Warum verschwinden Glaube und Religion selbst im Schwarzwald? Diese Frage treibt den Soziologen und Jesuitenpriester Jörg Alt um – und er sucht Antworten, auch im Gespräch mit seiner Gemeinde. Bis vor kurzem lebte er in Großstädten, hat sich bei den Klimaprotesten engagiert, Straßen blockiert und saß deshalb im Gefängnis. Seit Anfang 2026 ist er Dompfarrer im kleinen St. Blasien im Südschwarzwald.
Was passiert, wenn ein politisch engagierter Jesuitenpriester in eine Region kommt, in der der Glaube ‚verdunstet‘ ist? Ein Gespräch über eine Kirche, die Besucher hat, aber kaum noch Gläubige – und darüber, was sich ändern müsste.
Vom Klimaaktivist zum Schwarzwald-Pfarrer
Wenn der neue Dompfarrer von Sankt Blasien über seinen Weg in den Schwarzwald spricht, klingt das zugleich nach Neuanfang und Resignation. Jahrzehntelang war der Jesuit und Soziologe politisch aktiv, kämpfte für mehr Klimaschutz, gegen Armut und sprach über Migration. Für eine Aktion des zivilen Ungehorsams saß er 25 Tage im Gefängnis.
Danach war für ihn klar: So kann es nicht weitergehen. Demonstrationen, Petitionen, wissenschaftliche Mahnungen – ‚hat ja nichts bewirkt‘, sagt er rückblickend. Seit Oktober lebt er nun in Sankt Blasien. Er hat eine halbe Stelle als Dompfarrer. Der Rest der Zeit ist für seine politische Arbeit und fürs Bücherschreiben reserviert.
In St. Blasien war er schon früher oft im Sommerurlaub, erzählt er. Als sein Orden ihn fragte, ob er dort die Vertretung übernehmen wolle, sagte er sofort zu. „Ich bin ja Priester geworden, nicht um am Schreibtisch zu sitzen oder Politiker zu ärgern, sondern um etwas mit Religion zu machen.“
Der Glaube "verdunstet" - auch im Schwarzwald
Als er sich entschieden hatte, seinen Aufenthalt sogar deutlich zu verlängern, hat er sich umgehört und Gespräche geführt und ist erschrocken. Ihm wurde klar, wie wenig der Glaube selbst im Schwarzwald noch verwurzelt ist.
Wenn Leute sagen: Ich brauch die Kirche nicht mehr - dann ist der Glaube in ein, zwei Generationen auch futsch.
„Die Lage ist katastrophal“, sagt er und nennt Beispiele: In einem Schuljahr gab es nur ein Kind im katholischen Religionsunterricht. Bei einer Firmvorbereitung habe er Jugendliche angeschrieben und sie nach ihren Wünschen und Erwartungen an die Kirche gefragt. „Keine Reaktion“, sagt er schulterzuckend.
Der Satz einer Frau blieb ihm besonders hängen: "In meiner Generation sind Glaube und Religion verdunstet, und man vermisst sie nicht“. Der Soziologe hat entschieden, seinen Aufenthalt im St. Blasien zu verlängern. Er will verstehen was los ist und Dinge verändern.
Ist Glaube ohne Kirche möglich?
Eine Umfrage vor Ort aus dem Jahr 2024 lässt Jörg Alt aufhorchen: Die katholische Kirchengemeinde Hochrhein-Südschwarzwald hatte vor dem örtlichen Supermarkt die Menschen nach ihrer religiösen Einstellung gefragt: Mehr als die Hälfte der Jugendlichen und Erwachsenen gaben an, der Glaube habe für sie eine „mittlere bis hohe Bedeutung“. Trotzdem bleiben die Kirchen leer.
Braucht man für Glauben noch eine Kirche? Viele Menschen beantworten diese Frage inzwischen mit Nein. Der Pfarrer sagt, das sei falsch: "Wenn Leute sagen: Ich brauch die Kirche nicht mehr - dann ist der Glaube in ein, zwei Generationen auch futsch“.
Trotz allem ist sein Blick nicht völlig pessimistisch. Er glaubt, dass viele Menschen ein „spirituelles Verlangen" haben und auf der Suche sind nach dem, was über materielle Dinge hinausgeht. Er fragt sich: "Wie kommen wir mit den Menschen in Dialog? Warum finden diese Menschen unsere Angebote nicht?"
Hunderttausende Besucher in der Kirche, aber kaum noch Gläubige
Um eine Antwort ringt er immer noch. Jeden Sonntag sei der Dom von St. Blasien voll mit Menschen, erzählt der Pfarrer. Der Großteil sind Touristen und Menschen aus den Nachbarorten. Das Gebäude zieht sie an - das Erzbistum Freiburg schätzt, dass jedes Jahr eine halbe Million Menschen den Dom besuchen.
Der Jesuit ist überzeugt, dass die Menschen nicht aus religiösen Gründen kommen, sondern weil sie die Atmosphäre und das Gebäude mögen, die Orgelmusik. Oder vielleicht auch wegen seiner Predigten am Sonntag, mit denen er immer wieder aneckt.
Man staunt immer wieder, was Leute für katholisch halten.
Kleine Schritte: Was die Gemeinde versucht
Mit seinen Sorgen, um den Verlust von Glauben und Religion ist der Dompfarrer nicht allein. Auf seine Einladung zum Gedankenaustausch kommen rund 50 Menschen zum Vortragsabend. Mit dabei auch ein Mann, der inzwischen aus der katholischen Kirche ausgetreten ist.
Was können wir anders oder besser machen? Lebhaft wird diskutiert. Einfach mit der Kaffeetasse in der Hand in der Kirche Menschen ansprechen, so ein Vorschlag aus der Runde. Die Idee findet große Zustimmung und drei Freiwillige melden sich sofort. Sie wollen es zumindest versuchen.
Es sind nicht die großen Dinge, die sich vor Ort ändern können. Eher kleine. Der Vorschlag, die "immer gleichen, langweiligen liturgischen Abläufe ändern" hält Alt für unrealistisch. Das ist ein dickes Brett, sagt er.
Und mehrfach wird der Wunsch laut, dass der engagierte Dompfarrer mehr auf seinen Social-Media-Kanälen postet und dort zeigt, was Kirche kann. Dieser Gedanke ist auch dem umtriebigen Pfarrer nicht fremd, doch damit sei ein unglaublicher Zeitaufwand verbunden, gibt er zu bedenken.
Ob er die "verdunstete" Religion im Schwarzwald wiederbeleben kann, weiß Jörg Alt nicht. Aber den einfachen Weg hat er auch schon zuvor nicht gewählt. Er will es versuchen – mit Gesprächen, kleinen Experimenten und einer Kirche, die sich nicht mit vollen Bänken aus Touristengruppen zufrieden gibt.