"Zupacken und ranklotzen" solle man in Deutschland angesichts der Wirtschaftskrise: Das sagte zuletzt Winfried Kretschmann und wiederholt es immer wieder. Der grüne Ministerpräsident ist sich dabei mit vielen Politikerinnen und Politikern aus der Union einig, etwa mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Auch die Spitzenkandidaten der CDU und der FDP bei der Landtagswahl sind der Meinung, dass mehr gearbeitet werden müsse in Deutschland.
So wie vor ihnen schon andere Politiker verweisen sie dabei auf unser Nachbarland: "In der Schweiz wird 200 Stunden mehr gearbeitet", sagte Hans-Ulrich Rülke (FDP) kürzlich bei einer Podiumsdiskussion der "Stuttgarter Zeitung", und Manuel Hagel (CDU) äußerte sich vor wenigen Tagen im "Handelsblatt": "Wir Deutschen arbeiten rund 200 Stunden weniger als die Schweizerinnen und Schweizer." Aber stimmt das?
- Wie viel arbeiten Schweizer und Deutsche?
- Ist Teilzeit ein Problem?
- Könnten die Deutschen mehr arbeiten?
- "Mehr arbeiten" oder "besser arbeiten"?
- Unsere Bewertung
Wie viel arbeiten Schweizer und Deutsche?
Das deutsche Statistische Bundesamt gibt die durchschnittliche wöchentliche Arbeitszeit in Deutschland im Jahr 2024 mit 34,3 Stunden an, für die Schweiz mit 35,2 Stunden. Fast eine Wochenarbeitsstunde weniger also in Deutschland: Aufs Jahr hochgerechnet käme man so insgesamt (abzüglich Urlaub) auf rund 42 Arbeitsstunden mehr für die Schweizer.
Allerdings: Die offiziellen Zahlen aus der Schweiz sprechen eine andere Sprache.Das Schweizer Bundesamt für Statistik gibt für dasselbe Jahr nur 32,3 Wochenstunden an; mit eingerechneten "Absenzen" - Schweizerdeutsch für Abwesenheiten - sogar nur 30,9 Stunden. Also deutlich weniger Arbeitsstunden als in Deutschland.
Es ist also nicht mal klar, ob in der Schweiz überhaupt mehr gearbeitet wird als in Deutschland – oder sogar deutlich weniger. Dass die offiziellen Zahlen aus der Schweiz denen aus Deutschland widersprechen, zeigt, wie kompliziert ein solcher Ländervergleich ist. Aber wie kommen Hagel, Rülke und andere Politiker auf die Zahl von 200 Stunden, die die Schweizer angeblich mehr arbeiten sollen?
Offenbar stützen sie sich auf Zahlen, die die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) zusammengestellt hat. Die OECD listet die Arbeitsstunden für ihre Mitgliedsstaaten auf. Die OECD hat die Zahlen nicht selbst erhoben. Sie stammen aus Forschungsinstituten in den Ländern: In Deutschland ist das beispielsweise das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), die Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit.
Der OECD-Auflistung zufolge liegt Deutschland tatsächlich rund 200 Stunden hinter der Schweiz. Die OECD selbst hat die Zahlen aber durch eine Art "Warnhinweis" ergänzt: Diese seien "für Vergleiche bezüglich der Höhe der durchschnittlichen Jahresarbeitszeiten nicht geeignet, wegen Unterschieden bei den Quellen und Berechnungsmethoden".
Es sind Faktoren wie die Anzahl der Urlaubs- und Feiertage und der Anteil der Vollzeit- und Teilzeitarbeitskräfte, die von den verschiedenen Forschungs- und Statistikinstituten in den einzelnen Ländern unterschiedlich behandelt werden und dadurch den Vergleich so schwierig machen. Genau diesen Vergleich aber ziehen Hagel und Rülke.
Ist Teilzeit ein Problem?
Einige Politiker sind der Auffassung, der hohe Anteil an Teilzeitarbeitskräften sei einer der Gründe, weshalb in Deutschland "zu wenig" gearbeitet werde. "Mit Work-Life-Balance und Viertagewoche lässt sich der Wohlstand unseres Landes in Zukunft nicht erhalten", sagt zum Beispiel Bundeskanzler Merz.
Die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT), die innerhalb der CDU die Interessen der Wirtschaft vertritt, machte jüngst Schlagzeilen, als sie forderte, es dürfe "kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit" gewährt werden. Die provokante Formulierung bedauerte der Verband später und betonte, dass Menschen, die wegen Kindererziehung, Pflege von Angehörigen oder eigenen gesundheitliche Einschränkungen nur Teilzeit arbeiten, damit nicht gemeint waren.
Seinen Antrag hatte der CDU-Wirtschaftsverband damit begründet, dass "mit 40,1 Prozent die Teilzeitquote in Deutschland einen neuen Rekordwert erreicht" habe. Diese Zahl hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 2025 erhoben. Übrigens: In der Schweiz arbeiten offiziellen Zahlen zufolge 42 Prozent der Arbeitnehmer in Teilzeit - also noch mehr als in Deutschland.
Sind die vielen Teilzeitarbeitskräfte ein Problem? Nicht unbedingt, sagt Enzo Weber, der beim IAB den Forschungsbereich "Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen" leitet. In den vergangenen Jahrzehnten sei die Erwerbsquote "enorm gestiegen", weil immer mehr Frauen, aber auch Ältere und Studierende in sozialversicherungspflichtigen Jobs arbeiteten.
