Tiefstand bei der Geburtenrate

Auslaufmodell Familie? Warum sich Menschen in BW wieder öfter gegen eigene Kinder entscheiden

In BW wurden 2025 rund 94.000 Babys geboren - fast 19.500 weniger als 2021. Oft bremsen Zukunftssorgen den Kinderwunsch. Was Betriebe und Politik gegen die Entwicklung tun wollen.

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Hohe Wohnkosten, fehlende Betreuungsmöglichkeiten und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Beruf machen die Entscheidung für ein Kind schwer, sagen viele Eltern und junge Menschen, die mit dem Gedanken spielen, eine Familie zu gründen. Und jetzt soll auch noch das Elterngeld gekürzt werden: Ab Ende 2027 sind statt bisher 14 nur noch maximal 12 Monate Basiselterngeld vorgesehen. Kann Politik diesen gesellschaftlichen Trend überhaupt aufhalten?

Kinder sind finanzielle Belastung für junge Eltern

"Wenn unsere Tochter nicht schon auf der Welt wäre, würde ich sagen: Ein Kind reicht" - harte Worte einer jungen Mutter. Anna Radermacher aus Kornwestheim hat zwei kleine Kinder. Vor einem Jahr kam ihre Tochter auf die Welt. Eine große Freude aber auch ein großer finanzieller Einschnitt, sagt sie. Im Moment ist sie noch in Elternzeit. Aber der Druck ist da, wieder arbeiten zu gehen, wieder mehr Geld in der Familienkasse zu haben: "Finanziell sind wir froh, wenn die Elternzeit wieder vorbei ist und wir einfach zwei geregelte Einkommen haben."

Anstrengend sei der Alltag mit mehreren Kindern. Ein ständiger Kampf um die Betreuung und überall steigende Kosten. Mit ihrer Belastung und ihren Sorgen scheint Anna Radermacher nicht allein zu sein, zeigen wissenschaftliche Untersuchungen.

Anna Radermacher mit dem Fahrrad und ihren Kindern unterwegs.
Vor einem Jahr kam die Tochter der zweifachen Mutter Anna Radermacher auf die Welt.

Zukunftssorgen bremsen den Kinderwunsch

Martin Bujard ist Familiensoziologe und Forschungsdirektor des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung. Er befragt in seinem Institut jährlich 30.000 junge Menschen, wie sie leben und arbeiten wollen in der "Rushhour des Lebens". Für Professor Martin Bujard ist die Erschwernis der Vereinbarkeit von Familie und Beruf ein "zentraler Grund für die niedrige Geburtenrate". Das habe sich in den letzten 20 Jahren durch den Kita-Ausbau und das Elterngeld zwar deutlich verbessert. Allerdings sei die Geburtenrate vor vier Jahren wieder eingebrochen und das in ganz Europa, nicht nur in Deutschland.

"Das liegt daran, dass sich Menschen wegen der multiplen Krisen sehr viele Zukunftssorgen machen und den Kinderwunsch aufschieben", so der Familienforscher. Im europäischen Ausland sähe es teilweise besser aus mit der Geburtenrate. Ungarn sei hier beispielsweise mit Geburtsprämien erfolgreich gewesen. Auch die Franzosen bekämen deutlich mehr Kinder, weil sich hier Familie und Beruf leichter in Einklang bringen ließen.

Familienfreundliche Betriebe: Firma führt "Baby-Auszeit" mit vollem Gehalt ein

Von Arbeitsbedingungen, wie bei der IT-Firma Hewlett Packard Enterprises (HPE) in Böblingen können viele junge Eltern in Baden-Württemberg nur träumen. Das Unternehmen mit sieben Standorten in Deutschland und rund 1.500 Mitarbeitenden hat 2019 einen betrieblichen Elternurlaub eingeführt: sechs Monate Baby-Auszeit bei vollem Gehalt.

Daniel Kröll hat sich Auszeiten genommen, obwohl er sogar als Führungskraft arbeitet. Jetzt nach der Elternzeit kann er auch viel Zeit im Homeoffice mit seinen drei Kindern verbringen.

