Es sind erfreuliche Nachrichten für werdende Eltern in Freiburg: Voraussichtlich ab dem 11. oder 12. Februar 2025 gibt es am St. Josefskrankenhaus in Freiburg nun doch wieder eine Neonatalogie mit dem Stationsnamen "Storchennest". Ab dann können dort Säuglinge und Mütter wieder umfassend versorgt werden. Und Frauen können wieder frei wählen, wo sie in Freiburg gebären wollen. Doch über den plötzlichen Schritt zeigen sich einige überrascht.
SWR-Reporterin Jasmin Bergmann über die Irritationen im Ministerium aufgrund der neuen Neonatologie:
Ministerium erfährt in Presse von geplanter Neonatologie
Das Ministerium für Soziales, Gesundheit und Integration Baden-Württemberg zeigt sich überrascht und mehr als irritiert. Erstes hätten sie über die Wiedereröffnung der Neonatologie am St. Josefskrankenhaus in der Presse erfahren - und nicht vom Krankenhaus selbst. Seit Wochen sind sie miteinander im Gespräch. Doch die aktuellen Pläne "waren zu keinem Zeitpunkt Gegenstand der Gespräche", sagt eine Sprecherin des Sozialministeriums dem SWR. Die Ankündigung des St. Josefskrankenhauses gehe über eine reine Geburtsklinik hinaus. Das nicht mit dem Ministerium abzusprechen, sei sehr unüblich.
Und zweitens läuft noch ein Anhörungsverfahren. "Wir sind über das Vorgehen mehr als irritiert und halten es für inakzeptabel, dass das St. Josefskrankenhaus vor Ende des Anhörungsverfahrens versucht, Fakten zu schaffen", sagt eine Sprecherin des Ministeriums. Anfang des Jahres hatte das Sozialministerium an das Josefshaus ein Anhörungsschreiben gerichtet - mit der Bitte um eine Stellungnahme bis Anfang Februar 2025. In dem Verwaltungsverfahren geht es um die Schließung der Neonatologie am Josefshaus im September. Eine Antwort blieb bisher aus. Das St. Josefskrankenhaus ist laut Ministerium jedoch nicht zu einer Stellungnahme verpflichtet.
Neugeborenen-Station soll Versorgung für Babys und Mütter verbessern
"Wir fangen erstmal ganz klein an", sagt Bärbel Basters-Hoffmann, Chefärztin am St. Josefskrankenhaus in Freiburg. In der neuen Neonatologie soll es zunächst vier Mutter-Kind-Plätze geben. Sie werden dort aber "keine Behandlungen von schwerkranken Kindern" durchführen, wie zum Beispiel Beatmung, so die Chefärztin. Diese müssten trotzdem in die Uniklinik - "dafür braucht man die Zentralisierung".
Was sie auf der neuen Station machen, sind beispielsweise Behandlungen von Neugeborenen-Infektionen, Blutzuckererkrankungen oder einer schwereren Gelbsucht. Also Kinder, die nach der Geburt überwachungspflichtig sind. "Alles Dinge, die wir eigentlich niederschwellig hier leisten können" und die sie seit der Schließung ihrer Intensivstation nicht mehr machen konnten.
Neue Neonatologie "ist ein menschliches Ding"
Mit der Wiedereröffnung der Neonatologie müssen Mütter und Säuglinge, die nach der Geburt eine intensive Betreuung benötigen, nicht mehr in ein anderes Krankenhaus - sondern können im St. Josefskrankenhaus bleiben.
Das ist nicht, um Profite zu machen - das ist etwas Menschliches.
Deswegen hätten sie das gemacht, erklärt Basters-Hoffmann. Sie ärgere sich, dass es in einigen Medien teilweise so hingestellt werde, als würde es ihnen ums Geld gehen. Der Träger, die Artemed-Gruppe, nehme Millionen von Euro in die Hand, um die Eröffnung zu ermöglichen. "Mit einer Geburtshilfe verdient man nichts. Wenn es gut läuft, dann kann man damit seine Kosten decken", sagt sie.
"Die Wiedereröffnung der Neonatologie stand außer Frage", schreibt das St. Josefskrankenhaus in einer Mitteilung. Man habe schnell wieder eine Station öffnen wollen. Seit der Schließung im September 2024 bestehe dazu ein enger Austausch mit dem Ministerium. Eine Entscheidung habe aber noch nicht getroffen werden können. Deswegen hat das Krankenhaus entschieden: Es öffnet die Station eigenständig und mit eigenem Personal.
Leiharbeiter sollen vorerst im Josefskrankenhaus aushelfen
Nach Angaben des Krankenhauses wird auf der neuen Station rund um die Uhr ein Arzt oder eine Ärztin anwesend sein. Die Ärzte sollen alle Leiharbeiter aus der Neonatologie sein. Auch Kinderkrankenschwestern, die bereits auf der Neugeborenenstation arbeiten, sollen in der neuen Station tätig sein. Sollte zu wenig Personal vorhanden sein, "wird mit Leiharbeitern aufgefüllt", sagt Bärbel Basters-Hoffmann.
