Wenn die Tage kürzer werden, sind wohnungslose Menschen der Kälte besonders ausgesetzt. Für den Andrang auf Notunterkünfte spielt die Jahreszeit inzwischen keine Rolle mehr. Das sagt Simone Hahn vom Diakonischen Werk Freiburg. Ob Sommer oder Winter - die Nachfrage nach Hilfe bleibt hoch. Doch die kommt nur schleppend an.
Auch in Freiburg: Fehlender Wohnraum als Hauptgrund für Wohnungsnot
Größere Städte sind wegen ihrer Hilfsangebote oft Ziel von Wohnungslosen, so Boris Gourdial, Leiter des Freiburger Amts für Soziales. Die angespannte Lage in Freiburg sei beispielhaft für die Situation in Ballungsräumen in Deutschland. Das Leben wird seiner Meinung nach teurer und es fehlt an Wohnraum. Das sei der Hauptgrund dafür, dass Menschen in Wohnungsnot geraten, fügt Gourdial hinzu.
Es gibt viele weitere Gründe. Wenn Menschen aus einem langen Krankenhausaufenthalt entlassen werden oder es private Konflikte im Wohnumfeld gibt, kann das zur Wohnungslosigkeit führen. Auch Scheidungen und Kündigungen aufgrund von Eigenbedarf spielen eine Rolle. Menschen aus dem Ausland können gefährdet sein, wenn sie beispielsweise für den Arbeitsplatz nach Deutschland ziehen und keine Wohnung finden.
Wohnungslosigkeit: kein Randphänomen mehr
Simone Hahn ist Fachbereichsleiterin der Wohnungslosenhilfe vom Diakonischen Werk Freiburg. Für sie steht fest: Wohnungslosigkeit ist längst kein Randphänomen mehr, sondern in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Menschen geraten in Wohnungsnot, die sie noch vor Jahren nie in einer solchen Situation vermutet hätte.
Das wird auch in den Freiburger Notunterkünften bemerkt. Im vergangenen Jahr stiegen die Übernachtungen um etwa zehn Prozent auf 22.600. Der Freiburger Gemeinderat ist sich einig - Wohnungslosigkeit muss bekämpft werden. Er beschloss das Ziel, jährlich zehn Prozent der freiwerdenden Wohnungen zu vermitteln. Darüber hinaus wollte die Stadt innerhalb von fünf Jahren 200 Kleinstwohnungen für Wohnungslose bauen. Nur sechs davon stehen heute. Weitere sollen kommen, aber später als geplant und weniger: insgesamt sind nur noch 130 Kleinstwohnungen vorgesehen.
Die Stadt begründet den zähen Baufortschritt vage mit "Projektabläufen, äußeren Rahmenbedingungen und Planungszeiträumen". Auf Nachfrage ergänzt die Stadt, dass der Bau von Kleinstwohnungen für Einzelpersonen im Verhältnis teurer sei als der von größeren Wohnungen, die für mehrere Personen ausgelegt sind. Grund dafür sei, dass auch in der kleinsten Wohnung Küche und Bad nötig seien.
Sozialarbeiterin: "Die Stadt versucht ihr Möglichstes, aber das reicht nicht aus"
Sozialamtsleiter Gourdial räumt Versäumnisse ein. Die Stadt Freiburg habe ehrgeizige Ziele gehabt und die Umsetzung habe länger gedauert als angenommen. Für Simone Hahn von der Diakonie ist das kein Trost. Sie kritisiert, dass die Stadt zwar um Besserung bemüht sei, dies aber nicht ausreiche. Für Betroffene würde die Situation immer belastender.
Seit 25 Jahren bin ich als Sozialarbeiterin tätig und so gruselig wie jetzt war es noch nie.
Aufgelegte Wohnungsprogramme wie der erwähnte Bau von Kleinstwohnungen seien zwar gut, aber sie müssten auch umgesetzt werden, findet sie. Wohnungslose könnten auch nur dann in städtische Wohnungen vermittelt werden, wenn es welche gäbe. Im Moment sei aber kaum Bewegung am Wohnungsmarkt zu spüren, so Hahn weiter.
Von den Wohnheimen sollen die Menschen in städtische Wohnungen vermittelt werden. Das dauere im Schnitt fünf Jahre. Das lange Warten löst bei Wohnungslosen zusätzliche psychische Belastungen aus und führt zu einer Perspektivlosigkeit, erzählt Hahn.
Immer mehr Wohnungslose schlafen im Winter auf der Straße
Im November vergangenen Jahres warteten rund 250 Personen auf einen Platz in einem Wohnheim. Gleichzeitig nächtigten im vergangenen Winter in Freiburg laut einer offiziellen Erhebung der Stadt knapp 200 Personen im Freien, ein Anstieg um etwa 50 Prozent. Laut Sozialarbeiterin Hahn dürften tatsächlich noch mehr Menschen von Obdachlosigkeit betroffen sein.
Mehr Männer als Frauen nutzen die Hilfsangebote der Stadt. Das liegt laut Gourdial von der Stadt Freiburg an unterschiedlichen Hemmschwellen, sich Hilfe zu suchen. Der Frauenanteil in den Notunterkünften ist in den vergangenen Jahren auf ein Viertel gestiegen. Frauen kämen oft in deutlich kritischeren Zuständen zu den Angeboten der Stadt, so Gourdial.
Für Frauen oder Menschen, die sich nicht dem binären Geschlechtssystem zuordnen, hat die Stadt zusammen mit dem Diakonischen Werk Hilfsangebote geschaffen. Die Tagesstätte "FreiRaum" bietet beispielsweise Schutzräume, Beratungsstellen und Unterstützung im Alltag. Doch das Hauptproblem bleibt: Es fehlt an Wohnraum. Die Stadt sieht sich nicht alleine in der Pflicht - sie ist nach eigenen Angaben auf die Zusammenarbeit mit weiteren Beteiligten aus dem Wohnungsgewerbe angewiesen.