Datenanalyse

Elektromobilität in BW: Alle 2.000 Meter eine Ladesäule, kaum E-Autos

In Baden-Württemberg gibt es vielerorts ausreichend Ladesäulen für Elektroautos, dennoch gibt es Hürden an der Säule: zu unübersichtlich, zu teuer. Eine Datenanalyse des SWR zeigt, wie es vor Ort aussieht.

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Von Autor/in Jan Russezki, Max Köhler, Simon Jockers, Elisa Harlan, SWR Data Lab

Eine Analyse von SWR-Datenjournalisten zeigt: Die Reichweitenangst ist unbegründet. Im Durchschnitt gibt es in Baden-Württemberg alle 2.000 Meter einen öffentlichen Ladepunkt. Aktuelle Elektro-Autos haben nach Herstellerangaben eine durchschnittliche Reichweite von etwa 450 Kilometern. Da in Deutschland im Schnitt 256 Kilometer pro Woche gefahren werden, reicht das für viele Menschen im Alltag aus. Somit müsste nur einmal pro Woche geladen werden.

Mehr Ladestrom als benötigt

Der aktuelle Report der Nationalen Leitstelle Ladeinfrastruktur zeigt, dass vielerorts mehr Ladestrom verfügbar ist, als die dort zugelassenen Elektroautos benötigen. Die Ladebedingungen scheinen also gut. Dennoch werden in Deutschland zu wenige Elektroautos neuzugelassen, um die Klimaziele für 2030 zu erreichen. Das zeigt eine Prognose von SWR-Datenjournalisten, die auf den Zulassungszahlen von E-Autos aus dem vergangenen Jahr beruht.

Baden-Württemberg beim Ladesäulenausbau auf vorletztem Platz

Das Ladesäulennetz wächst stetig. 2024 stieg die Zahl der Ladesäulen in Deutschland um etwa 27 Prozent. Im Durchschnitt steht alle drei Kilometer ein öffentlicher Ladepunkt.

In Baden-Württemberg wuchs das Ladenetz 2024 um rund 21 Prozent. Bei der Ausbaugeschwindigkeit belegte Baden-Württemberg damit zumindest im vergangenen Jahr bundesweit den vorletzten Platz.   

Das Verkehrsministerium erklärte auf Anfrage, das Ziel sei, die Ladeinfrastruktur in Siedlungs- und Gewerbegebieten auszubauen. Der nächste öffentliche Ladepunkt solle fußläufig erreicht werden können, der nächste Schnelllader in maximal fünf Kilometern.

In Stuttgart steht durchschnittlich alle 450 Meter eine Ladesäule, in Mannheim alle 800 Meter. In ländlichen Gebieten wie Sigmaringen, dem Main-Tauber-Kreis und dem Neckar-Odenwald-Kreis sind die Abstände größer und betragen oft mehr als 2.500 Meter. Dort ist dieses Ziel noch nicht erreicht.

Schnellladesäulen, die ein E-Auto je nach Modell und Lader in 30 bis 60 Minuten komplett aufladen können, sind seltener. Weniger als jede fünfte Ladesäule in Baden-Württemberg sind solche Schnelllader. Im Durchschnitt ist alle 4,4 Kilometer eine Schnellladesäule zu finden.

Elektromobilität: Regionale Unterschiede beim Ladebedarf

Laut Leitstellen-Report steht den meisten Elektroautos in den Landkreisen genug Ladeleistung zur Verfügung, oft sogar mehr als nötig. Der Bundesverband der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) berichtet, dass nur jeder fünfte Ladepunkt überdurchschnittlich ausgelastet ist. Die EnBW hat deshalb den Ausbau öffentlicher Ladesäulen kürzlich verlangsamt.

Das Bundesverkehrsministerium will jedoch öffentliche Ladesäulen weiter fördern – auch in weniger besiedelten Gebieten. Förderungen für privates Laden zu Hause sind aktuell nicht geplant. Laut einer aktuellen Umfrage des Energie-Konzerns Eon unter mehr als 1.000 E-Autofahrenden laden 71 Prozent der Befragten in der Regel zu Hause.

Die kontinuierlich geringe zeitgleiche Auslastung zeigt sehr deutlich, dass in Deutschland der Ausbau des Ladeangebots derzeit stärker wächst als die Anzahl von E-Pkw.

In Deutschland machten E-Autos in diesem Jahr bisher nur etwa 17 Prozent der Neuzulassungen aus. Stand heute haben die vorhandenen E-Autos vielerorts genug Ladesäulen zur Auswahl.

Zu wenig Ladeleistung, zum Teil keine Ladesäule

Doch nicht alle Regionen sind so gut ausgestattet. In rund 18 Prozent der Landkreise in Baden-Württemberg ist der Bedarf der E-Auto-Flotte noch nicht gedeckt. Besonders betroffen sind Karlsruhe, Biberach und Sigmaringen.

