Hohe Arbeitsbelastung in Kliniken

"Erschöpft, krank, ausgelaugt" - Wie Ärztinnen und Ärzte unter Spardruck an Krankenhäusern leiden

Der Stellenabbau an Kliniken in Baden-Württemberg wirkt sich direkt auf die Arbeit des medizinischen Personals aus. Eine Betroffene erzählt, was das für sie bedeutet.

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Von Autor/in Clara Gehrunger

Krankenhäuser müssen zunehmend sparen - auch beim medizinischen Personal. Das wirkt sich unmittelbar auf die Arbeit der verbleibenden Ärztinnen und Ärzte aus. Darüber zu reden, ist für viele Mediziner ein Tabu. Doch eine Betroffene gibt dem SWR Einblick in einen Alltag, der krank macht: von steigender Arbeitsbelastung, Frustration und gesundheitlichen Auswirkungen.

Hohe Arbeitsbelastung "absoluter Alltag"

Wenn Sabine (Name von der Redaktion geändert) sich auf den Weg zur Arbeit macht, begleitet sie ein schlechtes Gefühl. Die junge Ärztin im Bereitschaftsdienst und in der Notaufnahme eines Krankenhauses in Baden-Württemberg hat stressbedingt schon Bauchschmerzen, bevor es losgeht. Weil sie weiß, was sie auf der Arbeit erwartet. Während ihrer Schichten beißt sie sich durch, jedes Mal aufs Neue.

Bereitschaftsdienste dauern bei Sabine in der Regel 18 bis 24 Stunden. In dem Zeitraum versorgt sie Patientinnen und Patienten, Zeit für Pausen hat sie kaum. "Wenn ich zwischendurch drei Stunden schlafen konnte, dann war es ein guter Dienst", erzählt sie. Solche Dienste macht Sabine mehrmals im Monat. Vier bis sechs Mal arbeitet sie nachts, dazu kommen Wochenenddienste.

Wie viele Stunden sie pro Woche arbeitet, weiß Sabine nicht genau. Sie schätzt: wahrscheinlich mehr als 52 Stunden. Die Arbeitszeiterfassung beschreibt sie als unübersichtliches System - ein bekanntes Problem, an dem die Kliniken nach eigenen Angaben arbeiten.

Gesundheitliche Belastung für Beschäftigte und Patienten

"Letztes Jahr war es noch nicht so schlimm, da war ich nicht so ausgelastet", sagt Sabine, die schon als Kind immer Ärztin werden wollte. Inzwischen weiß sie, dass sie der Belastung nicht für den Rest ihres Lebens standhalten kann. "Ich will der Medizin bisher nicht den Rücken kehren. Aber dieser Arbeitsdruck ist der absolute Alltag."

Ich esse und schlafe unregelmäßig bis gar nicht, keine Chance zur Erholung vor dem nächsten Dienst.

Angesichts der hohen Arbeitsbelastung spricht Sabine von Frust und Traurigkeit. Unter diesen Bedingungen verliere sie ihre Leidenschaft für den Beruf und damit auch den Blick für ihre Patientinnen und Patienten. Neben ihrer eigenen Gesundheit sieht Sabine auch die ihrer Schützlinge in Gefahr. Denn das Risiko für Behandlungsfehler steige mit der Arbeitsbelastung. Außerdem können die längeren Wartezeiten Symptome verschlechtern. Im schlimmsten Fall, sagt Sabine, "ist die Chance auf Heilung verpasst".

Junge Beschäftigte in der Medizin in Abhängigkeitsverhältnis

Mit ihren Vorgesetzten kann Sabine darüber nicht sprechen. "Es wird erwartet, dass man sich aufopfert." In der Medizin herrsche ein "extrem hierarchisches System", gerade junge Beschäftigte litten unter einem starken Abhängigkeitsverhältnis. Viele Jüngere hätten nur befristete Verträge, die beim Stellenabbau schlichtweg nicht verlängert werden.

Eine Person mit Kapuze sitzt vor Scheinwerfern. Eine Ärztin berichtet anonym von hoher Arbeitsbelastung.
"Sabine" berichtet von zunehmender Arbeitsbelastung - und hat Angst, ihren Job zu verlieren, wenn man sie erkennt.

