"Wir wollen keine Panik machen. Aber wir wollen auch informieren, dass das Virus kommt", sagt der Biologe Hans Jerrentrup. Er bekämpft die Tigermücke im Auftrag von Kommunen. Und er macht sich Sorgen: Es sei eine Frage der Zeit, bis die Tigermücken am Oberrhein auch tropische Krankheiten wie das Chikungunya-Virus übertragen.
Einsatz in Ketsch am Oberrhein
Jerrentrup ist gerade auf einem Friedhof in Ketsch südlich von Mannheim im Einsatz: "Tigermücken lieben Friedhöfe", sagt er und spritzt das biologisches Bekämpfungsmittel BTI in ein Wasserbecken. So sollen die Larven der Tigermücken direkt abgetötet werden.
30 Mitarbeiter sind im Einsatz, um möglichst viele Larven in der Gemeinde mit 13.000 Einwohnern zu erwischen. Wie fast jede Gemeinde am Oberrhein in Baden-Württemberg hat Ketsch besonders viele Tigermücken. Das liegt auch an der Nähe zur A5, über die sich die Tigermücke in Autos und LKWs von Süden her ausbreitet.
Tigermücke überträgt Virus in Frankreich - nahe der deutschen Grenze
Im Nachbarland Frankreich sind die Bekämpfungsmaßnahmen teilweise noch einmal deutlich aufwändiger. Denn hier sind die Tigermücken nicht nur lästig, sondern in Einzelfällen übertragen sie bereits das Chikungunya-Virus.
Auf dem französischen Festland haben die Behörden dieses Jahr 25 Fälle festgestellt. Die Tigermücken haben zuvor wahrscheinlich einen erkrankten Reiserückkehrer gestochen und so das Virus aufgenommen.
Frankreich ist besonders betroffen, weil die Menschen hier häufig in die französischen Überseegebiete - wie zum Beispiel die Insel La Réunion - reisen. Aus diesen Gebieten kommt die Tigermücke ursprünglich. Reiserückkehrer bringen sie dann mit auf das Festland - auch an der deutsche-französischen Grenze steigt so das Risiko. So hat sich Anfang Juli eine Person südlich von Straßburg mit dem Virus vor Ort infiziert.
Chikungunya-Ausbrüche in Deutschland immer wahrscheinlicher
"Wir müssen auch damit rechnen, entweder in diesem Jahr oder in den nächsten Jahren oder irgendwann solche lokalen Ausbrüche auch in Deutschland zu beobachten", sagt Hendrik Wilking, Epidemiologe vom Robert Koch-Institut. Bisher gab es in Deutschland nur Chikungunya-Fälle bei Reiserückkehrern. Tigermücken vor Ort haben das Virus noch nicht übertragen.
Diese Symptome treten bei Chikungunya auf
Ein Medikament gegen das Chikungunya-Virus gibt es nicht. "Todesfälle sind aber zum Glück selten - bei einem von 1.000 Menschen endet die Krankheit tödlich", sagt Dr. Kerstin Kling, Tropenmedizinerin des Uniklinikums Heidelberg.
Infizierte haben häufig hohes Fieber. Oft kommt es auch zu starken Gelenkschmerzen, die in der Regel symmetrisch an Händen und Gelenken auftreten. "Etwa bei einem Drittel der Patienten bleiben die Beschwerden dann vor allem bei den Gelenken dann Wochen, Monate und im schlimmsten Fall sogar Jahre bestehen", sagt Kerstin Kling. Daher kommt auch der Name Chikungunya, was übersetzt der "gekrümmt Gehende" heißt.
Gefährdet sind vor allem Säuglinge, Schwanger, Ältere oder Menschen mit geschwächten Immunsystem. Bei den meisten Menschen klingen die Symptome aber nach sieben bis zehn Tagen ab.
Tigermücke hat sich am Oberrhein stark ausgebreitet
Auch in Deutschland gibt es schon Chikungunya-Fälle - bisher haben sich die Menschen aber immer im Ausland angesteckt. Mit steigenden Temperaturen nimmt die Gefahr einer Virusübertragung zu, da sich die Mücken schneller vermehren und sich das Virus besser verbreiten kann.
Durch den Klimawandel hat das Virus also bessere Voraussetzungen. Gleichzeitig können durch die wärmeren Winter auch erst die Tigermücken in Baden-Württemberg überleben. So hat sich die Tigermücke seit 2015 stark ausgebreitet – vor allem entlang des Oberrheins gibt es große Populationen.
