flusswärmepumpe nichts. Doch die Fernwärmerohre für ein Wärmenetz zu verlegen sei erst einmal eine hohe Investition und bedeute nichts weniger als "quasi jede Straße aufzureißen". Dazu komme, dass die Enz zwar die meiste Zeit des Jahres genügend Wasser und ausreichend warm sei, doch ist sie das auch das ganze Jahr? Denn sollte das Flusswasser in der Wärmepumpe gefrieren, könnte das für die Wärmepumpen problematisch werden.
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LEA-Geschäftsführer Laube hält einen Mix für sinnvoll. Eine Flusswärmepumpe könnte einen Großteil des Jahres die Stadt mit Wärme versorgen, sollte aber das Flusswasser zu kalt oder der für die Wärmepumpen benötigte Strom zu teuer sein, könne man auf beispielsweise ein Holz-Heizwerk umstellen.
Die Stadt will nun Machbarkeitsstudien für die Stadtteile Roßwag, Enzweihingen und die Kernstadt in Auftrag geben. Danach sehe man weiter, so Oberbürgermeister Skrzypek. Fest steht, eine Stadt mit Flusswärme zu versorgen, benötigt viel Vorlauf. Anselm Laube geht von fünf bis zehn Jahren aus.