In Teilen von Stuttgart-Bad Cannstatt hat der Energieversorger EnBW eine Vertriebsoffensive für Fernwärme gestartet. Erste Informationsveranstaltungen fanden statt, Bürgerinnen und Bürger können sich Angebote machen lassen. Insgesamt geht es laut EnBW um 700 Gebäude. Weitere Vertriebsmaßnahmen seien geplant. Allerdings gibt es unter den Hauseigentümern auch Unmut, Verunsicherung und offene Fragen.
Vermieter in Bad Cannstatt würden gern auf Fernwärme umstellen
Wolfgang Nieke und Doris Bauer haben ein Mehrfamilienhaus in der Haldenstraße. Diese führt direkt auf das Kraftwerk Stuttgart-Münster zu. Dort wird neben Gas auch Müll verbrannt und damit Strom und Fernwärme gewonnen. Eine hochmoderne Großwärmepumpe nutzt die Abwärme, damit steht noch mehr Wärme zur Verfügung. Wärme, die das Ehepaar gern zum Heizen in ihrem Haus aus dem Jahr 1907 nutzen würde.
Doch obwohl ihr Gebäude in einem von derzeit zwei Fokusgebieten der EnBW liegt, ist unklar, ob es klappt. "Wir haben das Glück, dass wir jetzt schon mal ein Angebot haben von der EnBW. Der große Nachteil ist, dass dieses Angebot nur gilt, wenn 50 Prozent der Anwohner auch mitmachen", erklärt Doris Bauer. Aus EnBW-Sicht ist das nachvollziehbar: Denn eine Fernwärmeleitung für nur wenige Häuser zu legen, ist verhältnismäßig teuer. Für das Hauseigentümer-Paar Bauer/Nieke heißt die Bedingung aber andererseits: "Ich kann eigentlich gar nicht planen, weil ich nicht weiß, wie viele Leute mitmachen."
Haus & Grund: Keine vernünftige Entscheidungsgrundlage für Eigentümer
Nicht nur das Ehepaar Bauer/Nieke fühlt sich derzeit etwas ausgebremst. "Das Thema Fernwärme treibt viele Hauseigentümer in Stuttgart um", sagt Ulrich Wecker, Geschäftsführer des Eigentümervereins Haus & Grund Stuttgart. "Wir wissen nicht, in welchen Gebieten die Fernwärme kommen soll, noch wann und auch nicht zu welchem Preis." Wenn die Menschen aber nicht wüssten, ob Fernwärme komme und ihnen die Heizung kaputt gehe, dann "können sie eigentlich nur die Luft-Wärmepumpe machen". Komme aber später doch die Fernwärme, "hat der Versorger ein wirtschaftliches Problem, weil die Ausbaukosten auf weniger Abnehmer verteilt werden können".
Der Geschäftsführer von Haus & Grund spricht von einer Krux und verweist auch auf den seit langem schwelenden Konzessionsstreit zwischen der Stadt Stuttgart und der EnBW. Der Appell von Haus & Grund: Die Stadt Stuttgart und die EnBW sollen - wie zuletzt beim Thema Wassernetz - den Streit beilegen. Eine Forderung, die auch Umweltverbände wie der BUND Stuttgart seit langem fordern.
Vermieter: Hohe Kosten wollen wir den Mietern nicht zumuten
Für Wolfang Nieke und Doris Bauer ist klar: Das Thema Heizungstausch löst sich nicht von allein. Die Gasetagenheizungen sind in die Jahre gekommen, über kurz oder lang müssen diese ersetzt werden. Wärmepumpen mit Außengeräten auf jeder Etage des Altbaus erscheinen ihnen nicht sinnvoll. Ein Fernwärmeanschluss hingegen schon.