Kommunen geben auf - so lässt sich die Tigermücke selbst bekämpfen
Doch immer mehr Kommunen streichen Gelder für die Bekämpfung. Vor drei Jahren hat die Kommunale Arbeitsgemeinschaft zur Bekämpfung der Schnakenplage (KABS) noch in deutlich mehr Gemeinden die Tigermücke mit Mitarbeitern bekämpft. Heute setzen die Gemeinden vor allem auf Beratung. Anwohner sollen möglichst viele offene Wasserstellen beseitigen. Denn hier legen die Mücken ihre Eier. Auch Schutznetze auf einer Regentonne helfen und auch das biologische Bekämpfungsmittel BTI kann selbst genutzt werden.
Die professionelle Bekämpfung können sich viele Kommunen nicht mehr leisten, sagt Hans Jerrentrup: "Es ist generell so, dass den Gemeinden das Geld ausgeht. Es ist viel Verantwortung, was sie hier tragen, auch wegen invasiver Ameisen und Wespen". Doch gerade eine flächendeckende Bekämpfung sei wichtig, sagt Hans Jerrentrup von der KABS. Er zeigt auf einen Gullideckel: "Auch hier steht das Wasser drin", sagt der Biologe und spritzt eine kleine Menge des BTI in den Gullideckel.
Kehl gibt aktive Tigermückenbekämpfung auf
Immer mehr Brutstätten werden also nicht bekämpft - zum Beispiel auch in Kehl, direkt an der französischen Grenze mit Blick auf Straßburg. Hier ist die Tigermücken-Population besonders groß. Die Stadt Kehl hat ihren Kampf gegen die Tigermücke aufgeben und setzt auf die Mithilfe der Bürger.
Hohe Kosten für Kommunen am Oberrhein Stadt Kehl gibt Kampf gegen Tigermücke auf und setzt stattdessen auf die Bevölkerung
Die Bekämpfung der Asiatischen Tigermücke kostet Kommunen am Oberrhein viel Geld. Die Stadt Kehl zieht Konsequenzen und setzt nun auf die "Verantwortung der Bevölkerung".
Auf der französischen Seite des Rheins bei Kehl haben 2024 bereits französische Behörden in Straßburg ein Insektizid versprüht, nachdem zwei Reiserückkehrer mit dem Dengue-Fieber aufgefallen sind. Tigermücken können auch das Dengue-Fieber übertragen, allerdings braucht es dafür eine Durchschnittstemperatur von über 25 Grad. Das Chikungunya-Virus kann auch schon bei Durchschnittstemperaturen um die 18 Grad übertragen werden.
WHO warnt vor Chikungunya-Ausbrüchen
Das Chikungunya-Virus ist mittlerweile laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) in 119 Ländern nachgewiesen worden. Der letzte große Ausbruch war in den Jahren 2004 und 2005 – vor allem die Inselstaaten des Indischen Ozeans waren betroffen. Jetzt warnt die WHO erneut vor einer starken Ausbreitung. Wir schlagen frühzeitig Alarm, damit sich die Länder rechtzeitig vorbereiten", sagte die WHO-Sprecherin Rojas Alvarez am Dienstagabend laut der Nachrichtenagentur AFP.
Impfung kann in Zukunft vor Chikungunya schützen
Seit Anfang Juli empfiehlt die Ständige Impfkommission für Reisende in tropische Gebiete eine Chikungunya-Impfung, für Erwachsene. 2024 ist ein erster Lebendimpfstoff zugelassen worden, seit Anfang 2025 gibt es auch einen Totimpfstoff. Der Impfstoff wird aber auch nach den ersten Fällen in Deutschland sehr wahrscheinlich keine große Rolle spielen, sagt Hendrik Wilking vom Robert Koch-Institut: "Auch bei den lokalen Ausbrüchen in Frankreich wird sehr zurückhaltend geimpft."
Der Impfstoff sei vor allen Dingen für massiven Ausbruchsgeschehen gedacht. Diese sind trotz kleinerer Ausbrüche in Europa erstmal nicht zu erwarten - viel hängt aber in Zukunft von der Größe der Tigermücken-Populationen ab.
Biologe Hans Jerrentrup sieht schon heute die Tigermücken als mögliche Krankheitsüberträger und engagiert sich auch deshalb als Rentner für die Tigermückenbekämpfung. Er läuft stundenlang durch Kleingartenanlagen, klingelt bei Bewohnern und hofft, dass sich auch immer mehr Bürger mitmachen und im eigenen Garten möglichst wenig Brutstätten für die Tigermücken belassen. "Im Ausland sind sie auch als gesundheitsschädlich bekannt”, sagt Hendrik Wilking vom RKI. “Aber so langsam müssen sich die Menschen daran gewöhnen, dass sie auch in Deutschland Gesundheitsschädlinge werden können."