Wenn die Verkehrswende in Baden-Württemberg im aktuellen Tempo weitergeht, wird das Klimaziel für 2030 verfehlt. Die Landesregierung hatte sich zum Ziel gesetzt, dass der Anteil klimaneutraler Fahrzeuge auf der Straße dann 50 Prozent beträgt. Auch die weniger ambitionierten Ziele des Bundes von etwa 30 Prozent Anteil werden dann nicht erreicht. Laut Experten ist vor allem das E-Auto der Weg zum Ziel. 2030 könnte das Autoland mit prognostiziertem Anteil an von 10 Prozent deutlich unter den Zielmarken liegen. Dies zeigt eine Analyse von SWR-Datenjournalisten, die auf den aktuellen Neuzulassungs- und Bestandsdaten des Kraftfahrt-Bundesamtes (KBA) beruht.
- So viele E-Autos fahren in den Landkreisen
- CO2-Emissionen im Verkehr seit Jahrzehnten hoch
- Zukunft ungewiss: Unklare E-Auto-Förderungen
- Sind die Klimaziele noch zu erreichen?
Realität ohne Umweltbonus: Verkehrswende stockt
Im Dezember vergangenen Jahres hätte die Landesregierung laut SWR-Prognose ihren Anteil an den Bundeszielen noch halten können. Die Auswirkungen des Umweltbonus, der Ende 2023 beendet wurde, trugen unter anderem dazu bei, dass die Zulassungszahlen in diesem Zeitraum gestiegen sind.
Die aktuellen Daten zeigen, dass die abrupt beendete Subvention dem E-Auto-Absatz einen deutlichen Dämpfer versetzt hat. Elektroautos ersetzen Verbrenner auf den Straßen nur schleppend. Bis heute steigen die Neuzulassungen von E-Autos nur langsam.
BW-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) bedauerte die schleppende Entwicklung hin zur E-Mobilität auf einer Pressekonferenz Ende Juni: "Es ist eine frustrierende Erkenntnis, dass wir trotz der vielfachen Maßnahmen nach dem Projektionsbericht die Ziele einfach nicht erreichen."
So viele E-Autos fahren in den Landkreisen
Böblingen und Stuttgart verzeichnen in Baden-Württemberg die höchsten Anteile an E-Autos. Beide Städte steigerten ihren Anteil um jeweils einen Prozentpunkt auf sechs Prozent. Gewerbliche Autoflotten tragen maßgeblich zu diesen hohen Werten bei. Die Autobauer Porsche und Mercedes melden ihre Test- und Leasing-Wagen in diesen Kreisen an, auch wenn die Fahrzeuge nicht immer dort genutzt werden.
Neu in den Top 5: der Rhein-Neckar-Kreis mit 4,7 Prozent E-Autos. Der Landkreis Calw, der als Klimavorbild gilt, fiel vom dritten auf den fünften Platz. Am Ende der E-Mobilitätsliste stehen weiterhin die Landkreise Heidenheim, Main-Tauber und Neckar-Odenwald mit jeweils unter drei Prozent E-Auto-Anteil.
Datenanalyse Elektromobilität in BW: Alle 2.000 Meter eine Ladesäule, kaum E-Autos
In BW gibt es vielerorts ausreichend Ladesäulen für E-Autos, dennoch gibt es Hürden an der Säule: zu unübersichtlich, zu teuer. Eine Datenanalyse zeigt, wie es vor Ort aussieht.
Henrik te Heesen, Professor am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier, erklärt, dass die regionalen Unterschiede auf die verschiedenen Bedingungen in Stadt und Land zurückzuführen seien. "Die Ladeinfrastruktur in den Städten ist besser als auf dem Land. Menschen, die auf dem Land leben und weitere Strecken zurücklegen müssen, sind deshalb zurückhaltender, wenn es um den Kauf eines E-Autos geht", sagt der Experte. Das Verkehrsministerium teilte mit, dass in Baden-Württemberg über 35 Prozent des Personenverkehrs auf Pendler und Dienstreisende entfallen.
CO2-Emissionen im Verkehr seit Jahrzehnten hoch
Seit 1990 bereitet der Verkehrssektor Probleme. Der Verkehr verursacht hohe CO2-Emissionen und hat diese seit Jahrzehnten kaum reduziert. In Baden-Württemberg stößt der Verkehrssektor im Vergleich zu anderen Sektoren am meisten CO2 aus. Seit 2013 versucht die grün-schwarze Landesregierung, den Verkehr durch Klimaschutzgesetze sauberer zu gestalten. Ein wichtiges Ziel sei die Umstellung auf vollelektrische Autos. Der Verkehrsminister erklärte auf einer Pressekonferenz: "In der Antriebswende holt man am meisten CO2 runter."
Jürgen Resch, Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, wirft der grün-schwarzen Landesregierung unter Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) vor, bewusst gegen geltendes Recht zu verstoßen. Die Deutsche Umwelthilfe reichte kürzlich Klage beim Verwaltungsgerichtshof ein, da das Land sein CO2-Klimaziel für 2030 verfehlt.