Etwa 60 Prozent der Gemeinden haben keine einzige Schnellladesäule. Jede zehnte Gemeinde muss sogar ganz ohne öffentlichen Ladepunkt auskommen.

Dabei entfallen laut Verkehrsministerium in Baden-Württemberg mehr als 35 Prozent des Personenverkehrs auf Pendeln und Dienstreisen.

Ladewüsten und Oasen: So sieht es in den Landkreisen aus

E-Autofahrende können im Alb-Donau-Kreis, in Heilbronn und im Landkreis Ravensburg besonders gut laden. Dort steht der E-Auto-Flotte viel Kilowatt-Leistung zur Verfügung.

Autobahnen mit vielen und leistungsfähigen Ladesäulen sorgen für die gute Abdeckung im Alb-Donau-Kreis und im Landkreis Ravensburg. In Heilbronn haben die Stadtwerke zahlreiche Ladesäulen im Straßenraum, in Ladeparks und auf Kundenparkplätzen installiert.

Die Stadt Karlsruhe sowie die Landkreise Biberach und Sigmaringen haben die schlechteste Versorgung. In diesen Gebieten stehen Ladesäulen hauptsächlich im Straßenraum. Sie können den Bedarf der aktuellen Flotte nicht decken. Fernverkehrsachsen sind dort weniger bedeutend. In allen drei Kreisen ist die EnBW der größte Ladesäulenbetreiber.

ADAC-Sprecherin Katharina Lucà schreibt auf SWR-Anfrage: "Entlang der Fernstraßen ist das Angebot für den heutigen E-Fahrzeugbestand in Deutschland schon gut. Lücken sehen wir noch in dicht besiedelten Gebieten in Ballungsräumen, in sehr ländlichen Räumen und entlang wenig frequentierter Verkehrsachsen."

Laut Verkehrsministerium sind in Baden-Württemberg mehr als 35 Prozent des Personenverkehrs Pendel-Fahrten und Dienstreisen.

Abo-Chaos im Ladenetz: Zu viele Ladestrom-Anbieter

Ein Sprecher des Bundesverkehrsministeriums wertete auf Anfrage den "bisherigen Hochlauf der Elektromobilität als positiv – sowohl bei der Entwicklung der Zulassungszahlen vollelektrischer Fahrzeuge als auch beim Ausbau der öffentlichen Ladeinfrastruktur".

Tatsächlich zeigen jedoch die Zulassungszahlen des Kraftfahrtbundesamts, dass sich viele Autokäuferinnen und Autokäufer weiterhin für Verbrenner entscheiden. Nicht zuletzt ist die komplizierte Ladesituation ein Hindernis für Autofahrende sich ein E-Auto zu kaufen.

Die ersten E-Autofahrerinnen und -fahrer der neunziger Jahre mussten noch ohne Ladeinfrastrukur auskommen. Doch die wenigen Elektrifizierten kannten sich untereinander und halfen sich im Bedarfsfall aus. Bei Martin Oberdörfer Schmidt aus Öschelbronn (Enzkreis) ist das bis heute so:

Dazu erklärte ADAC-Sprecherin Lucà, dass grundsätzlich an allen Säulen mit Karten aller Anbieter geladen werden könne. Dabei fielen jedoch höhere Roaminggebühren an. Sie kritisiert auch die Intransparenz der Kostenstruktur: "Leider sind die Ladekosten teilweise sehr undurchsichtig. An den Säulen steht dazu meist nichts. Und je nach Anbieter kann der Preis an ein und derselben Säule unterschiedlich hoch ausfallen." Unter rund 50 Cent pro kWh erhielten E-Auto-Fahrende unterwegs allerdings selten Strom. Konzepte ohne Vertrag sind noch in der Entwicklung.

Experten: Bundesregierung soll Leitplanken setzen

Martin Doppelbauer, Professor für Hybride und Elektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), fordert eine Begrenzung der Strompreise und einfache Abrechnungen. Auch gibt es die Idee ein "staatliches Start-Ladeguthaben" einzuführen, das die Autofahrer mit dem Kauf eines E-Autos erhalten und wie eine Prepaid-Karte zum Laden verwenden können.

Wichtig ist, dass eine neue Bundesregierung die richtigen Leitplanken für die Entwicklung beim Verkauf von E-Autos setzt, die über mehrere Jahre verlässlich sind.

Laut Henrik te Heesen, Professor am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier, ist es aber "wichtig, dass eine neue Bundesregierung die richtigen Leitplanken für die Entwicklung beim Verkauf von E-Autos setzt, die über mehrere Jahre verlässlich sind, damit es für alle Marktbeteiligten einen klaren Fahrplan und Planungssicherheit gibt".

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