Sabines Schilderungen decken sich mit den Aussagen anderer Ärztinnen und Ärzte - auch von jenen in Führungspositionen - an Krankenhäusern in Baden-Württemberg. Im Hintergrundgespräch mit dem SWR werden sie sehr deutlich. Aber mit Klarnamen traut sich offenbar niemand, an die Öffentlichkeit zu gehen.

Zu schwer wiegen die Vorwürfe: Überstunden gehören demnach zum Alltag, Stellen werden gestrichen, Überbelegung der Stationen, regelmäßige Krankschreibungen der Beschäftigten angesichts der Überbelastung, Frust, verschlechterte Patientenversorgung, lange Wartezeiten und teils schwerwiegende Behandlungsfehler.

Beschäftigtenbefragungen an der Uniklinik Freiburg

Eine interne Beschäftigtenbefragung des Personalrats der Uniklinik Freiburg, deren Ergebnisbericht dem SWR vorliegt, bestätigt einige dieser Vorwürfe. Fast 90 Prozent der teilnehmenden Ärztinnen und Ärzte bewerten darin ihre Personalsituation als angespannt, mehr als 57 Prozent sehen Patientinnen und Patienten durch die Sparmaßnahmen gefährdet.

Die Uniklinik Freiburg schreibt auf Nachfrage, diese Umfrage sei nicht repräsentativ und lasse deshalb "keine belastbaren Rückschlüsse auf die Gesamtheit unserer Beschäftigten zu". Die Klinik beobachte "seit Jahren einen deutlichen Rückgang der Überlastungsanzeigen in den Bereichen des Universitätsklinikums".

Eine Luftaufnahme von Gebäuden. Die Uniklinik Freiburg.
Laut einer internen Befragung des Personalrats der Uniklinik Freiburg bejaht ein Großteil der befragten Ärztinnen und Ärzte eine angespannte Personalsituation. Die Uniklinik weißt die Ergebnisse zurück.

Eigene, regelmäßig durchgeführte Befragungen der Mitarbeitenden wie zuletzt Mitte 2025 zeigten demnach "insgesamt eine hohe Zufriedenheit und eine überdurchschnittliche Arbeitgeberattraktivität des Universitätsklinikums Freiburg". Die internen Befragungen, auf die sich die Uniklinik bezieht, stellt der Sprecher dem SWR nicht zur Verfügung.

Kliniken finanziell unter Druck

Die Personaldecke ist vielerorts knapper geworden, Stellen laufen aus und werden nicht nachbesetzt. Viele Kliniken haben großflächige Stellenstreichungen angekündigt. Die Einrichtungen stehen finanziell zunehmend unter Druck, etwa angesichts der jüngsten Gesundheitsreform. Anfang Juli verabschiedete der Bundestag ein Gesetz, das die gesetzlichen Krankenkassen finanziell entlasten soll. Die Rechnung dafür tragen auch die Krankenhäuser.

Laut einer kurz darauf veröffentlichten Mitteilung der Baden-Württembergischen Krankenhausgesellschaft (BWKG) machten die Krankenhäuser im Bundesland im laufenden Jahr bereits ein Defizit von 880 Millionen Euro. Durch das sogenannte Beitragsstabilisierungsgesetz geht die BWKG davon aus, dass dieses Defizit im kommenden Jahr auf rund 1,65 Milliarden Euro ansteigen könnte. Gemeinsam mit Landkreistag, Städtetag und Gemeindetag fordert die Interessenvertretung der Kliniken im Land deswegen ein Nothilfeprogramm für Krankenhäuser.

Ärztevertretung: "Verstöße an der Tagesordnung"

Auch der Marburger Bund Baden-Württemberg warnt vor den Auswirkungen des Gesetzes zu den gesetzlichen Krankenkassen. Darunter würden besonders Kliniken leiden, die ohnehin schon rote Zahlen schrieben. Aber: "Personaleinsparungen sind der falsche Weg", so Michael Beck, der stellvertretende Geschäftsführer. "Denn das kann dazu führen, dass die Patientenversorgung gefährdet wird."

Schon jetzt seien Verstöße gegen "tarifvertragliche und arbeitszeitliche Regelungen an der Tagesordnung", sagt Beck weiter. Dabei gehe es um den Schutz der Ärztinnen und Ärzte - mit Auswirkungen auf das gesamte Gesundheitssystem.

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