Uniklinik kritisiert den Umgang miteinander
Das Uniklinikum Freiburg zeigt sich gegenüber dem SWR enttäuscht. "[So etwas] habe ich in 15 Jahren noch nie erlebt", sagt Benjamin Waschow, Pressesprecher des Universitätsklinikums Freiburg. Über Social Media und die Presse hätten sie von der Wiedereröffnung erfahren. Seither habe es kein Gespräch zwischen Uniklinik und St. Josefskrankenhaus gegeben. "Das sind eigentlich keine Umgangsformen unter Kooperationspartnern", so Waschow.
Die Säuglings-Intensivstation im St. Josefskrankenhaus war eine Kooperation mit der Uniklinik. Diese Kooperation hatte die Uniklinik aufgekündigt. "Aus medizinischer Sicht ist die Zentralisation dieser hochkomplexen Versorgung absolut zu befürworten und wird von Fachkreisen gefordert", so Waschow.
Die Uniklinik wolle sich nun auch die anderen Kooperationsverträge nochmal ganz genau anschauen, sagt Waschow. Und prüfen, "wie und auf welcher Grundlage da eine weitere Zusammenarbeit möglich ist." Vor allem in der Kinderheilkunde kooperieren die Uniklinik und das Krankenhaus. Täglich gingen Ärzte ins St. Josefskrankenhaus und verabreichten Säuglingen die erste Impfung nach der Geburt, erklärt er.
Angespannte Kapazität in der Uniklinik?
Die Schließung der Intensivstation im St. Josefskrankenhaus soll zu Engpässen in der Versorgung geführt haben. So berichtete der SWR im September beispielsweise über eine Mutter, deren Neugeborenes nach Offenburg (Ortenaukreis) verlegt werden musste. Der Grund: Die Uniklinik Freiburg hatte keinen Platz und die Intensivstation des St. Josefskrankenhauses war bereits geschlossen. Laut Uniklinik mussten in den vergangenen eineinhalb Monaten drei Kinder in andere Kliniken verlegt werden.
"Uns haben im vergangenen Jahr unzählige Nachrichten erreicht, die die Verunsicherung in der Bevölkerung zur geburtshilflichen Versorgung widerspiegeln", sagt Bärbel Basters-Hoffmann, Chefärztin am St. Josefskrankenhaus. "Einige Mütter leiden an den angespannten Kapazitäten in der Uniklinik", sagt sie.
Trotzdem betont sie: Die Uniklinik sei unverzichtbar, vor allem was Hochrisiko-Geburten angehe. "Es ist völlig richtig, dass Mütter dann in eine Uniklinik gehen", so Basters-Hoffmann. Aber die Uniklinik ist ein sogenanntes Level 1 Haus und "auf Hochrisiko spezialisiert". "Level 1" bezeichnet eine Geburtsklinik ("Perinatalzentrum") der höchsten Stufe, welches von Neonatologen und Geburtshelfern gemeinsam geleitet wird.
Möchte man niedrigere Kaiserschnittraten erreichen, ist es laut Basters-Hoffmann wichtig, dass es auch Häuser gibt, die natürlichen Prozessen, Selbstbestimmtheit und Individualität Raum geben. Und genau das möchten sie bieten und eine Alternative zur Uniklinik sein.
Uniklinik weist Vorwürfe von sich
Dass sich die Versorgung in der Uniklinik Freiburg verschlechtert habe, seit die Säuglingsintensivstation am St. Josefskrankenhaus geschlossen und die Neonatologie zentral in der Uni gebündelt wurde, "weisen wir auf das Schärfste zurück", so Benjamin Waschow, Pressesprecher des Uniklinikums Freiburg. "Es war zu jeder Zeit zu schaffen", sagt er.
Sehr gut belegt, aber händelbar.
Es habe immer mal wieder einen Peak an Geburten gegeben, wo es auch mal dazu gekommen sei, dass ein Kind in ein anderes Krankenhaus verlegt werden musste - ja. "Aber das gab es davor auch schon und wird es auch immer geben, weil Geburten nicht planbar sind", so Waschow. Seit September 2024 würden sie keine Zunahme an Verlegungen sehen. Aktuell seien zum Beispiel noch Betten frei.
Aus der Säuglings-Intensivstation hatte viel Kritik ausgelöst
Im vergangenen September, vier Wochen früher als erwartet, hatte die Neonatologie am St. Josefskrankenhaus schließen müssen. Alle Kompetenzen sollten im neu eröffneten Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin gebündelt werden. Das St. Josefskrankenhaus hatte sich heftig dagegen gewehrt. Eine Online-Petition sammelte Unterschriften, damit die Säuglings-Intensivstation bleibt. Kritik gab es auch von Mother Hood e.V., einem Verein mit dem Ziel, die Versorgungsstruktur der Geburtshilfe in Deutschland zu verbessern.