Doch Stand jetzt wäre das Heizen mit Fernwärme teurer als mit Gas, sagt Wolfgang Nieke und rechnet für die eigene Wohnung vor: "Wenn wir jetzt bei 1.500 Euro Gaskosten im Jahr sind, liegen wir bei dem, was uns die EnBW sagt, bei 2.500 Euro nachher für die Fernwärme." Ziehe man die nicht anfallenden Kosten für Schornsteinfeger und Heizungswartung ab, bleibe trotzdem ein großer Unterschied. Zusatzkosten, die die Mieter treffen würden, die aber - das ist Eigentümer Nieke wichtig - im Vorfeld transparent sein sollten.
Bei einer Podiumsdiskussion Anfang Oktober in Stuttgart-Bad Cannstatt spricht Wolfgang Nieke Marc Jüdes an. Dieser ist bei der EnBW verantwortlich für die Fernwärme. Zum speziellen Fall könne er nichts sagen, so der EnBW-Fernwärme-Chef. Er verweist aber darauf, dass "zukünftig die Gaspreise aufgrund steigender CO2-Preise ansteigen werden - und auch die Gasnetzentgelte werden spätestens dann steigen, wenn immer weniger Kunden Gas beziehen". Dazu komme, dass beim Heizen mit Fernwärme keine Instandhaltungskosten für die Heizung anfallen würde.
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Mannheim hat 42 Prozent Fernwärme, Stuttgart 7
Der Fernwärme-Ausbau schreitet unterschiedlich schnell voran. Während in Stuttgart rund 7 Prozent der Haushalte an ein Wärmenetz angeschlossen sind, liegt die Quote in Mannheim laut Zensus 2022 bei 42 Prozent. Zum Vergleich: Freiburg hat eine Fernwärme-Quote von 9, Karlsruhe von 13 und Ulm von 24 Prozent. Michael Jantzer, Vorstand bei der Umweltschutzorganisation BUND Stuttgart, fordert von der EnBW in Stuttgart eine Ausbaustrategie der Fernwärme, bei der sie selbst massiv in Netz und Energieversorgung investiert.
Betrachtet man die Wärmepreise pro Kilowattstunde gibt es auch hier Unterschiede. BUND-Vorstand Jantzer zeigt bei der Podiumsdiskussion Zahlen aus Stuttgart und anderen Städten. Demnach liegen die Preise bei der EnBW in Stuttgart bei rund 17 Cent pro Kilowattstunde. Die in Mannheim und Karlsruhe bei rund 14 Cent. "Das ist rund 20 Prozent teurer", so BUND-Sprecher Jantzer.
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Deutliche Preisunterschiede bei Fernwärmeanschlüssen
Auch bei den Anschlusspreisen gibt es deutliche Unterschiede. Wolfgang Nieke liegt für sein Haus ein Angebot der EnBW vor. Demnach müsste er gut 25.000 Euro bezahlen. Zieht man die Förderung der Stadt Stuttgart ab, verbleiben rund 20.000 Euro, rechnet er vor. Beim Mannheimer Energieversorger MVV kostet derzeit ein Netzanschluss 5.950 Euro. Ab 2026 gilt dieser "reduzierte Kampagnenpreis" nicht mehr. Dann sind laut MVV 8.925 Euro fällig. Der Stuttgarter Eigentümer Nieke sagt: "Mich würde es einfach als Bürger interessieren, was ist da jetzt der Unterschied?"
Marc Jüdes von der EnBW wollte sich bei der Podiumsdiskussion nicht zu den Preisen anderer Fernwärmeanbieter äußern. Auch auf spätere Nachfrage antwortete die EnBW schriftlich: "Die Preisgestaltung anderer Fernwärmeversorger können wir nicht im Detail kommentieren." Zur BUND-Forderung nach einem massiven Fernwärme-Ausbau heißt es: "Die EnBW investiert massiv in den Ausbau des Fernwärmesystems in der Region Stuttgart und auch in das der Region Heilbronn." Neben den Kraftwerksneubauten in Altbach und Stuttgart-Münster habe man eine der größten Wärmepumpen Deutschlands in Betrieb genommen. Auch das Fernwärmenetz in Stuttgart-Feuerbach werde erweitert.