Ehrenamt in der Krise? Nachwuchssorgen? Das gibt's beim Musikverein Waldau (Kreis Breisgau-Hochschwarzwald) überhaupt nicht. In dem 400-Seelen-Stadtteil von Titisee-Neustadt läuft's vorbildlich.
Ein Donnerstagnachmittag im Juli, am Gemeindehaus am Rande des Dorfes, mitten in den Feldern, umgeben von Bauernhöfen treffen die ersten Vereinsmitglieder ein. Statt Probe steht heute das "Sommerkonzert" an. Marc Spiegelhalter, Vorstand des Vereins, ist 23 Jahre alt. Jetzt packen alle mit ihm an: Sie tragen gemeinsam Stühle, Bierbänke, Mikrofone und ein Schlagzeug auf den Platz vor dem Haus. Im Verein gibt es 51 aktive Musikerinnen und Musiker, das heißt, jeder achte Bürger aus Waldau musiziert im Verein. "Tradition wird großgeschrieben, aber das heißt nicht, dass wir so weiter machen wie bislang. Nicht verkrampft oder lustlos - wir gehen voran und drücken dem Ganzen einen eigenen Stempel auf", so Spiegelhalter. Sie hätten einen ganz besonderen Weg gefunden, "mit Tradition umzugehen".
Junge Generation früh in Verantwortung
Den eigenen jungen Stempel kann man auch in den sozialen Netzwerken sehen. Sie drehen Videos für Instagram und Tiktok- fahren mit der Kutsche, aber auch mit einem Golfcar durch den Schwarzwaldort, zeigen sich als Hobby-Bierzapfer und Hobby-Wurstbrater. Termine organisieren sie online.
Der Musikverein hat eine lange Geschichte, es gibt ihn seit mittlerweile 126 Jahren. Zum Auftritt heute tragen alle das blaue Jubiläumsshirt vom vergangenen Jahr mit dem Aufdruck "125 Jahre und noch immer in Takt". Jede Woche investieren die Musikerinnen und Musiker viel Zeit für den Verein. Neben den Proben gibt es zahlreiche Auftritte. Für das große Jubiläum haben sich im vergangenen Jahr sage und schreibe 40 Vereinsmitglieder zwei Wochen Urlaub genommen. Keine Frage: Dieser Verein ist intakt und geführt von einem jungen Team an der Spitze. "Da sei schon länger so", meint Spiegelhalter. Der jüngste Vorstand in der Geschichte war gerade mal 19 Jahre alt. Spiegelhalter kehrte selbst nach dem Studium in Konstanz zurück nach Waldau. Wegziehen will er nicht und pendelt stattdessen zum Arbeitsplatz nach Villingen-Schwenningen.
Wir haben einen ganz besonderen Weg gefunden, mit Tradition umzugehen.
Was macht den Musikverein auch für junge Leute so attraktiv?
"Es ist die Identifikation mit dem Ort, man trifft Freunde und Familie", meint Spiegelhalter. Hier fühlt man sich verbunden und zusammengehörend. Im Verein kommen alle zusammen: Zimmerleute, Steuerberater und Politikwissenschaftler. Und nicht für alle ist die Leidenschaft zur Blasmusik das Wichtigste, vielen geht's einfach um die Gemeinschaft, erklären sie selbst. Clemens Ketterer spielt Tenorhorn und ist Festwirt des Vereins. "Wir sind ein junges Team, wenn du unterwegs bist, ist es eigentlich immer eine Gaudi, wir merken, dass die Jugend dafür brennt".
Ein halbes Jahrhundert ist Schlagzeuger Franz Beha schon im Verein und noch immer mit Spaß dabei. "Wir sind ja ein toller Haufen - von 14 bis 75 - und diese Gemeinschaft macht Spaß". Seine Eltern hätten ihn damals im Verein angemeldet, dann sei er aufgehoben und versorgt - und das sei dann auch so gewesen.
Der ganze Verein wie eine Familie
"Wir haben ein Gemeinschaftsgefühl, das vielleicht schon etwas besonders ist", erklärt Vereinsvorstand Spiegelhalter. Der ganze Verein sei irgendwie Familie - tatsächlich spielen auch sein Bruder, sein Vater, die Schwägerin und Cousins und Cousinen mit. In Kooperation mit der Jugendmusikschule und Grundschule wird mit einer sogenannten "Bläserklasse" für Nachwuchs gesorgt. In der Jugendarbeit kooperiert der Verein mit den Nachbarorten Titisee und Jostal. Das Durchschnittsalter im Verein liegt bei unter 31 Jahren.
In Baden-Württemberg gibt es insgesamt mehr als 86.000 Vereine - rund 1.400 gehören dem Blasmusikverband an. Im Ehrenamt engagieren sich in Baden-Württemberg überdurchschnittlich viele Menschen: Rund 46 Prozent. Doch viele beklagen Bürokratie, Auflagen und mangelnden Nachwuchs im Ehrenamt.
Auf die Frage nach solchen Schwierigkeiten lächelt der 23-jährige Vorstand aus dem Hochschwarzwald: "Ja, es stimmt- es gibt viele Sachen, die einen nerven, aber aufgeben ist ja keine Option." Jammern würde ja nicht helfen.
Wunsch an die Landespolitik: Vertrauen Sie den Leuten
Von der Landespolitik fordern sie hier im Schwarzwald nicht viel für den Verein. Nur einen Wunsch hat der junge Vereinschef: "Jedem Vorstand, der sich demokratisch wählen lässt, ist bewusst, dass er Verantwortung trägt, dass er haftbar ist und so auch eine gewisse Angriffsfläche bietet." Deswegen würde er sich von der Heimatministerin wünschen, "dass sie den Leuten vertraut und in die Verwaltung zurückspielt, dass die Leute vor Ort schon ganz gut Bescheid wissen".
Die zuständige Ministerin Marion Gentges (CDU) hat kürzlich grundsätzlich mehr Unterstützung für Vereine angekündigt. Sie beteuert, die Ehrenamtlichen, die im Verein engagiert sind, hätten das Vertrauen der Landesregierung. "Wir wissen, mit welchem Verantwortungsbewusstsein sie arbeiten, mit welchem Engagement, das in Wahrheit ja den wahren Reichtum dieses Landes ausmacht".
Bue, du gosch in die Musik, dann bisch aufghebt und versorgt, und das war dann ja auch so.
Ministerin weiß, was sie am Ehrenamt hat
Nicht alle Vorgaben würden aus Baden-Württemberg kommen aber: "Wo wir es nicht in der Hand haben, können wir unterstützen durch Beratung, wie ich ein Fest organisiere, welche rechtlichen Dinge ich beachten muss, um einfach Sicherheit zu geben, damit man Aktivitäten nicht deshalb unterlässt, weil man sich unsicher ist, ob man das alles richtig macht." Wer Fragen hat, kann sich beispielsweise per Mail an die Bürgerreferentin des Ministeriums wenden.
Mittlerweile ist das Sommerfest des Musikvereins in Waldau in vollem Gange. Jung und Alt haben sich in der Abendsonne bei gebratenen Würstchen und Bier versammelt. Spiegelhalter steht in der letzten Reihe bei den Trompeten. Der Musikverein spielt eine Polka, Mission Impossible-Filmmusik, es gibt Soloeinlagen, Gesang und ein Medley von Robbie Williams. Modern, kreativ und gleichzeitig traditionell - eben der besondere Ton des Musikvereins Waldau, der hier viele anzieht und zusammenhält.