Daniel Kröll sitzt an seinem Schreibtisch. Daniel Kröll hat den betrieblichen Elternurlaub seines Unternehmens genutzt.
Daniel Kröll hat den betrieblichen Elternurlaub seines Unternehmens genutzt.

Personalchefin ist von Elternzeit überzeugt

Die Elternzeit sei ein Volltreffer für das Unternehmen, erzählt Margit Chiupke, Personalchefin bei HPE. Rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hätten sie schon in Anspruch genommen. Margit Chiupke hat selbst Elternzeit genommen. Während die Elternzeit für manche Beschäftigte in anderen Betrieben oft einen Karriereknick bedeutet, wurde sie bei ihrer Rückkehr zur Personalchefin befördert.

Der Elternurlaub koste das Unternehmen zwar viel Geld, aber nicht nur die Bindung ans Kind werde intensiver, auch die Bindung an das Unternehmen. So zahle sich die Investition aus. "Jeder der sich wohlfühlt und weiß, okay, er kann beides vereinbaren, Familie oder Privatleben und die Arbeit, ist aus unserer Sicht auch leistungsbereiter", sagt Margit Chiupke.

Für Daniel Kröll war dieses familienfreundliche Betriebsklima entscheidend dafür, dass er sich für eine große Familie entschieden hat: "Ich bin mir nicht sicher, ob es tatsächlich drei Kinder wären, wenn diese Gegebenheiten nicht so sind, wie sie sind."

Viele Kinderwünsche und trotzdem niedrige Geburtenrate

Nicht nur die Unternehmen, auch die Politik kann hier günstige Rahmenbedingungen schaffen, da ist sich Familienforscher Martin Bujard sicher: "Tatsächlich ist es so, dass die Kinderwünsche deutlich höher sind als die Geburtenrate. Das heißt, viele Menschen schieben die Kinderwünsche auf und realisieren sie nicht, weil ihnen die Rahmenbedingungen einfach nicht ausreichen. Und da kann Politik natürlich einiges tun". Da gehe es nicht nur um die Unterstützung der Familien mit Elterngeld sondern zum Beispiel auch um bezahlbaren Wohnraum.

Politik habe laut CDU-Abgeordneter schon "viel erreicht"

In der landespolitischen SWR-Sendung "Zur Sache Baden-Württemberg" bemühte sich die CDU-Politikerin Christina Stumpp, Solidarität mit den jungen Familien zu zeigen. Eltern zu werden sei ein "Wahnsinn". Sie kenne das aus eigener Erfahrung. Familienfreundliche Betriebe wie HPE seien eine gute Sache. Das sei die Zukunft, aber nur auf "freiwilliger Basis". Man könne das den Betrieben nicht vorschreiben.

In der Diskussion äußerte sie außerdem die Meinung, dass die Politik "schon viel erreicht" habe. Es gehe jetzt unter anderem noch darum die Lebenshaltungskosten zu senken, beispielsweise die Spritpreise. An diesem Thema sei die Bundesregierung aktuell dran.

CDU-Politikerin Christina Stumpp will den Betrieben nicht vorschreiben, wie familienfreundlich sie sein sollen.
CDU-Politikerin Christina Stumpp will den Betrieben nicht vorschreiben, wie familienfreundlich sie sein sollen.

Experte: Niedrige Geburtenrate kostet Wohlstand

Familienforscher Martin Bujard zeigte sich unzufrieden mit dem Ist-Zustand im Land: "Es kostet uns Wohlstand, wenn die Geburtenrate so niedrig ist." Die Politik müsse hier "mehr machen". Auch die zweifache Mutter, Anna Radermacher aus Kornwestheim will nicht weiter hinnehmen, wie es für junge Familien läuft. In der Diskussionsrunde bei "Zur Sache Baden-Württemberg" äußerte sie ihre Ängste, dass beim Elterngeld gekürzt werden könnte und plädierte für eine "familienfreundlichere Politik".

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Jürgen Rose
Jürgen Rose ist Teil der Redaktion von "Zur Sache! Baden-Württemberg".
Hannes Köhle
Hannes Köhle ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".
Nicole Florié
Nicole Florié ist Teil des Teams von "Zur Sache! Baden-Württemberg".

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