Es ist eine frustrierende Erkenntnis, dass wir trotz der vielfachen Maßnahmen nach dem Projektionsbericht die Ziele einfach nicht erreichen.
Regierungschef Kretschmann reagierte darauf in einer Pressekonferenz: “Ob solche Klagen substanziell was bringen, da mach ich mal ein großes Fragezeichen dran. Das Gras wächst nicht schneller, wenn man dran zieht.” Dass die Maßnahmen zur Verkehrswende nicht gewirkt haben, läge nicht an der Regierung, sagte er. Man hänge zu sehr von anderen ab: "Wenn man sich Ziele setzt, muss man sich fragen, ob man selber die Maßnahmen und Mittel besitzt, sie zu erfüllen."
Die Landesregierung ergreift Maßnahmen, um den Umstieg auf E-Autos zu fördern. Die Maßnahmen der Landesregierung zur Förderung eines Umstieg auf E-Autos richten sich hauptsächlich an Unternehmen und weniger an private Autofahrer. Im Jahr 2024 wurden 88 Prozent aller Fahrzeuge in Deutschland privat genutzt.
Zukunft ungewiss: Unklare E-Auto-Förderungen
Das Landesverkehrsministerium wünscht sich auch Hilfe von der Bundesregierung. Sprecherin Wenke Böhm sagte: “Der Bund hat im Koalitionsvertrag ein Programm für Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen aus Mitteln des EU-Klimasozialfonds angekündigt, um den Umstieg auf klimafreundliche Mobilität gezielt zu unterstützen. Was das heißt und wann eine Entlastung erfolgt, ist offen.” Auch auf Nachfrage des SWR nannte das Bundesverkehrsministerium keine Details.
Martin Doppelbauer, Professor für Hybride und elektrische Fahrzeuge am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), kritisiert das vage Versprechen der Koalition. Er hält die Maßnahmen für wirkungslos und zu stark auf Dienstwagen und Hybride fokussiert. “Davon halte ich gar nichts, weil Hybride in der Praxis kaum CO2-Einsparungen bringen. Das ist wieder eine Maßnahme, die letztlich nur das Ende des Verbrennungsmotors hinauszögern soll und der Umstellung auf Elektroautos im Wege steht.”
Weiter sagt er: “Das Einzige, was mich vorsichtig optimistisch stimmt, ist der aktuell wieder gut laufende Verkauf von Elektroautos in Europa und auch in Deutschland.” Auch der Gebrauchtwagenmarkt habe sich verbessert und werde dazu beitragen, breitere Käuferschichten zu aktivieren.
Eine Datenanalyse des SWR von ADAC-Daten aus Kaufpreisen ergab: Der hohe Preis bleibt ein entscheidender Faktor bei der Wahl für oder gegen ein Elektroauto. Der deutsche Markt bietet nach wie vor nur wenige kleine Modelle zu erschwinglichen Preisen.
Sind die Klimaziele noch zu erreichen?
Das Verkehrsministerium des Landes plant, dass bis 2030 – den Bundeszielen entsprechend – mindestens jedes dritte Auto ein E-Auto ist. Laut der Sprecherin müssten dafür heute schon etwa sieben Prozent der Autos vollelektrisch fahren, doch 2024 waren es nur vier Prozent. Bis 2030 soll der Anteil der vollelektrischen Neuzulassungen über 90 Prozent erreichen. Derzeit liegt er bei 17 Prozent.
Die Landesregierung könne nur punktuell handeln und lenken, sagt Henrik te Heesen. Er fügt hinzu: “Es wäre wichtig, dass eine neue Bundesregierung die richtigen Leitplanken für die Entwicklung beim Verkauf von E-Autos setzt, die über mehrere Jahre verlässlich sind, damit es für alle Marktbeteiligten einen klaren Fahrplan und Planungssicherheit gibt.”
Auch der Verkehrsminister Hermann kritisierte, dass die Debatte um das Verbrenner-Aus, der E-Mobilität und Technologieoffenheit Verbraucher erheblich verunsichert habe. Auch das schlage sich in den Zulassungen nieder. Er sieht die Verantwortung für die Klimaziele jedoch auf mehreren politischen Ebenen von der Europäischen Union bis zu den Kommunen.
KIT-Experte Martin Doppelbauer zweifelt: “Leider ist es inzwischen so, dass die neue Bundesregierung eher noch weniger für die Elektromobilität und den Umweltschutz tut als die alte.” Doppelbauer fordert einen schnellen Ausbau der Ladeinfrastruktur, Fördermaßnahmen für Elektroautos und eine Begrenzung der Ladepreise.
Korrektur: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, dass das Ziel der Landesregierung ein Anteil von 50 Prozent E-Autos sei. Präziser ist: Das Ziel sind 35 Prozent Anteil an vollelektrischen Autos sowie weitere 15 Prozent über alternative Antriebe. Wir haben die entsprechende Stelle spezifiziert.