Eigentlich wollte Amelie Merwerth zur Bundeswehr - an diesem Vormittag schraubt sie Griffe an einen Holzsarg. Die 19-Jährige macht eine Ausbildung zur Bestattungsfachkraft in einem Kornwestheimer Betrieb, inzwischen im dritten Lehrjahr. Kennengelernt hat die junge Frau das Handwerk über ein Praktikum nach dem Realschulabschluss - und machte weiter.
"Der Beruf ist sehr facettenreich", sagt Amelie Merwerth. Das gefalle ihr besonders: die Trauerarbeit mit den Angehörigen, die Beratung und Organisation rund um die Bestattung, aber auch das Handwerkliche. "Das hat man in einem reinen Bürojob natürlich nicht", so die Auszubildende.
Ausbildung zu Bestattungsfachkraft ist beliebt - auch in Baden-Württemberg
Immer mehr junge Menschen sehen das offenbar so, denn die Zahl der Auszubildenden zur Bestattungsfachkraft ist zuletzt auf Rekordwerte gestiegen. Rund 1.000 Menschen machen derzeit in Deutschland diese Ausbildung, heißt es vom Bundesverband Bestattungsunternehmen - so viele wie nie zuvor. 2014 gab es laut Angaben des Statistischen Bundesamts bundesweit gerade mal 390 Auszubildende.
Die Ausbildung werde zudem mittlerweile häufiger von Frauen gewählt: Im Jahrgang 2024/25 lag der Frauenanteil laut dem Bundesverband deutschlandweit bei 59 Prozent, der Männeranteil bei 41 Prozent. Zehn Jahre zuvor war die Verteilung fast umgekehrt.
In Baden-Württemberg ist die Entwicklung ähnlich: Auch hier lassen sich immer mehr junge Menschen zur Bestattungsfachkraft ausbilden. Die Zahl hat sich zwischen 2010 mit 59 Auszubildenden und 2024 mit 110 Auszubildenden fast verdoppelt. Aktuell sind laut der Landesinnung des Bestattungshandwerks in Baden-Württemberg 108 Menschen in der Ausbildung, davon sind 65 weiblich.
Das Image des Bestatter-Berufs hat sich gewandelt
"Es sind inzwischen viel mehr Frauen, die den Beruf machen wollen", stellt auch Frank Friedrichson fest, Bestattermeister aus Horb am Neckar und Landesinnungsmeister der Bestatterinnung. Das habe sich verändert, ebenso wie die Nachfrage nach Ausbildungsplätzen für den Beruf insgesamt.
Was wohl auch am sich verändernden Image des Berufs liege. "Früher hatte man ein Bild vom Totengräber - das hat sich gewandelt", sagt Friedrichson.
Inzwischen sei vielen bewusst, dass Bestattungsfachkraft nicht nur Handwerk sei, sondern viel mehr umfasse - zum Beispiel die Trauerbegleitung und Beratung von Angehörigen, aber auch die Organisation der Beisetzung mit Musik und Dekoration.
Kein Grabstein und keine Grabpflege Letzte Ruhestätte unterm Baum: Waldbestattungen liegen im Trend
Waldbestattungen sind beliebt - auch in BW. Grabsteine, Kreuze oder Grablichter gibt es hier nicht. Warum immer mehr Menschen das wollen und wie eine solche Bestattung abläuft.
Handwerk der Bestatter ist "systemrelevant"
Auch durch die Coronapandemie sei deutlich geworden, wie systemrelevant und wichtig das Bestatterhandwerk sei, sagt Bestattermeister Friedrichson. Und: Der Beruf hat Zukunft, denn die Zahl der Verstorbenen nimmt in der alternden Gesellschaft zu. Während 2015 in Baden-Württemberg noch rund 104.000 Menschen starben, waren es laut dem Statistischen Landesamt 2022 und 2023 jeweils mehr als 120.000.
Fast überall im Land wird Nachwuchs gesucht und viele Branchen klagen über Fachkräftemangel. Dagegen gründen sich im Bestattungshandwerk neue Betriebe.
Die Landesinnung geht von derzeit mehr als 860 Betrieben im Land aus, wovon allerdings nicht alle ausschließlich Bestattungsunternehmen seien. "Wir haben oft mehr Bewerber auf Stellen, als Mitarbeiter gebraucht werden", sagt Friedrichson.
Bestattungsbranche wächst: Mehr Beschäftigte, höherer Umsatz
Der zunehmende Bedarf in der Branche schlägt sich auch bundesweit in steigenden Beschäftigtenzahlen und Umsätzen nieder. So waren laut dem Statistischen Bundesamt in Wiesbaden im Jahr 2023 rund 26.300 Menschen bei den 4.200 in Deutschland ansässigen Unternehmen im Bestattungshandwerk tätig – 2,5 Prozent mehr als noch ein Jahr zuvor. Allerdings arbeiten in der Branche deutlich mehr geringfügig Beschäftigte als in anderen Handwerksberufen.
Laut den Statistikern sind auch die nominalen Umsätze im Jahr 2023 im Vergleich zum Vorjahr gestiegen: von etwa 2,26 Milliarden Euro auf rund 2,32 Milliarden Euro. Gleichzeitig sind die Kosten für Bestattungen gestiegen: Angehörige mussten im vergangenen Jahr für Särge, Urnen, Grabsteine und andere Begräbnisartikel demnach fast vier Prozent mehr bezahlen als noch im Jahr zuvor.
Was braucht es für die Tätigkeit als Bestatterin - und die Ausbildung?
Auf dem Friedhof in Kornwestheim bereitet Amelie Merwerth zusammen mit ihrer Mit-Auszubildenden Hanna Raible das Grab für eine Bestattung vor. Sie richten die Zweige und Blüten, legen Seile für den Sarg aus. Wenn die Sargträger mit dem Sarg kommen, muss alles stimmen - für die Angehörigen sei das ein entscheidender Moment.
Diesen Moment des Abschieds gut vorzubereiten und schön zu gestalten, sei besonders wichtig, findet Hanna Raible. Sie ist mit der Arbeit aufgewachsen - es ist der Betrieb ihrer Familie, in dem sie nun arbeitet.
Man versucht, dass die Angehörigen den Verstorbenen gut in Erinnerung behalten können - und dass man den letzten Abschied so schön wie möglich macht.
Kernkompetenzen einer Bestattungsfachkraft: Pietät und Einfühlungsvermögen
Zu den Vorbereitungen gehört auch der direkte Kontakt mit den Verstorbenen - sie zu waschen, einzucremen und zu kleiden etwa. Das habe viel mit Pietät zu tun, findet Amelie Merwerth. Für sie ist der Umgang mit Verstorbenen inzwischen etwas Normales - so wie der Tod zum Leben dazugehört.
Wichtig ist aber auch der Kontakt mit den Angehörigen - und Einfühlungsvermögen für deren Situation, betont der Chef der beiden Auszubildenden: Stefan Raible ist Inhaber von Bestattungen Gölz Raible in Kornwestheim. "Ich bin manchmal überrascht, wie empathisch, wie aufopferungsvoll man schon im so jungen Alter sein kann."