"All diese Gruppen haben eher niedrige Arbeitszeiten", sagt Weber. Dass nun mehr von ihnen in der Statistik auftauchen, sorge dafür, dass die Anzahl der Arbeitsstunden im Durchschnitt sinke: "Aber das sind zusätzliche Stunden, keine verlorenen“, so Weber. Demzufolge ist es sogar eine positive Entwicklung für den Arbeitsmarkt, die in der steigenden Anzahl an Teilzeitarbeitskräften zum Ausdruck kommt.
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Könnten die Deutschen mehr arbeiten?
Trotzdem ginge es noch besser, sagt IAB-Forscher Weber: "Wir könnten enorm gewinnen, wenn die berufliche Entwicklung von Frauen in der Kinderphase nicht mehr so abknickt." Damit das gelingt, brauche es "Kinderbetreuung, flexible Arbeitszeitmodelle, finanzielle Anreize im Steuer- und Sozialsystem", so Weber.
Unterstützung erhält Weber von Marcel Fratzscher, dem Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW): "Der beste Weg zu mehr Beschäftigung ist nicht, Menschen in Vollzeit zu mehr Überstunden zu drängen, sondern den vielen Beschäftigten in Teilzeit, vor allem Frauen, die vielen Hürden für Mehrarbeit aus dem Weg zu räumen", sagt er.
Neben "einer besseren Verfügbarkeit von Kitas und Schulplätzen" nennt Fratzscher dabei auch eine "Reform des Ehegattensplittings". Die gemeinsame Steuerveranlagung von Ehepartnern steht seit vielen Jahren immer wieder in der Kritik. Sie sorge dafür, dass sich eine Erwerbstätigkeit für die weniger verdienende Person in einer Ehe, meistens die Ehefrau, steuerlich nicht ausreichend lohne - so die Kritik derjenigen, die eine Abschaffung des Ehegattensplittings fordern.
Einer Umfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) zufolge wären 77 Prozent der Befragten in Deutschland bereit, mehr zu arbeiten. Allerdings sei dies an genau die Bedingungen geknüpft, die die Wirtschafts- und Arbeitsmarktforscher fordern: mehr Flexibilität und weniger Belastung durch Steuern und Sozialabgaben.
"Mehr arbeiten" oder "besser arbeiten"?
"Wir müssen unsere Produktivität verbessern", sagt Katharina Hölzle. Es gehe dabei aber "um 'besser' und nicht um 'mehr'". Hölzle leitet das Institut für Arbeitswissenschaft und Technologiemanagement (IAT) der Universität Stuttgart und das Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft und Organisation (IAO). Sie sagt, die Debatte werde "zu einseitig und zu undifferenziert geführt".
In Unternehmen und Organisationen, in denen Wert auf gute Arbeitsbedingungen gelegt wird, sei die Produktivität oft höher und Krankenstände niedriger - und das nicht obwohl, sondern gerade weil Wünsche der Arbeitnehmer, beispielsweise nach flexiblen Arbeitszeiten, berücksichtigt würden.
Feiertage streichen für mehr Wirtschaftswachstum? Fraunhofer-Arbeitsexpertin genervt von Debatte über deutsche Faulheit und reine Mehrarbeit: "Müssen besser arbeiten"
Es war ein Hit in den Achtzigern: "Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt." Damals war es ironisch gemeint. Heute ist "Mehrarbeit" wieder ein politischer Hit, den aber manche Expertin nicht mehr hören kann.
Statt über Mehrarbeit sollte man laut Hölzle darüber diskutieren, welche Tätigkeiten aktuell und in Zukunft besser von Maschinen ausgeführt werden können - also durch Roboter oder Künstliche Intelligenz - und welche vom Menschen. Es brauche eine Gestaltung der Arbeitswelt, "in der die Akteure und ihr Zusammenspiel optimal unterstützt werden", so Hölzle. Dafür müsse man etablierte Strukturen in Frage stellen.
Hölzle geht davon aus, dass "der Anteil der Industriearbeitsplätze sinken wird". Sie wünscht sich eine ehrliche Debatte darüber, "welche Arbeitsplätze wir in Zukunft haben werden und wie wir die Menschen dafür ausbilden". Als Beispiele für Zukunftsbranchen nennt sie Robotik, Energie und Medizintechnik.
Unsere Bewertung
Die Behauptung, wonach die Schweizer pro Jahr 200 Stunden mehr arbeiten als die Deutschen, ist falsch. Sie stützt sich offenbar auf eine Auflistung der OECD, doch diese eignet sich nicht für einen Vergleich zwischen den Ländern.
Laut dem Statistischem Bundesamt aus Deutschland arbeiten die Schweizer zwar etwas mehr als die Deutschen: aber nicht 200 Stunden pro Jahr, sondern nur 42. Dem Schweizer Bundesamt für Statistik zufolge arbeiten die Schweizer sogar deutlich weniger als die Deutschen! Die offiziellen Zahlen widersprechen sich also. Doch selbst wenn es so sein sollte, dass die Schweizer mehr arbeiten: 200 Stunden pro Jahr, wie es Hagel, Rülke und andere Politiker behaupten, geben die offiziellen Zahlen nicht her.
Grundsätzlich greift die Debatte darüber, dass die Menschen in Deutschland angeblich zu wenig arbeiten, zu kurz. Zielführender wäre eine Debatte darüber, wie Anreize geschaffen werden können, damit Menschen mehr und vor allem produktiver arbeiten können.